Archiv | März, 2012

Der Berufspolitiker – zwischen Ablehnung und Notwendigkeit

31 Mrz

Hallo alle Miteinander,

das Raumschiff der Berufspolitik fliegt nun schon seit 5000 Jahren um die Erde, eigentlich eine ganze Flotte. Auch wenn die 5000 Jahre eine willkürliche Zahl sind, unrealistisch ist sie sicher nicht. Seit es die Schrift gibt, werden Aufzeichnungen gefunden, wo Politiker als abgehoben definiert werden. Für die Pharaonen gilt ganz bestimmt. Die Könige in Versailles und ihr Gottesgnadentum, sind das in Stein gemeißelte philosophische sowie praktische Beispiel dieser Abgehobenheit.

Frz. Revolutionäre sind gescheitert, bei ihrem Versuch, die Volksherrschaft zu etablieren, was sie bekamen war Napoleon Bonaparte. Die ostdeutsche Bürgerrechtsbewegung ist verschwunden, was sie bekam ist Joachim Gauck, der sich als einer der Ihren reklamiert. Ob die Piraten ihren Kurs werden halten können, wird spannend zu beobachten sein.

Mitten in der Gegenwart angekommen, stößt uns das das Raumschiff Berufspolitik immer noch auf. Herrschende und Beherrschte sollen doch zusammenfallen! Dass das nicht funktioniert, stößt vielen sauer auf. Da tauchen die Piraten auf und versprechen das Gegenmodell zum Raumschiff Berufspolitik. Jeder soll sich an allem beteiligen können, alles liegt offen da, das Raumschiff scheint zu landen.

Alles nur Polemik, fasst Björn Böhning der SPDler und Mitarbeiter der Staatskanzlei Berlin die Arbeit der Piratenfraktion im Berlnier AGH zusammen. Gut, hier schreibt ein politischer Konkurrent. Ich finde dennoch folgenden Absatz interessant

Doch der Kern ist schlimmer noch: Die Piratenpartei im Parlament unterstellen dem gesamten politischen System, Regierung und Parteien, Korrumpierbarkeit, persönliche Seilschaften und verfolgt den Verdacht einer großen Weltverschwörung hinter allen Entscheidungen von Parlamenten oder der Regierung. Sie sind damit übrigens im Bündnis mit einem nicht geringen Teil der Medien oder mit dem Wikileaks-Gründer Assange. Der allerdings musste durch seine Veröffentlichungen selbst feststellen, dass es genau diese Verschwörung gar nicht gibt – sondern politische Prozesse eben bestimmten Logiken und vor allem der Konsenssuche folgen.

Ich kann diese Aussage nicht beurteilen, weil ich nicht dabei bin im AGH, wenn sich die Piraten positionieren. Die Piraten leben ein Stück weit von der Ablehnung des Raumschiff Berufspolitik. Es geht eben auch darum, die Illusion zu vermitteln, man könne das Raumschiff auf die Erde ziehen.

Selbst in der Schweiz, das als Musterbeispiel direkter Demokratie gilt, fliegt das Raumschiff weiter. Es nutzt die direkte Demokratie gelegentlich, um sich neuen Schub zu verschaffen. Die Minarettinitiative ist hierfür ein guter Beleg denke ich.

Wo ist nun aber ist die Notwendigkeit des Raumschiffs? Etablierte Schweizer Politikwissenschaftler wie Silvano Möckli sehen die repräsentative Demokratie als Ergänzung zu direkten Demokratie. Jemand muss eine konkrete Entscheidung formulieren die zur Abstimmung steht, Jemand muss den Alltagsbetrieb am Laufen halten, Jemand muss repräsentieren und Jemand muss Mehrheiten beschaffen. Auch in der Schweiz haben politische Repräsentanten genug zu tun.

