Archive | April, 2012

Neuer Versuch des Reblogs tinetrophys Artikel zu Arendt und dem Bösen im Menschen

30 Apr

aus tinyentropy Blog:

Hannah Arendt und die menschliche Neigung, sich aus der Verantwortung zu stehlen

Auf einer Autofahrt habe ich mir ein Sternstunden-Gespräch aus der Reihe Klassiker reloaded über die Philosophin Hannah Arendt angehört, welches ich sehr anregend fand. Hannah Arendt (siehe Wikipedia), die aus einer jüdischen Familie stammte, begleitete 1961 als Berichterstatterin für die Zeitung The New Yorker den viel beachteten Prozess gegen Adolf Eichmann, seines Zeichens ehemaliger SS-Obersturmbannführer. Es war dem israelischen Geheimdienst gelungen, Eichmann in Argentinien festzusetzen und ihn nach Israel zu entführen, um ihm dort den Prozess zu machen. Dies war insbesondere von grosser Bedeutung, weil Eichmann als ein grosses Tier des NS-Regimes galt. weiterlesen

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Hallo tinyentropy,

mir ist immer noch nicht ganz klar, warum der Mensch gar nicht von Grund auf Gut sein sollte? Unsere Triebe und Instinkte sind doch unter anderem mitverantwortlich für die Entstehung einer Gesellschaft:
– das Kleinkind fühlt sich zu seiner Mutter hingezogen
– die Mutter ist für das Geschrei ihres Kindes sensibilisiert
– gewisse Trauermechanismen sind interkulturell und auch bei einigen Tieren verbrieft, sind also Teil dieser Lebewesen jenseits ihres Bewusstseins.

Mit den Erfahrungen der Nazi-, Stalin- oder Maozeit für das Böse im Menschen argumentieren zu wollen halte ich doch für sehr einseitig. Man macht hier ein Teil zum Ganzen, es bleibt aber nur ein Teil. Es ist doch sehr bezeichnend, dass Nazis Stalinisten und Maoisten „Kinder der Moderne sind“. Begriffe wie Bürokratisierung, Professionalisierung und Identifizierung, i. S. v. man erklärt sich zum Bestandteil einer Gemeinschaft passen hier ebenfalls gut hinein.

Der Totalitarismus existiert meiner Meinung nach nicht, weil der Mensch böse ist, sondern weil er Mechanismen geschaffen hat, die Individuen entmenschlichen. An dieser Stelle bin ich Marxist, weil ich glaube, dass der Totalitarismus ohne Entfremdung nicht denkbar ist.

Wenn ich nicht mehr nachvollziehen kann, warum andere Leute reicher sind als ich, wenn ich nur mich nur noch als Teil eines Getriebes sehe, beginne ich, nach einfachen Erklärungsmustern zu suchen. (Antisemitismus, Klassenkampf, Freiheit um jeden Preis) Wenn ich mir diese Muster aneigne und in bestimmte Kreise gerate, die diese Muster ebenfalls reproduzieren, beginnt die Entmenschlichung. Sie beginnt, weil im Rahmen dieser Muster, die Anderen ja die Unmenschlichen sind. Je weiter sich diese Muster reproduzieren, je mehr ich davon Nutzen ziehe, weil ich zeitliche, ökonomische und Statusressourcen bekomme, desto eher bin ich bereit mich zu entmenschlichen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass nur Wesen, die sich selbst reflektieren können, sich „verwesen“ können. In ihrer Selbstwahrnehmung, durch die o. g. Prozesse, glauben sie die Definitionshoheit darüber zu besitzen, was lebenswert ist.

Als nichtgläubiger Mensch muss ich zugeben, dass die Abwesenheit von einem Mindestmaß an Religiosität, Totalitarismus verstärkt, weil auf rationaler Ebene eben nicht sofort klar ist, warum alle gleich sind.

Nazis haben auch sehr erfolgreich kommuniziert, haben den Diskurs gelenkt, haben Bünde geschmiedet, haben Wissenschaft für ihre Zwecke genutzt, haben sich zum Vorreiter „ihrer Moderne“ stilisiert. Sie waren in einem gewissen Sinn, auch wenn viele es nicht wahr haben wollen modern.

