Konsequente Maßstäbe

11 Mrz

Hallo alle Miteinander,

es kommt nicht allzu oft vor, dass ich mit einem bestimmten Verwandten über Politik diskutiere, wenn wir es dann doch mal tun, kommen für mich sehr interessante Erkenntnisse bei raus.

Während sich halb Deutschland darüber aufregt, wie Wulff nur auf seine Privilegien bestehen kann, ist mein Verwandter geradezu erzürnt, wenn Schäuble im Bundestag während der Hilfspaket-Debatte Sodoku spielt. Kleinlicher Gedanke mag man hier denken. Wenn mein Verwandter in einer Besprechung im Betrieb sitzt, es um die Zukunft des Betriebes, seines Arbeitsplatzes, seines Geldes geht, denkt mein Verwandter nicht mal an eine Ablenkung, es gibt wichtigeres.

Während sich halb Deutschland über die Privilegien der politischen, der wirtschaftlichen Klasse aufregt, erzürnt es meinen Verwandten, welche Privilegien, sich so mancher seiner (vorgesetzten) Kollegen gönnt. Kleinlicher Gedanke?

Er ist ein sehr opportunistischer Mensch. Ohne jemals etwas von Machiavelli  gehört zu haben, attestiert er dem Menschen einen Nutzen- und Machtgewinn, den er mit allen verfügbaren Mitteln erreichen will. Moral und Ethik sind hier nur Instrumente um dieses Ziel zu erreichen.

Mein Verwandter legt nur den moralischen Maßstab an andere Leute an, den für sich selbst anlegt. Kleine Gefälligkeiten zwischen Spitzenpolitikern und Wirtschaftsbossen? Kleine Handwerksmeister schieben sich regelmäßig kleine Gefälligkeiten zu, schwarz, ohne Rechnung versteht sich. Mein Verwandter hat sehr lange im Handwerk gearbeitet, er fragt sich, was der Unterschied zwischen kleinen Gefälligkeiten zwischen Handwerkern und großen Gefälligkeiten zwischen den Eliten ist.

mein Verwandter sieht keine allgemeingültige Instanz die Moral für „alle“ vertreten könnte. Er fragt, gibt es die wirklich? Gebt mir gute Gründe, warum ich (dein, eure, unsere) Moral und Ethik übernehmen sollte?  Ohne jemals etwas von Habermas und seiner  Diskursethik gehört zu haben, erwartet mein Verwandter, dass Moral und Ethik durch Diskussion, durch Argumente begründet werden.

Anstatt zu sagen „das macht ein Politiker nicht“ fragt er „warum sollte er es nicht machen, warum sollte er auf einen Mehrwert verzichten wollen, ich würde nicht verzichten wollen“.

Ich würde nicht so weit gehen, wie mein Verwandter. Wenn jeder nur noch nach seinem Eigennutz streben würde, wenn keine allgemeingültige  Moral und Ethik mehr angestrebt würde, könnte die Gesellschaft gefährlich auseinander brechen, befürchte ich. Aber die Frage bleibt, ob all diejenigen, die hohe moralische Maßstäbe an ihre Umwelt anlegen, selbst den angelegten Maßstäben genügen würden.

Warum Journalisten Rabatte benötigen, muss man mir noch erklären. Wenn Parlamentarier und Spitzenpolitiker den Anschein von Bestechlichkeit vermeiden sollen, erwarte ich das auch von der vierten Gewalt.

Man sollte mal darüber nachdenken wie konsequent man seine Maßstäbe anlegt. Ich finde diese Überhöhung, der Herr Gauck ausgesetzt ist, problematisch. Er soll die Suppe auslöffeln, die Ihm Andere eingebrockt haben. Mir reicht es, wenn Gauck keine neuen Brocken produziert, meinem Verwandtem würde es bereits reichen, wenn die Brocken nicht so groß wären wie bei Wulff.

Mein Verwandter und ich liegen in unseren Position sehr viel dichter beieinander, als so manche Positionen, die man im Netz so lesen kann.  Ich erwarte „Menschlickeit“ aber keinen leuchtenden Heiligenschein. Denn wie steht es in der Bibel so schön, wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.