Dann sind wir aber auch wieder bei Korrumpierbarkeit und persönlichen Seilschaften. Denn politische Mehrheiten müssen organisiert werden, gerade um den Alltagsbetrieb am Laufen zu halten. Der Grad zwischen motivierender Entscheidungsstütze, Gefälligkeit und Korruption sowie der Grad zwischen Einflussname und Seilschaft ist äußerst schmal. Auch wenn Politik vor allem auf Konsenssuche ist, wie Böhning, schreibt, Korrumpierbarkeit und persönlichen Seilschaften gehören zum Raumschiff Politik. In welchem Maße, darüber lässt sich trefflich streiten.

Wer glaubt Herrschende und Beherrschte zusammenführen zu können hängt genauso einer Utopie an, wie Diejenigen, die glauben eine klassenlose Gesellschaft errichten zu können. Es ist nicht schlecht nach Utopien streben zu wollen, im Gegenteil.

Das Raumschiff “Politik” fliegt schon seit 5000 Jahren, es wird auch weiterhin fliegen. Ziel kann nur sein den Abstand zur Erde (zu den Menschen) zu minimieren. Das ist schon Aufgabe genug. Ich finde die These Machtabstände minimieren zu wollen höchst innovativ. Dass dieser Abstand aufzulösen sei erzählt man doch schon seit 200 Jahren ( seit 5000, wenn man die Religion dazu nimmt) Das Absolute  funktioniert nicht, 0 oder 1? Sondern das Relative, von A -> A – x?

Ich habe die Piraten immer in diesem relativen Sinne verstanden. Es wird sich zeigen, wie sehr sie, relativ zu heute, die politische Kultur, das Ansehen des Berufspolitikers verändern werden.

Literatur:

Möckli, Silvano: Stärken und Schwächen der direkten Demokratie in der Schweiz. Bern, 1993. Verfügbar im Internet : http://is.gd/Yb89Me  31.03.2012, 15:58

Weber, Max: Politik als Beruf. Duncker & Humblot, München 1919. Verfügbar im Internet : http://de.wikisource.org/wiki/Politik_als_Beruf 31.03.2012, 15:58

Alles neu, alles anders, alles vergessen

30 Mrz

Hallo alle Miteinander,

geht es euch auch so, es schwirren einen 1000 Gedanken durch den Kopf, aber ehe man einen zu Ende gedacht hat kommen zehn neue. Man will sich auf eine Sache fokussieren, hält aber vieles für gleich relevant. Wer es will, dem strömen tausende Gedanken zu, die neuen Medien machen es möglich.

Wer da nicht untergehen will, der muss vereinfachen, Verkürzungen, Zuspitzungen und Vorurteile sind gern genutzte Mittel hierfür. Hier sieht aber auch die Probleme, Politik wird als alternativlos verkürzt, Migranten und Arbeitslose, deren Eigenschaften werden zu gespitzt und es werden gleichzeitig Vorurteile bedient. Der Kapitalismus ist perse böse, Manager, geldgeil und skrupellos, Politiker sind korrupt, faul und haben keine Ahnung, so hört man es immer wieder.

Kann mehr Bildung helfen den Durchblick zu behalten, die Welt mehr mehr zu differenzieren.

Ich befürchte das wird schlechter funktionieren als sich das viele erhoffen. Nach 13 Jahren Schulbildung, nach vier Jahren Uni haben ich in einigen Bereichen mehr Wissen anhäuft als andere. Dennoch gibt es Bereiche wo ich genauso ahnungslos bin wie viele andere auch. Was heißt das schon wissenschaftliche Bildung? Man weiß im Grunde genommen nur, dass man nicht weiß. Erkenntnisse gelten immer nur vorläufig. Wissenschaft und Bildung ist ein Prozess, weil sie die Welt immer in Relation zum derzeitigen Wissenstand betrachtet. Mit Newtons Gravitationsgesetz können wir seit Jahrhunderten Alltagsphänomene erklären, sie scheitert aber, wenn es um Phänomene geht, die man im Weltall betrachten kann. Dafür brauchen wir Einsteins Relativitätstheorie u. a. komplexe Theorien.

Und die Schulbildung? Was nutzen Grundkenntnisse des politischen Systems, wenn ihre Repräsentanten, politische Verantwortung auslagern, oder Ausnahmen zu Regelfällen zu erheben? Das die Bundesregierung riskiert, dass Gesetze vom Bundesverfassungsgericht als grundgesetzwiedrig eingestuft werden, scheint dies zu bestätigen. Was nutzt Allgemeinwissen, wenn es überholt bzw. oberflächlich ist?

Sind wir also hilflos diesem Wissenstrom hilflos ausgeliefert? Nur weil ich nicht weiß wie ein (im Detail) Auto funktioniert, heißt dass nicht dass ich es nicht bedienen kann. Es gibt Experten, die für ihr Fachwissen und ihr Können bezahlt werden, Arbeitsteilung heißt das Stichwort.

Wenn ich nicht beurteilen kann was gute Umweltpolitik ist, Urteile von Fachleuten gibt es genug. Wir können Jemanden finden, der uns durch den Wissenstrom führt, trotzdem wirkt er auf uns. Das Problem ist noch nicht gelöst. Man weiß trotz Arbeitsteilung immer noch nicht was richtig oder falsch ist, was relevant oder irrelevant, was nutzvoll oder nutzlos ist.

Arbeitsteilung soll Arbeit abnehmen, sie wird aber nicht auf null reduziert. Nach Jahrtausenden der Dogmen und Gewissheiten, der Wahrheiten und Ewigkeiten sollten wir: alles hinterfragen, nichts als gegeben hinnehmen und den stetigen Wandel akzeptieren. Wir werden nie wissen was richtig ist, also tun wir was wir für richtig halten. Tun wir das, was wir für relevant halten, wenn es irrelevant ist, werden wir es bemerken. Was Nutzen bringt definiert jeder anders. Wir sollten für uns definieren, was nützlich ist.

Ich meine nicht, das jeder sich selbst der Nächste sein soll. Ich meine nicht, dass Prognosen und Modelle vollkommen sinnlos sind. Ich meine, dass es nicht schlimm ist 1000 Gedanken zu haben, von denen 10 % ständig wechseln. Das Vergessen gehört  dazu. Moderne Gesellschaften haben das Vergessen beschleunigt. Dabei ist das Neue gar nicht so neu und das andere gar nicht so anders. Das was moderne Gesellschaften so produzieren kann und soll einen empören. Nur, sollen wir jetzt alle Veganer, in alternativen Wohnprojekten werden? (Um mal ein Vorurteil zu bedienen.)

Eine bessere Welt ist erstrebenswert, ich bewundere alle die sich dafür einsetzen. Ob die Piraten, ob Greenpeace-, Attac AI-Akivisten oder Gewerkschafter, andere etablierte Interessenvertreter, sie widersprechen sich, sie bekämpfen sich. Aber das ist schon seit Jahrtausenden so. Eben nur bunter, öffentlicher und mit weniger Dogmatik. Auch wenn die Welt sich verschlechtert, es gibt immer die Möglichkeit, sie besser zu machen. Wer kämpft, der kann verlieren, wer nicht kämpft hat schon verloren.

Eben  alles neu, alles anders, alles vergessen

 

David gegen Goliath

21 Mrz

Hallo alle Miteinander,

ich bin immer wieder erstaunt wie furchtlos einige Menschen sind. Holger Kreymeier, die Person hinter Fernsehkritik-TV wühlt sich regelmäßig durch die Untiefen des deutschen Fernsehens, um den Zuschauen in kurzweiligen und interessanten Video-Beiträgen  seine satirisch-kritsche Sicht auf den  Zustand der deutschen Fernsehlandschaft hinzuweisen. Manchmal ist er dabei vielleicht ein wenig kleinlich. Der Musikantenstadl ist nun wahrlich nicht meine Lieblingssendung, wer es sehen will, soll es sehen. Man mag das „Versenden“ einer konsumorientierten Haltung kritisieren (Shopping-Queen, das perfekte Model u. ä.) da Konsumorientierung ja sowieso schon in der Gesellschaft verankert ist, würde ich das nicht ganz so eng sehen, obwohl die Kritik daran an sich, berechtigt ist.

Wirklich erschreckend finde ich die Untiefen des Scripted Reality und die kriminellen Machenschaften die vor allen RTL an den Tag zu legen scheint. Holger Kreymeier liefert immer wieder Beispiele, die solche Rückschlüsse zulassen. Was mich kreidebleich werden lässt, ist der Versuch der RTL-Rechtsabteilung Kreymeier „ruhig zu stellen“. Im Shop zur Sendung wurde ein Scheiß-RTL-Shirt angeboten. Offensichtlich ein satirischer Beitrag, eines kritisches Assesoir. RTL geht nun dagegen vor

Hat dieser Holger Kreymeier so viel Macht, dass RTL mehr als nur Peanuts ausgibt, um sich mit ihm auseinander zusetzen?

Schön, dass Menschen einen solchen Kampf aufnehmen. Es mag vielleicht wichtigere Dinge geben, wenn man diesem Gedanken konsequent folgt, dann erstickt unsere Gesellschaft an ungerechten Kleinigkeiten. Menschen wie Holger Kreymeier zeigen mir, dass es nicht nur egozentrierte, zynische und gehässige Menschen gibt.

Ich wünsche Holger Kreymeier viel Erfolg bei seiner gerichtlichen Auseinandersetzung, wir bräuchten mehr solcher Davids der mittelmäßigen Außergewöhnlichkeit.

 

Die Lachnummer NPD in der Bundesversammlung!

18 Mrz

Hallo alle Miteinander,

von vielen meiner Verwandten behaupte ich  dass sie das Grundgesetz nicht kennen. Jedoch behaupte ich, wenn sie es kennen würden, würden sie es nicht falsch verstehen. Staatsrecht ist immer noch kompliziert, das Grundgesetz ist an vielen Stellen aber unmissverständlich.

Entweder haben die Wahlmänner der NPD arge Lese- und Verständnisschwierigkeiten oder sie treiben reine Provokation. Es geht um folgendes: während der Konstitution der Bundesversammlung ließ Bundestagspräsident Lammert über einige Anträge abstimmen. Unter anderem haben die Wahlmänner der NPD beantragt, dass sich sich die Kandidaten kurz vor der Bundesversammlung vorstellen sollen/können. Mmh was sagt das Grundgesetz

Art 54
(1) Der Bundespräsident wird ohne Aussprache von der Bundesversammlung gewählt. Wählbar ist jeder
Deutsche, der das Wahlrecht zum Bundestage besitzt und das vierzigste Lebensjahr vollendet hat.

Dieses Zitat ist eindeutig. Die Eindeutigkeit der anderen abgelehnten Anträge kann ich nicht beurteilen, ich würde Herrn Lammert hier zu Gute halten, dass er möglichst wenig Angriffsfläche für juristische „Interpretation“ zugelassen haben wird. Was die Wahlmänner der NPD sich dabei denken, Krawall, Protest, Ausspielen von Macht? Deren Wähler nimmt das doch eh nicht wahr, was bezwecken sie?

Gut fand ich, dass Gauck nur 991 Stimmen bekommen hat. Genug, um eine breite Mehrheit zu haben aber auch genug, das klar wurde, dass nicht alle mit Gauck einverstanden sind. Ich schaue mir erstmal an, was Gauck so tun wird. Auch wenn ich mit ihm so meine Bauchschmerzen habe, nach Wulff kann es nur besser werden.

Im Zweifel ist mir ein Prediger von der Kanzel lieber, als ehemalige Schnäppchenjäger. Ja das was ein schöner Sonntag, irgendwie.

Die Mittelmäßigkeit von Geschäftsleuten

17 Mrz

Hallo alle Miteinander,

dieser Blogeintrag hat mich an die Doku erinnert, die neulich bei Phoenix gesehen habe: Mister Karstadt. OK, der Geschäftsmann Nicolas Berggruen wendet die selben Tricks an, wie alle, um Geld zu verdienen. Das finde ich auch nicht gut, ich würde mir auch weniger Einzelprofit und mehr Profit für alle wünschen.