Meiner Ansicht nach werden menschliche Eigenschaften durch Fortschritt weder verstärkt noch geschwächt. Der heutige Mensch ist genauso empathiefähig und sozial, wie vor 20.000 Jahren. Es ist die Entfremdung des Fortschritts, die uns Totalitarismus beschert hat, nicht bestimmte Eigenschaften. Wir müssen uns mit den Folgen unseres Handelns beschäftigen und nicht mit den Grundlagen unserer menschlichen Eigenschaften. Die bloße Entwicklung einer einer Atombombe aus menschlicher Neugierde ist noch nicht schlecht, ihr Einsatz um Menschen zu töten schon. Die Entwicklung sozialer Abgrenzungsmechanismen um seine Identität zu betonen ist noch nicht schlecht. Andere deswegen auszuschließen, sie zu benachteiligen ist es schon. Dass es Sachsen und Brandenburger gibt ist für diese Gruppen kein Problem. Für die Afroamerikaner ist sehr wohl ein Problem, wenn es die „Weißen“ gibt.

Mit gut oder böse hat das alles nichts zu tun, wohl aber mit der Frage, wie nahe uns das alles ist. Hitler und Eichmann in die böse Ecke abzuschieben, den Menschen als den Wolf im Schafspelz zu beschreiben, dass tinyentropy, ist mir ein wenig zu einfach. Und das wäre es sicher auch für Ahrendt.

Es geht nicht um Kommunikation, es geht um kritische Selbstreflektion. Wenn ich mir die Frage stelle, ob ich 1933 auch Nazi geworden wäre, bin ich heute am ehesten davor gefeit keiner zu werden. Wie gesagt, mit dem Bösen hat das nichts zu tun. Wir sind nur dann vor Entfremdung geschützt, wenn wir uns eingestehen, dass wir eben nicht davor geschützt sind.

Wissenschaft, Politik, Bürokratie: unverstandende Systeme der Mittelmäßigkeit

28 Apr

Hallo alle Miteinander,

in letzter Zeit bin ich nicht zum Schreiben gekommen, es gab einfach zu viel zu tun. Dies mag auch daran liegen, dass ich mich zur Zeit an den Schnittpunkten zwischen Wissenschaft , Politik und Bürokratie bewege. In Gesprächen mit  Freunden, Familie und Kommilitonen merke ich immer wieder, dass diese drei Systeme nicht verstanden werden. Es herrscht große Ahnungslosigkeit.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: ich maße mir nicht an, dass ich alles durchdrungen habe und ein Experte bin. Im Gegenteil. Es gibt aber einen Unterschied zwischen gar nichts wissen und ein wenig wissen.

Mein bescheidenes Wissen und meine wenigen Erfahrungen haben mich zur Erkenntnis geführt, dass alle drei Systeme eine Gemeinsamkeit haben: Mittelmäßigkeit. Viele Leute glauben, Wissenschaft, Politik und Bürokratie müsse sich durch Außengewöhnlichkeit hervortun: Wissenschaft soll das Leben länger, angenehmer und spannender machen. Politik soll gestalten, motivieren und einigen. Bürokratie soll einerseits organisieren und andererseits im Hintergrund bleiben. Sie soll Politik umsetzen und dabei nach wissenschaftlichen Standards arbeiten. Die Bürokratie bildet im Ideal ein Scharnier zwischen Wissenschaft und Politik. Sie übersetzt wissenschaftliche Erkenntnisse in Gesetzesvorlagen und überprüft Gesetze anhand von wissenschaftlichen Maßstäben.

Aber was ist Wissenschaft?

Ich würde es so zuspitzen: Wissenschaft ist die strukturierte Suche, die uns hilft, die Welt zu verstehen. Erkenntnisse stellen Zusammenhänge her, die uns zu einem besseren Verständnis der Welt führen. Sie besitzen drei Egenschaften: Objektivität, Absolutheit und Relativität. Der Widerspruch zwischen Absolutheit und Relativität lässt sich auflösen, wenn man die Perspektive wechselt.

Objektivität: die Erkenntnis, warum im Herbst die Blätter fallen ist vom Forscher unabhängig und reproduzierbar.

Absolutheit: bestimmte Annahmen können ein Phänomen logisch und reproduzierbar erklären, im Herbst fallen Blätter, weil Temperatur-, Licht-, und Nähstoffverhältnisse dafür sorgen, dass es für Laubbäume vorteilhafter wird ihre Blätter abzuwerfen.

Relativität: ein Phänomen kann auch durch andere Annahmen geklärt werden, solange so logisch und reproduzierbar bleiben. Laubbäume können im Herbst ja auch deshalb Blätter verlieren, weil ihre Umwelt verschmutzt wurde oder Insekten die Blätter abfressen. Die  Temperatur-, Licht-, und Nähstoffverhältnisse können das Phänomen Blätterfall erklären (absolut) Aber nicht jeder Blattfall ist darauf zurückführbar (relativ) Wissenschaft erklärt unsere Welt also unvollständig und vorläufig. Erst Newton dann Einstein, neue alles verändernde Theorien warten darauf gefunden zu werden. Solange sie objektiv, absolut und relativ sind ist alles in Ordnung. Wissenschaft schafft Enttäuschung, weil sie einerseits unser Leben  angenehmer macht, andererseits zerstört sie Weltbilder (Erde nicht Zentrum des Universums usw.) und sie schafft Ungeduld, warum ist Krebs und AIDS noch nicht besiegt worden, warum dauert das so lange?

Und was ist mit Politik und Bürokratie?

Wenn schon die Wissenschaft, als strukturierte Suche nach Erkenntnis Enttäuschung produziert, müssen Politik und Bürokratie noch viel mehr Enttäuschung schaffen. Die plötzliche Wende in der Atom- und Verteidigungspolitik, die Abschaffung der Wehrpflicht, diese Plötzlichkeit lässt sich nicht naturwiss. und organisationswissenschaftlich erklären. Einzig die Politik- und die Medienwissenschaft können hier Erklärungsansätze liefern.

Während Wissenschaftler mehr oder minder klar die Grenzen ihrer Theorien aufzeigen passiert dies bei Politikern (fast) nie. Es würde ihnen sogar negativ ausgelegt werden, im Zweifel würden sie Wählerstimmen, und damit Macht verlieren. Welcher Politiker hat den in den 70 gern schon zugegeben, dass unklar ist, was mit dem verstralten Müll passiert, wie sicher AKWs wirklich sind?

Am schlimmsten trifft es hier die Bürokratie. Man bekommt einen Bescheid zugesandt, den man nicht versteht. Wenn man ihn versteht, mag man sich so manches mal über seine gesetzlichen Grundlagen wundern. Denn auch Gesetze regulieren die Welt nur mangelhaft und vorläufig. Die Welt ändert sich, Gesetze sind veraltet. Bescheide treffen unser Leben aber absolut, ob sie unser Handeln positiv oder negativ beeinflussen ist erst mal irrelevant. In Wissenschaft und Politik wird noch diskutiert. In der Verwaltung wird vollzogen.

Wo ist die Mittelmäßigkeit?

Weder erklärt die Wissenschaft rein gar nichts, zu keiner Zeit, noch erklärt sie alles in jedem Zeitabschnitt. Sie liefert Erkenntnisse, sie befriedigen uns nur nicht in genügenden Maße. Weder hinterlässt Politik einen Trümmerhaufen von Gesellschaft, wo Chaos ausbricht, wo jeder vollkommen auf sich gestellt ist noch gestaltet sie eine Gesellschaft, wo alle vollständig integriert und zufrieden sind. Sie hält Gesellschaft zusammen, nur nicht im für uns genügenden Maße. Verwaltung organisiert Gesellschaft, Ressourcen, Zugänge und Transparenz. Nur weißt diese Organisation, in jeder Hinsicht, Lücken auf. Sie erleichtert unser Leben nur nicht im für uns genügenden Maße.

Alle drei Systeme haben unsere Welt verbessert. Nur ist die Welt, zum Glück, noch nicht gut genug. Wir stehen dort wo wir stehen, weil unsere Vorfahren enttäuscht und unzufrieden über ihre Welt waren. Die drei Systeme müssen quasi enttäuschen und Unzufriedenheit hervorrufen, damit es weitergehen kann. Es ist genau die Mitte zwischen nicht mehr und noch nicht, die uns motiviert. Die gegenwärtige Gesellschaften, sieht sich wie alle Gesellschaften zuvor an diesem Punkt. Religion, Erbfürsten und  Tradition, welche Gesellschaft, Ressourcen, Zugänge und Transparenz organisierte wurden durch Wissenschaft, Politik und  Bürokratie ersetzt. Dennoch, das Unverständnis ist geblieben. (Vielleicht) zum Glück!

Brandenburg alles inklusive?

20 Apr

Hallo alle Miteinander,

heute bin ich auf diese Broschüre (PDF) des  MASF Brandenburg gestoßen. Zugegeben, Behindertenpolitik ist ein Nischenthema, immerhin mehr als ein Achtel (S. 4) der Brandenburger sind betroffen. Ziemlich viel Platz für eine Nische. Diese Broschüre wurde im Rahmen der Umsetzung des Übereinkommens der UN über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK) erstellt.

In diesem Blog geht es ja um Mittelmäßigkeit, die goldene Mitte, pessimistisch formuliert, um das Graue. Ich weiß nicht so recht, ob ich die Broschüre eher als die „goldene Mitte“ oder als das graue Werk des Ministeriums bezeichnen soll.

Einerseits wird auf vielen Themenfeldern sehr detailliert beschrieben was man besser machen möchte, auf der anderen Seite fallen mir einige Schwächen auf. Warum z. B. wird in den tabellarischen Übersichten die Finanzierung der Maßnahmen so intransparent dargestellt. Maßnahme 1.10a wird aus laufenden Haushaltsmitteln finanziert, ohne konkrete Kosten zu benennen. Kosten der  Maßnahme 1.10b werden mit 10.000 € beanschlagt. Mir ist nicht klar, warum bei einigen Maßnahmen Kosten konkret ausgewiesen werden, bei anderen nicht, eine haushälterische Erklärung lässt sich in der Broschüre nicht finden. Was heißt, dass ggf. Schulträger und Olympiastützpunkte hier mitfinanzieren wollen. Warum werden Kosten inkonsequent ausgewiesen (3.17 brand. Familienpreis 10.000 €; 8.4 Preis „Giraffe“ aus lfd. Haushaltsmitteln finanziert) Warum kostet Kompetenzerhöhung von Mitarbeitern in 7.10 kein Geld, die Bewusstseinsbildung von Mitarbeitern in 7.3 schon (lfd. Haushaltsmittel)  Die Änderung von juristischen Richtlinien kostet kein Geld? (7.1) Das Gefühl erschleicht mich, der interessierte Leser muss erst mal Haushaltsrecht studieren, um diese Widersprüche und Inkonsequenzen zu verstehen. Das Gefühl entsteht, Maßnahmen werden als kostenlos deklariert, sie sind es in Wahrheit nicht. Was ist schon wirklich kostenlos?

Das ganze Handlungsfeld 4 Barrierefreiheit, wohnen, Kommunikation S. 37 ff. ist doch sehr zentral. Ich finde es für meine blinden und seh-behinderten Mitmenschen doch sehr empörend, dass 4.20 überhaupt noch aufgeführt werden muss.

Es ist ja toll, wenn die Tourismusakademie Brandenburg Barrierefreiheit in Veranstaltungen nahe bringt und das ihr Internetauftritt gepflegt wird (6.3). In der Finanzierung wird angegeben, dass dies institutionell gefördert wird. Hier wird etwas als große Neuerung verkauft, die keine ist, ein zugänglicher Internet-Auftritt, geschulte Tourismus-Marketing-Leute? Werden demnächst hier Zebra-Streifen als behindertenpolitische Maßnahme aufgeführt, weil sie die Sicherheit von behinderten Menschen erhöhen?

Wenn man möchte kann alle möglichen Maßnahmen als Behindertenpolitik verkaufen. Im Übrigen, ich erlebe täglich, das Fahrstühle an Bahnhöfen und anderswo nicht gehen. Was nutzt es mir, wenn 65 % aller brandenburgischen Bahnhöfe zugänglich sind, wenn ein Zehntel davon nicht gehen. (S. 38)

Ich weiß, das Brandenburg kein Geld hat und das Ministerium gute Stimmung machen muss. Etwas mehr Transparenz, wie viel Geld, woher kommt und wohin geht und eine höhere Messlatte was Behindertenpolitik ist, würde dem Ganzen gut tun. Es ist eben kein Nischenthema. Man kann und muss hier besser kommunizieren. Davon wächst nicht mehr Geld in der Staatskasse, man weiß es aber dann eben auch.

Anders Breivik: wie viel Menschenverachtung stekt in uns?

16 Apr

Hallo alle miteinander,

mit großem Interesse habe ich die Live Übertragung des Gerichtsprozesses gegen Breivik bei Phoenix zur Kenntnis genommen. Auch wenn ich mir nicht alles angeschaut hab, die paar Minuten haben mir schon ausgereicht, die Miene dieses Mannes sagt alles. Nun streiten sich Psychologen, ob er schuld-fähig ist oder nicht. Diese Experten-Diskussion hat erst mal juristische Relevanz, sie scheint fernab von uns, die wir uns für gewöhnlich sozialisierte und moralisch gefestigte Menschen halten.

Doch Nationalsozialismus, Stalinismus und Maoismus haben doch gezeigt: unschuldige Menschen barbarisch hinzurichten, zweierlei Maß für Moral zu entwickeln ist erlernbar. Als ich Breivik bei Phoenix gesehen habe, ist mir dieser Gedanke sofort gekommen. Die Skandinavier gelten ja im Allgemeinen als weltoffen und liberal. In welchem Maß gilt dies für die Bevölkerung jenseits der Großstädte? Wer hätte denn noch vor wenigen Monaten geglaubt, dass wir die Zwickauer Terrorzelle hatten?

Im Mittelalter, als die Inquisition auf Hochtouren lief, waren Hexenverbrennungen, Folterungen aber auch häusliche Gewalt und ähnliches an der Tagesordnung. Was heute verachtenswert ist, gehörte damals zu guten Ton. Dies wurde so wahrscheinlich auch gar nicht als verwerflich empfunden.

Zurück zur Gegenwart: die Live Übertragung des Gerichtsprozesses scheint mir die beste Waffe, die Existenz von Menschenverachtung nicht nur aufzuzeigen, er lehrt uns auch damit umzugehen. Damit meine ich gar nicht das Gerichtsurteil. Es ist nicht die Aufgabe von Recht Genugtuung zu bringen, dies ist zu individuell, als dass man dies staatlich normieren könnte. Nicht der Mob, sondern eine gesellschaftlich legitimierte Institution spricht Recht. Auch die Opfer müssen weiterhin mit dem erlittenen leben, nichts kann das Geschehene rückgängig  rückgängig machen. Es geht also um das „damit umgehen“ lernen. Der Gerichtsprozess, an sich, bildet diesen Lernprozess bereits ab. Man vergewissert sich, das möglich ist was unmöglich schien. Man hält an dem fest was man hat, weil sich so am besten gegenüber Terror und Menschenverachtung stellen kann.

Wer bei solchen Taten nur Gesetzesverschärfungen fordert, ist sich nicht im klaren darüber, dass man den Tätern damit in die Hände spielt. Sie können einen Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung ausüben. 9/11 ist ein gutes Beispiel hierfür. Solche Forderungen sind nur Mittelmaß und verkennen die Tiefe des Problems.

Es wird immer Menschen wie Breivik geben. Es werden immer solche Taten geschehen. Wir müssen neben Prävention, auch die Auseinandersetzung damit verstärken. Wir werden immer damit leben müssen, lernen wir etwas daraus.

Die Piratenpartei: zwischen Hype, Innovation und einer Verwalterin Frau Merkel

13 Apr

Hallo alle Miteinander,

als ich über die Osterfeiertage meine Verwandten besuchte, kam natürlich wie bei allen Familienbesuchen in dieser Welt das Thema Politik zu Sprache.

Frau Merkel sei eine gute Politikerin hieß es, es laufe doch alles prima, könnte schlimmer sein. Sie sei eine Frau mit Charakter, die sich nicht in so viele Affären verwickeln ließ, wie viele ihrer männlichen Kollegen. Ja, Frau Merkel hat den Ratgeber „Machiavelli für Anfänger“ gut verinnerlicht. Sie sitzt nicht ohne Grund auf dem Kanzlerstuhl, in der Männerdomäne Politik so weit zu kommen, sollte einem Respekt abnötigen, egal, wie man politisch zu ihr stehen mag.

Allerdings: sie hat unser Land nur verwaltet, nicht gestaltet. Wenn man der Agenda 2010 eine positive Wirkung zuschreiben möchte, dann tritt sie jetzt ein. Schröder hat den politischen Preis bezahlt, Merkel erntet. Uns geht es gut, weil es anderen schlecht geht, es geht um Relationen und nicht um absolute Gewinne. Es sollte eigentlich nicht so schwer sein, neben Italien und Co. eine gute Figur zu machen. Diese Figur wird recht stark von einer Verschuldung in die Knie gezwungen, die Ehegattensplitting, Subventionen u. ä. möglich machen. Innovativ ist das nicht. Das gibt es schon seit Gründung der BRD.

Der Ausstieg aus der Atomenergie ist auch eher durchsichtig, der Reaktorunfall in Fukushima hat keinerlei Einfluss auf die technische Beschaffenheit dt. Atomkraftwerke. Auch die Aussetzung der Wehrpflicht ist nicht wirklich innovativ. Andere Länder haben sie schon länger abgeschafft. Muss ich eigentlich noch was zum Elterngeld sagen? Muss ich eigentlich noch erwähnen, dass die CDU das Verhältnis Bürger – Parlament – Staat nicht verändern will? Ich weiß, rhetorische Fragen sind immer super, dennoch alles Belege für die verwaltende Tätigkeit der Frau Merkel. Wer sich gerne verwalten lässt, dürfte mit ihr kein Problem haben.

Nun geht der schillernde Stern der Piratenpartei über Deutschland auf. Alle reiben sich verwundert die Augen. Mehr Transparenz, mehr Beteiligung, ein anderer Politikstil, all diese Ziele, gekleidet in Versprechen, faszinieren auch mich. Es sind, für externe Bürger und Wähler der Piratenpartei, weiterhin Versprechen. Liquid Democracy und ihre konkrete Umsetzung LiquidFeedback finden parteiintern statt. In den Parlamenten, im Wahlvolk ist dies noch nicht angekommen. Viele glauben, die Piratenpartei könnte das politische System reformieren. Weg von Machiavelli und der Illusion von Macht durch Furcht, hin zu konkreten Formen der Beteiligung durch neues Vertrauen in Verfahren und Methoden.

Die Piratenpartei ist durchaus innovativ, was Verfahren und Methoden der politischen Beteiligung angeht. Was das bedingungslose Grundeinkommen angeht, wenn man das zugrunde liegende Menschenbild mal außen vor lässt, handelt es sich um eine Reform der sozialen Sicherung: Rente, HartzIV, BaFöG. Alles wird in einen Topf geschmissen. Im Endeffekt werden Gelder verwaltungsintern nur anders hin- und hergeschoben. Ob das Konzept funktioniert, wage nicht zu beurteilen, kommt Zeit kommt Rat. Kostenloser ÖPNV für alle, die Innovation hinter dieser Maßnahme kann ich nicht entdecken, kann man aber machen.

Wenn ich sage, dass die Die Piratenpartei durchaus innovativ ist was Verfahren und Methoden der politischen Beteiligung angeht, dann meine ich, das hier das Verhältnis Bürger – Parlament entscheidend verändert wird. Delegation wird nicht einfach verlagert, sondern flexibilisiert. Das kann in Parlamenten beginnen und bei Wahlen/Abstimmungen enden. Wirklich neu ist die Idee des Delegated Votings allerdings nicht. [1]

Die Piratenpartei profitiert von der Schwäche der anderen Parteien. Für Bürgerrechte einzutreten, sollte, für eine von Bürgern gewählten Partei, selbstverständlich sein. Den Staat in einem kritischen Blick zu betrachten, sollte ebenso selbstverständlich sein. Neue, technische und soziale Methoden der Bürgerbeteiligung einzuführen, sollte schon aus Effizienzgründen notwendig sein. Das BGE ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluss. Das man unkonventionelle Ideen von unkonventionellen Menschen prüft und sie nach Lage der Fakten ablehnt oder annimmt, sollte ein Gebot der Fairness sein und der Rationalität sein.

Ich reagiere immer etwas allergisch auf Hypes. Das betrifft gerade die Piratenpartei. Sie steht auf den Schultern von Riesen und verschafft sich einen besseren Überblick, wo andere nur den Tunnelblick haben. Sie greifen Ideen aus der Politikwissenschaft auf und wollen diese umsetzen. Ich beschäftige mich mit den Piraten, weil sie Demokratie in einer Konsequenz umsetzen, die ich bei anderen vermisse. Sie wollen (hoffentlich) mehr als nur verwalten. Soll ich als Mensch, Wähler und Bürger deswegen in Jubelgeschrei ausarten.

Es geht eben nicht nur um Verwalten, es geht auch um Gestalten. Das Frau Merkel tut was sie tut finde ich nachvollziehbar, angesichts der existenten politischen Realität. Wer sich verwalten lässt, fordert ein Mittelmaß der Politik. Das Erhalten des Status Quo, das Fahren auf Sicht, der Rückzug in etablierte Organisationen gehört dazu. Von einer sich neu etablierenden Partei erwarte ich genau das, was die Piraten vorhaben. Dafür muss ich sie nicht hypen und Innovationen preisen, wo keine sind.

Ich bin Bürger und kein Untertan: ich kann mehr erwarten, als ich bekomme.

Literatur:

[1] Jabbusch, Sebastian: Geschichte von Liquid Democracy. Berlin 2011 http://www.sebastianjabbusch.de/wp-content/uploads/2011/04/Geschichte_von_Liquid_Democracy.pdf Datum 13.04.2012

Jabbusch, Sebastian: Liquid Democracy in der Piratenpartei Eine neue Chance für innerparteiliche Demokratie im 21. Jahrhundert? Universität Greifswald 2011 http://demokratiepiraten.blogspot.de/2011/10/magisterarbeit-liquid-democracy-in-der.html  Datum 13.04.2012

Frauen und die Doppelbelastung

13 Apr

Hallo alle Miteinander,

als ich über die Osterfeiertage meine Verwandten besuchte, wir am Lagerfeuer zu später Stunde über Gott und die Welt redeten, wurde mir sehr schnell deutlich: es wird immer noch als selbstverständlich erwartet, dass sie Doppelbelastung(en) auf sich nehmen, aushalten und zu den Akten legen, wenn sie vorüber sind.

Ob es die Pflege des krebskranken Mannes, die Verknüpfung von Karriere und Beruf oder das „weibliche“ Auftreten in der „männlich“ dominierten Welt betrifft, sie alle eint die Doppelbelastung, die von Frauen erwartet wird. Ich will hier gar nicht auf Gender-Mainstreaming oder Equal Pay  hinaus. Geschlechtersensible Sprache hat schon ihre Funktion, manchmal habe ich den Eindruck, sie wird umso intensiver genutzt je stärker man gewisse Unterschiede kaschieren will. Broschüren in geschlechtersensibler Sprache kann jeder drucken, wie Frauen und Männer behandelt werden steht auf einem anderen Blatt. Equal Pay ist sicher eine erstrebenswerte Sache. Wenn wir Leute auschließlich nach Leistung bezahlen würden, wäre es kein Problem, tun wir aber nicht!

Hier kommen wir dem Kernproblem schon näher. Neben Ausbildung und Qualifikation sind Berufserfahrung, Berufsrisiken und „Netzwerke“ bei der Bemessung des Lohnes von Bedeutung. Von Beruf zu Beruf variieren diese Faktoren in ihrem Zusammenspiel unterschiedlich stark, aber ihre Wirkung ist überall spürbar. Während Frauen bei Ausbildung und Qualifikation gleiche oder bessere Ausgangspositionen haben, sieht es bei Berufserfahrung, Berufsrisiken und „Netzwerken“ leider anders aus. Viele Frauen verfügen über geringere Berufserfahrung, haben höhere Berufsrisiken und haben seltener die Chance Netzwerkbildung zu betreiben. Der Grund ist einfach: Frauen werden Schwanger, es wird von ihnen erwartet, dass sie sich um ihre Familie in besonderen Maße kümmern. Auch wenn sich diese Erwartung in den letzten Jahrzehnten abgeschwächt hat, verschwunden ist sie nicht. Wer Kinder großziehen muss, sammelt weniger Berufserfahrung und knüpft weniger Erfahrungen. Damit haben Frauen ein Berufsrisiko, dass Männer nicht haben.

Hier ist also eine prima Legitimation für ungleiche Bezahlung: wir erwarten, dass Frauen Kinder großziehen, die Familie am Laufen halten, preisen diese Erwartungen aber nicht in die Entlohnung ein. Der Staat soll es richten: Kindergärten und Familienhilfe sollen die die Erziehungs- und Familienleistung vergesellschaften, während der Profit, den Frauen erwirtschaften zu vollen Teilen privatisiert wird. Zumal in vielen Berufen ja gar nicht klar sein dürfte, wie hoch die geringere Produktivität der Frauen wirklich ist. Aber es wird erst mal eingepreist. Na gut, ich hab doch über Equal Pay geschrieben, eine wirkliche Idee, wie man die Erziehungs- und Familienerwartung an die Frauen ökonomisch sinnvoll einpreisen soll hab ich leider auch nicht – Schade.

Eigentlich geht es mir hier mehr um die psychische Belastung, der Frauen zusätzlich ausgeliefert sind. Kindererziehung und Familienleben, überfordern die Psyche, in den meisten Fällen ja nicht. Bei der Pflege von Angehörigen sieht die Sache wieder anders aus. Wer pflegt mehr mehrheitlich Angehörige? Es sind Frauen in schlecht bezahlten Berufen, die sich keine externe Pflegekraft leisten können. (ohne konkrete Statistik)

Wenn Männer Angehörige pflegen, Kinder allein großziehen, die Familie am Laufen halten, nötigt es den meisten Leuten großen Respekt ab. Wenn Frauen dies tun schwindet der Respekt, er ist noch da, ist halt weniger – Wieso? Wenn ich den meisten Leuten berichte, dass meine Mutter mich jahrelang, ein schwer-behindertes Kind, alleinstehend großgezogen hat, finden sie es schon gut. Irgendwann fällt dann der Satz, das dies ja eigentlich selbstverständlich sei.

Nein, ist es nicht! Meine Mutter hätte nach der Wende einen besser bezahlten Job lernen können, hätte mehr Berufserfahrung sammeln können. Ich habe meiner Mutter zehn Jahre ihres Lebens, einige 1000 Euro entgangenem Einkommen, einige Discobesuche und psychischen Stress gekostet (wird mein Kind jemals ein normales Leben führen können?) Nun ja, Bloggen kann ich ja schon mal, und ein Schritt in Richtung Post-Privacy bin auch schon gegangen, hallo liebe zukünftige Arbeitgeber.

Jedenfalls wird meine Mutter definitiv weniger Rente durch ihre Pflegetätigkeit bekommen, es wird zwar etwas angerechnet, bei der geringen Rente, die sie eh schon bekommen würde, kann dies getrost vernachlässigen. Interessant finde ich, dass alles was sie tat, wirklich aus ihrem Selbstverständnis heraus tat. Es brauchte keine externen Kräfte, es war selbstverständlich. Genauso wie es für andere selbstverständlich ist, ihre Ehepartner zu pflegen, die Kinder des verstorbenen Geschwisters groß zuziehen usw. usw. Wie gesagt, für die meisten Frauen, in der internen sowie in der externen Wahrnehmung, ist dies so. Bei vielen Männern ist dies nicht so in dieser Form zu beobachten. Tagtäglich passiert mittelmäßiges, dass eigentlich außergewöhnlich ist, es spart Ökonomie, Staat, Medien und Gesellschaft viele monetäre, Wissens- und Statusressourcen.

Ein langer Artikel mit einem persönlichen Einblick in ein heiß diskutiertes Thema.

Warum stille Tage gut tun.

6 Apr

Hallo alle Miteinander,

die Diskussion um stille Tage flammt nun wieder auf. Konkret geht es um das Aufheben von Tanzverboten in vielen Bundesländern.

Ich habe mit Religion nichts am Hut und bin für eine strikte Trennung für Staat und Kirche. Jedoch finde ich die Idee von stillen Tagen sehr interessant, unabhängig von ihrem religiösen Hintergrund.

Nun wird argumentiert, stille Tage, Tanzverbote seien unzeitgemäß. Wer definiert was zeitgemäß ist? Geschäfte sollen 24/7 geöffnet sein, weil dies zeitgemäß ist. Die religiös fundierten Feiertage sollen weiter kommerzialisiert werden, weil das Kaufen und Verkaufen von Waren, zu jeder Zeit, an jedem Ort, Errungenschaften moderner Gesellschaften sind. Man soll tanzen und feiern dürfen wo man will, weil die Persönlichkeit durch nichts eingeschränkt werden soll.

Wenn jeder Tag gleich ist, wo konsumiert und gefeiert werden darf, wo bleibt die Wertschätzung für, eben genau dieses „dürfen“? So paradox es klingt, nur wenn sich selbst zeitlich befristet, beschneidet, lernt man was es heißt eben nicht beschnitten zu werden. Alles soll jetzt und überall möglich sein, weil es geht. Wird hier „weil es geht“ nicht zum Selbstzweck? Ich finde die Idee spannend, dass Gesellschaft an bestimmten Tagen aus dem Tritt kommt. So entsteht eben nicht diese Gleichförmigkeit  des 24/7, bezogen auf alle Teile der Gesellschaft.

Man kann mit über nötige Anzahl von stillen Tagen debattieren, eine angemessene Zahl habe ich gar nicht im Kopf. Man kann mit mir über die „Verbote“ an stillen Tagen debattieren, auch da bin ich nicht festgelegt. Ich finde sogar die Frage interessant, ob man stille Tage nicht auf nicht religiöse Feiertage legen kann. Warum spricht ausgerechnet eine religiöse Fundierung für Ver- und Gebote zu einer bestimmten Zeit?

Mir ist natürlich auch klar, dass eine Abgrenzung inkonsequent ist: warum darf es an Karfreitag Tanzveranstaltungen geben, nicht aber an Weihnachten. Warum ist die allg. Arbeit verboten, spezielle Arbeiten aber erlaubt? (Ich weiß natürlich, das Krankenhäuser, Polizei und Co. geöffnet haben müssen, deshalb ja die Inkonsequenz) Warum sollten stille Tage explizit auf nicht religiös fundierte Feiertage gelegt werden? Wird hier nicht wieder ein Statement einer Minderheit auf die Mehrheit aufgedrückt?

Ich wollte einfach nur ausdrücken, dass mir das Konzept der stillen Tage gefällt und ich ein alles und überall, weil es geht, kritikwürdig finde.