Alles neu, alles anders, alles vergessen

30 Mrz

Hallo alle Miteinander,

geht es euch auch so, es schwirren einen 1000 Gedanken durch den Kopf, aber ehe man einen zu Ende gedacht hat kommen zehn neue. Man will sich auf eine Sache fokussieren, hält aber vieles für gleich relevant. Wer es will, dem strömen tausende Gedanken zu, die neuen Medien machen es möglich.

Wer da nicht untergehen will, der muss vereinfachen, Verkürzungen, Zuspitzungen und Vorurteile sind gern genutzte Mittel hierfür. Hier sieht aber auch die Probleme, Politik wird als alternativlos verkürzt, Migranten und Arbeitslose, deren Eigenschaften werden zu gespitzt und es werden gleichzeitig Vorurteile bedient. Der Kapitalismus ist perse böse, Manager, geldgeil und skrupellos, Politiker sind korrupt, faul und haben keine Ahnung, so hört man es immer wieder.

Kann mehr Bildung helfen den Durchblick zu behalten, die Welt mehr mehr zu differenzieren.

Ich befürchte das wird schlechter funktionieren als sich das viele erhoffen. Nach 13 Jahren Schulbildung, nach vier Jahren Uni haben ich in einigen Bereichen mehr Wissen anhäuft als andere. Dennoch gibt es Bereiche wo ich genauso ahnungslos bin wie viele andere auch. Was heißt das schon wissenschaftliche Bildung? Man weiß im Grunde genommen nur, dass man nicht weiß. Erkenntnisse gelten immer nur vorläufig. Wissenschaft und Bildung ist ein Prozess, weil sie die Welt immer in Relation zum derzeitigen Wissenstand betrachtet. Mit Newtons Gravitationsgesetz können wir seit Jahrhunderten Alltagsphänomene erklären, sie scheitert aber, wenn es um Phänomene geht, die man im Weltall betrachten kann. Dafür brauchen wir Einsteins Relativitätstheorie u. a. komplexe Theorien.

Und die Schulbildung? Was nutzen Grundkenntnisse des politischen Systems, wenn ihre Repräsentanten, politische Verantwortung auslagern, oder Ausnahmen zu Regelfällen zu erheben? Das die Bundesregierung riskiert, dass Gesetze vom Bundesverfassungsgericht als grundgesetzwiedrig eingestuft werden, scheint dies zu bestätigen. Was nutzt Allgemeinwissen, wenn es überholt bzw. oberflächlich ist?

Sind wir also hilflos diesem Wissenstrom hilflos ausgeliefert? Nur weil ich nicht weiß wie ein (im Detail) Auto funktioniert, heißt dass nicht dass ich es nicht bedienen kann. Es gibt Experten, die für ihr Fachwissen und ihr Können bezahlt werden, Arbeitsteilung heißt das Stichwort.

Wenn ich nicht beurteilen kann was gute Umweltpolitik ist, Urteile von Fachleuten gibt es genug. Wir können Jemanden finden, der uns durch den Wissenstrom führt, trotzdem wirkt er auf uns. Das Problem ist noch nicht gelöst. Man weiß trotz Arbeitsteilung immer noch nicht was richtig oder falsch ist, was relevant oder irrelevant, was nutzvoll oder nutzlos ist.

Arbeitsteilung soll Arbeit abnehmen, sie wird aber nicht auf null reduziert. Nach Jahrtausenden der Dogmen und Gewissheiten, der Wahrheiten und Ewigkeiten sollten wir: alles hinterfragen, nichts als gegeben hinnehmen und den stetigen Wandel akzeptieren. Wir werden nie wissen was richtig ist, also tun wir was wir für richtig halten. Tun wir das, was wir für relevant halten, wenn es irrelevant ist, werden wir es bemerken. Was Nutzen bringt definiert jeder anders. Wir sollten für uns definieren, was nützlich ist.

Ich meine nicht, das jeder sich selbst der Nächste sein soll. Ich meine nicht, dass Prognosen und Modelle vollkommen sinnlos sind. Ich meine, dass es nicht schlimm ist 1000 Gedanken zu haben, von denen 10 % ständig wechseln. Das Vergessen gehört  dazu. Moderne Gesellschaften haben das Vergessen beschleunigt. Dabei ist das Neue gar nicht so neu und das andere gar nicht so anders. Das was moderne Gesellschaften so produzieren kann und soll einen empören. Nur, sollen wir jetzt alle Veganer, in alternativen Wohnprojekten werden? (Um mal ein Vorurteil zu bedienen.)

Eine bessere Welt ist erstrebenswert, ich bewundere alle die sich dafür einsetzen. Ob die Piraten, ob Greenpeace-, Attac AI-Akivisten oder Gewerkschafter, andere etablierte Interessenvertreter, sie widersprechen sich, sie bekämpfen sich. Aber das ist schon seit Jahrtausenden so. Eben nur bunter, öffentlicher und mit weniger Dogmatik. Auch wenn die Welt sich verschlechtert, es gibt immer die Möglichkeit, sie besser zu machen. Wer kämpft, der kann verlieren, wer nicht kämpft hat schon verloren.

Eben  alles neu, alles anders, alles vergessen

 

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Eine Antwort to “Alles neu, alles anders, alles vergessen”

  1. tinyentropy März 31, 2012 um 10:38 #

    Reblogged this on Tinyentropy's Blog und kommentierte:
    Ein schöner Artikel, der sehr nachdenklich macht. Wie soll man mit der Wissensflut umgehen und  welche Bedeutung hat der Einzelne für diesen Prozess?

    1.) Ich sehe es auch so, dass kaum etwas wirklich neu ist. Es ist eine alte Gewissheit, dass sich die Geschichte wiederholt. Deshalb halte ich das Studium der Geschichte für sehr wichtig. Denn der Mensch mit den Eigenheiten seiner Psyche bleibt eine Konstante in dem Wandel, den Du beschreibst. Aus der Geschichte zu lernen entspricht einem empirischen Erklärungsansatz. Selbst wenn man nicht im Detail weiß, wie der Mensch tickt, kann man es aus den vielen Beispielen der Geschichte gut ableiten.

    2.) Unsere individuelle Bedeutung bleibt klein, wenn wir uns nicht geradlinig und aufopferungsvoll engagieren. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir kleine Leuchtfeuer in einem grossen schwarzen Meer sind, mit mehr oder weniger weit reichender Erhellung unserer Umgebung. Einige Feuer werden mit Brandbeschleunigern betrieben, das kann zu großen Problemen führen. Und nur wenige von uns produzieren wirklich zündende Gedanken, die Mehrheit dieser einzelnen Feuer wurden wie von Kerze zu Kerze angezündet. Genies sind sehr selten. Aber das Meer wirkt insgesamt deutlich heller und freundlicher, oder nicht!? Es wird die Bewegung der Wellen transparenter dadurch.

    3.) Welche Konsequenz kann man aus der Tatsache ziehen, dass wir alle das Grosse und Ganze nicht im Blick behalten können? Doch nur die, dass man sich für seine Themen engagieren muss, um die Experten dieses Bereiches zu verstehen und ihre Aussagen (in verständlicherer Form und mit Quellenangaben) weiter zu geben an die Menschen, die wir für wichtig erachten. Oder?

    4.) Nicht darüber enttäuscht sein, wenn sich diese Menschen Null dafür interessieren. 🙂

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