Bevor mir, in den Kommentaren, ein Marxist vorwirft, mein Beitrag sei irrelevant, will ich darauf hinweisen dass die Welt ist wie sie ist.

Es gibt sicher Geschäftsleute, die auf Maximalprofit verzichten (können), weil sie sich bessere Arbeitsbedingungen für ihre Mitarbeiter und höhere Steuern für ihren Staat leisten können. Es gibt aber auch Geschäftsleute,  die auf Maximalprofit angewiesen sind weil ihr  Maximalprofit so gering ist, dass sie selbst kaum davon leben können. Sie können Mitarbeiter nicht ins billigere Ausland outsourscen oder Steuern im Steuerparadies bezahlen. Dann gibt es Geschäftsleute, die selbst von einem Bruchteil ihres Maximalprofits bequem leben können. Sie lagern ihre Arbeitsplätze ins Ausland aus und drücken ihre Steuerlast, beschaffen sich Subventionen und öffentlich finanzierte Infrastruktur.

Die meisten Geschäftsleute werden wohl Typ II angehören. Viele würden ihren Arbeitnehmern mehr zahlen wenn sie könnten, sie haben häufig selbst Probleme, ihre Rechnungen selbst zu bezahlen. Interessant ist, wo die Grenze zwischen Typ II und III liegt. Ab welchem Punkt wird wird sich bereichert, wo zahlt der Unternehmer sich noch angemessenen Gewinn? Was ist noch die legale und v. a. legitime Reduktion von Steuern, was ist noch legal aber schon illegitim?

Für viele hat Berggruen die Grenze zum Typ III überschritten. Er nutzt geschickt Medien und Politik um sich selbst darzustellen, er nutzt Informationsvorsprünge gekonnt aus. Er macht das, was viele Unternehmer auf kleinerer Flamme auch tun. Mönche und Geistliche können bestimmten Moralvorstellungen besser genügen, weil sie keinen Wettbewerb, keine Fouls befürchten müssen. Wer selbst sein eigener Chef ist muss viele Konsequenzen tragen, notfalls die eigene Pleite.

Klar, was Berggruen u. A. machen ist nicht in Ordnung, die Selbständigkeit bürgt aber auch Risiken, gegenüber den kleinen Selbständigen, die nicht auf Berggruens Flamme kochen können, ist das eine schwierige Lage. Hier können nicht immer die moralisch und ethisch richtigen Entscheidungen getroffen werden.

Es ist schon von Haus aus schwieriger hier Vorbild zu sein. Das einige es nicht einmal versuchen wirklich danach zu streben, sondern durch mediale und politische Macht, die Illusion von Vorbildhaftigkeit erzeugen, finde ich bedenklich.

Monarchie schöner wie nie?

15 Mrz

Hallo alle Miteinander,

ich bin über folgenden Artikel gestolpert: Preußen-Prinz fordert Rückkehr zur Monarchie

Nach Ansicht des Prinzen vermitteln Königsfamilien Stabilität. „Sie werden nicht per Misstrauensvotum oder durch Aufhebung der Immunität aus dem Amt gefegt. Das tut einem Land gut“

Aha, Stabillität. Großbritannien, die skandinavische Länder und BENELUX sind also stabil, weil sie Monarchien sind? Hab ich in meinen Vorlesungen zur Vergleichenden Politikwissenschaft nicht richtig aufgepasst oder warum kann ich mich an diese Aussage nicht erinnern? Die Monarchen dieser Länder sind zu schwach, um ihre Länder stabil zu halten, das können ihre Regierungschefs besser, weil sie mehr Macht haben, wer mehr Macht hat kann andere Akteure besser in ihren angestammten Positionen halten.

Wenn wir die politische Stabilität als Argument für Monarchien widerlegt haben, bleibt die soziologische Stabilität, was immer dass auch genau ist, übrig. Eine Person, ein Personenkreis, der in Zeit und Raum fest definiert ist, soll also den sozialen Zusammenhalt, die Sozialintegration gewährleisten. Wir formen von Geburt bis in den Tod Menschen, die unseren Idealen, Erwartungen und Hoffnungen entsprechen. Gut, dass passiert auch mit jedem anderen Menschen in der Gesellschaft. Der Unterschied nur ist: jeder andere Mensch hat das verfassungsmäßig garantierte Recht, gesellschaftliche Ideale, Erwartungen und Hoffnungen zu interpretieren, sie für sich sinngemäß auszulegen. Dass diese Auslegung Funken schlägt sieht man im Fall Wulff. Diese Funken sind notwendig! Sie sind notwendig, weil man so sehen kann, ob Menschen der Gesellschaft gerecht werden. Menschen können Fehler machen und bei bestimmten Fehlern werden sie von der Gesellschaft sanktioniert. Das nennt man dann Strafe.

Wie aber kann ein Monarch bestraft oder auch gelobt werden? Warum wollen wir einem Kind, einem Menschen zumuten zur Reflektorfläche der Gesellschaft zu werden? Ist eine vermeidlich höhere Stabilität der Gesellschaft mehr wert als die freie Entfaltung eines Menschen? Auch wenn Monarchen formal abdanken können, der permanente Druck den wir ihnen zumuten, wird sie von dieser Entscheidung abhalten. Stabilität kann schnell in Stagnation enden, sowohl für Monarchen als auch für Gesellschaften.

Auch wenn man über den Rücktritt von Horst Köhler als Bundespräsidenten streiten kann, ich billige jedem, jederzeit das Recht zu sein Leben zu verändern. Im Geschäftsleben ist das geregelt, Vertragsstrafen, Kündigungsfristen u. a. definieren die Konsequenzen, die „Lebensänderung“ zu Folge hat. Für Monarchen sind die Konsequenzen einer solchen „Lebensänderung“  wahrscheinlich sehr viel schwieriger abzuschätzen als für Bundespräsidenten.

Auch wenn man über  Christian Wulffs  Verhalten sicher empört sein kann, wenn man Ehrensold, Amtsausstattung und Co. mal außen vor lässt, finde ich es ertragbar wenn Bundespräsidenten Fehler machen. Hier gibt es ja ein Regelwerk, was Fehler und Konsequenzen definiert, dass Grundgesetz, wenn zugegebenermaßen auch etwas schwammig. Das Bundesverfassungsgericht urteilt darüber ob Fehler Fehler sind, ob Konsequenzen gezogen werden müssen. So weit wird es hoffentlich nie kommen, man ist darauf mehr oder minder vorbereitet.

Mittelmäßigkeit gehört zum Menschen, wenn wir auf bestimmte überhöhte gesellschaftliche Erwartungen bestehen, sollten wir uns nicht wundern, wenn Menschen uns eben jene vorspielen. Warum wohl gab und gibt es Hofstaaten, eine königliche Verwaltung? Inszenierung ist Teil des Geschäfts, sie muss organisiert werden.

Ich finde, jeder soll alles erreichen können, wenn diese Person die nötige Qualifikation (und Inszenierungsfähigkeit) besitzt. Weil jeder die Möglichkeit hat Qualifikationen zu erwerben, kann sich ein Pool aus Kandidaten, für „Amt und Würden“ herausbilden. In Monarchien finden wir diesen Pool bereits vor, wenn eine Gesellschaft Pech hat, muss sie hier nacharbeiten, die wirklich fähigen und qualifizierten Leute bleiben draußen.

Auch wenn wir von diesem Ideal noch etwas entfernt sind, rücken uns Monarchien von diesem Ideal weiter ab, in dem Glauben, dass Monarchien „stabiler“ sind. Wollen wir unsere Gesellschaft mit Placebos, mit Homöopathie am laufen halten?

Ich will dies nicht!

Konsequente Maßstäbe

11 Mrz

Hallo alle Miteinander,

es kommt nicht allzu oft vor, dass ich mit einem bestimmten Verwandten über Politik diskutiere, wenn wir es dann doch mal tun, kommen für mich sehr interessante Erkenntnisse bei raus.

Während sich halb Deutschland darüber aufregt, wie Wulff nur auf seine Privilegien bestehen kann, ist mein Verwandter geradezu erzürnt, wenn Schäuble im Bundestag während der Hilfspaket-Debatte Sodoku spielt. Kleinlicher Gedanke mag man hier denken. Wenn mein Verwandter in einer Besprechung im Betrieb sitzt, es um die Zukunft des Betriebes, seines Arbeitsplatzes, seines Geldes geht, denkt mein Verwandter nicht mal an eine Ablenkung, es gibt wichtigeres.

Während sich halb Deutschland über die Privilegien der politischen, der wirtschaftlichen Klasse aufregt, erzürnt es meinen Verwandten, welche Privilegien, sich so mancher seiner (vorgesetzten) Kollegen gönnt. Kleinlicher Gedanke?

Er ist ein sehr opportunistischer Mensch. Ohne jemals etwas von Machiavelli  gehört zu haben, attestiert er dem Menschen einen Nutzen- und Machtgewinn, den er mit allen verfügbaren Mitteln erreichen will. Moral und Ethik sind hier nur Instrumente um dieses Ziel zu erreichen.

Mein Verwandter legt nur den moralischen Maßstab an andere Leute an, den für sich selbst anlegt. Kleine Gefälligkeiten zwischen Spitzenpolitikern und Wirtschaftsbossen? Kleine Handwerksmeister schieben sich regelmäßig kleine Gefälligkeiten zu, schwarz, ohne Rechnung versteht sich. Mein Verwandter hat sehr lange im Handwerk gearbeitet, er fragt sich, was der Unterschied zwischen kleinen Gefälligkeiten zwischen Handwerkern und großen Gefälligkeiten zwischen den Eliten ist.

mein Verwandter sieht keine allgemeingültige Instanz die Moral für „alle“ vertreten könnte. Er fragt, gibt es die wirklich? Gebt mir gute Gründe, warum ich (dein, eure, unsere) Moral und Ethik übernehmen sollte?  Ohne jemals etwas von Habermas und seiner  Diskursethik gehört zu haben, erwartet mein Verwandter, dass Moral und Ethik durch Diskussion, durch Argumente begründet werden.

Anstatt zu sagen „das macht ein Politiker nicht“ fragt er „warum sollte er es nicht machen, warum sollte er auf einen Mehrwert verzichten wollen, ich würde nicht verzichten wollen“.

Ich würde nicht so weit gehen, wie mein Verwandter. Wenn jeder nur noch nach seinem Eigennutz streben würde, wenn keine allgemeingültige  Moral und Ethik mehr angestrebt würde, könnte die Gesellschaft gefährlich auseinander brechen, befürchte ich. Aber die Frage bleibt, ob all diejenigen, die hohe moralische Maßstäbe an ihre Umwelt anlegen, selbst den angelegten Maßstäben genügen würden.

Warum Journalisten Rabatte benötigen, muss man mir noch erklären. Wenn Parlamentarier und Spitzenpolitiker den Anschein von Bestechlichkeit vermeiden sollen, erwarte ich das auch von der vierten Gewalt.

Man sollte mal darüber nachdenken wie konsequent man seine Maßstäbe anlegt. Ich finde diese Überhöhung, der Herr Gauck ausgesetzt ist, problematisch. Er soll die Suppe auslöffeln, die Ihm Andere eingebrockt haben. Mir reicht es, wenn Gauck keine neuen Brocken produziert, meinem Verwandtem würde es bereits reichen, wenn die Brocken nicht so groß wären wie bei Wulff.

Mein Verwandter und ich liegen in unseren Position sehr viel dichter beieinander, als so manche Positionen, die man im Netz so lesen kann.  Ich erwarte „Menschlickeit“ aber keinen leuchtenden Heiligenschein. Denn wie steht es in der Bibel so schön, wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.