Advertisements

2 Antworten to “Konsequente Maßstäbe”

  1. Stefan Wehmeier März 11, 2012 um 19:11 #

    Die Irrelevanz der Moral

    Die nicht existierende Polarität „gut oder böse“, an die kleine Kinder von dummen Eltern, zweitklassige Filmregisseure, Schmalspur-Philosophen und Theologen glauben, hat schon viele unkritische Systemkritiker zu dem Denkfehler verleitet, dass die „Reichen und Mächtigen“ dieser untergehenden Welt „gegen“ die Natürliche Wirtschaftsordnung (Marktwirtschaft ohne Kapitalismus) wären und darum durch einen wie auch immer gearteten „Volksaufstand“ dazu gedrängt werden müssten. Tatsächlich können sich diese Patienten aufgrund ihrer „gesellschaftlichen Position“ aber nicht einmal ansatzweise in den eigentlichen Beginn der menschlichen Zivilisation hineindenken!

    Angenommen, Frau Dr. Merkel würde von der so genannten öffentlichen Meinung dazu gedrängt, in Deutschland ein allgemeines Bodennutzungsrecht sowie eine konstruktiv umlaufgesicherte Indexwährung einzuführen, um die „Finanzkrise“ zu beenden. Die „mächtigste Frau der Welt“ hätte keine blasse Ahnung, wie sie das praktisch umsetzen sollte, ohne dabei eine Katastrophe in der Katastrophe auszulösen, und sie würde auch keine studierten „Wirtschaftsexperten“ finden, die sie in dieser Angelegenheit beraten könnten, weil die gesamte universitäre Volkswirtschaftslehre nur aus Denkfehlern besteht.

    Die Verwirklichung der Natürlichen Wirtschaftsordnung ist eine Frage des Bewusstseins und nicht des „politischen Klassenkampfes“. Das (noch) bestehende, kapitalistische System zerstört sich gegenwärtig von selbst. Es kommt allein darauf an, dass noch während des bevorstehenden globalen Zusammenbruchs „Der Weisheit letzter Schluss“, der nicht in Frage gestellt werden kann und über den es nichts zu „diskutieren“ gibt, zuerst im Internet und dann auch in anderen Massenmedien soweit verbreitet wird, dass eine freiwirtschaftliche Geld- und Bodenreform in der Bundesrepublik Deutschland professionell durchgeführt werden kann, bevor die Weltwirtschaft ganz zusammenbricht. Weil Zinsgeld-Ökonomien (zivilisatorisches Mittelalter) gegenüber der Natürlichen Wirtschaftsordnung (echte Soziale Marktwirtschaft) in keiner Weise konkurrenzfähig sind, bleibt dem „Rest der Welt“ dann gar keine andere Wahl mehr, als die Natürliche Wirtschaftsordnung ebenfalls zu verwirklichen.

    „…viele Erste werden Letzte sein…“ Wer die folgende „Achterbahnfahrt fürs Gehirn“ hinter sich hat, wird auch diese Weisheit verstehen können:

    http://opium-des-volkes.blogspot.com/2011/07/die-ruckkehr-ins-paradies.html

    • marien86 März 11, 2012 um 23:50 #

      Hallo Stefan,

      danke für deinen interessanten Kommentar. Ich sehe gerade nur nicht ganz den Zusammenhang zwischen meinen Artikel und deinen Kommentar.

      Du sagst, Moral ist irrelevant, weil nach marxistischer Lesart, der Zusammenbruch des kapitalistischen Systems unvermeidlich ist.

      Mir ging es gar nicht um einen Zusammenbruch eines Systems, mir ging es darum aufzuzeigen, dass Menschen Moral mit zweierlei Maß messen.

      Nach marxistischer Lesart kann man meinen Artikel sicher in die Tonne werfen, weil für Marx ja Produktionsverhältnisse in der Gesellschaft relevant sind. Da ist Moral wirklich irrelevant.

      Für den Papst ist sicher auch ein Artikel über Atheismus irrelevant. Es kommt ganz auf die Perspektive und den Maßstab an.

      Gruß, David Marien

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: