Warum wir einen wie Gustav Heinemann bräuchten.

19 Feb

Hallo alle Miteinander,

eigentlich wollte ich mich zum Thema Bundespräsidenten bedeckt halten. Es wird genug über (un)mögliche im Netz diskutiert. Dann habe ich heute eine Doku über Gustav Heinemann bei Phoenix gesehen. Eine wirklich interessante Persönlichkeit wie ich finde.

Er war Berater der bekennenden Kirche, eine oppositionelle Bewegung gegen den Nationalsozialismus in der evangelischen Kirche. Darauf folgte ein Posten als CDU-Bundesminister, den er wieder räumte. Weil er gegen die Wiederbewaffnung der noch jungen BRD war. Sein Widerstand gipfelte in der Gründung einer eigenen Partei, der GVP. Johannes Rau gehörte ebenfalls dieser Partei an. Es gibt noch mehr Gemeinsamkeiten zwischen diesen Persönlichkeiten. Das gemeinsame Umfeld innerhalb der evangelischen Kirche im Rheinland, das gemeinsame „Scheitern“ der GVP, der gemeinsame Übertritt zur SPD, sowie das gemeinsame Bekleiden des höchsten Amtes der BRD.

Ich bin selbst bekennender Atheist, daher kann ich nur erahnen, wie schwierig es einst gewesen sein muss  als kritischer Christ die NS-Zeit zu überstehen. Ich kann nur ahnen wie schwierig es gewesen sein muss als Christ in seinem Umfeld für eine SPD-Mitgliedschaft zu stehen. Es geht hier um die Zeit vor 1968! Eine Zeit, wo vieles verkrustet, Kirche, Familie und Vaterland noch wichtig waren. Eine Person nimmt sehr viel in Kauf, wenn sie für ein eher abstraktes Ziel Posten aufgibt, Zeit, Energie und Wissen für dieses Ziel investiert.

Sicher, nach dem Scheitern, der GVP kam die Belohnung, das Amt des Bundesjustizministers sowie der krönende Abschluss: das Amt des Bundespräsidenten. Gewiss war dieser Weg aber nie. Es gab keine vorgezeichnete Karriere als Berufspolitiker. Die hatte er als Jurist auch gar nicht nötig.

Ich will mich über die heutigen Politiker nicht beklagen. Andere Zeiten bringen andere Menschen. Wer (zum Glück!) keinen Weltkrieg, keine totale politische wirtschaftliche und gesellschaftliche Zerstörung ertragen musste, entwickelt sich anders, wird ein anderer Mensch.

Vielleicht sind wir heute so karrieregeil, weil wir angst haben, alles verlieren zu können? Vielleicht sind wir deswegen so gefügig, weil wir Angst haben? Wenn wir das Gefüge ankratzen würden wir ausgeschlossen.

Joachim Gauck mag sicherlich ein passabler Kandidat sein. Er hat eine ähnlich interessante Biographie wie Heinemann. Nur, Heinemann und Gauck passen nicht recht in diese Gesellschaft. Überhaupt passen moralische Instanzen nicht mehr in die Gesellschaft. Wir wollen kritische Töne über Andere hören, Kritik an uns selbst ist unerwünscht. Versicherungsbetrug im kleinen ist in Ordnung, Korruption im großen soll illegitim sein? Das ist es auch, damit mich Niemand falsch versteht, nur, Betrug bleibt Betrug. Egal wie groß dieser auch sein mag.

Brauchen wir also Jemanden wie Heinemann? Ja, denn wir brauchen ein normatives Vorbild. Im Alltag wird weder der Versicherungsbetrug geringer, noch verzichten Manager auf ihr Gehalt, noch werden Politiker ehrlicher. Ein Vorbild, seine Reden, reichen allein nicht aus.

Aber: lieber ein moralisches Vorbild als gar keins. Wer kämpft der kann verlieren, wer gar nicht erst antritt will verlieren. Heinemann ist angetreten und hat seinen Kampf gewonnen. Er hat die Bundeswehr zwar nicht verhindern können, sicher hat er etwas zur Armee-kritischen Sicht der Bevölkerung beigetragen.

Wenn das nichts ist, was dann?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: