Frauen und die Doppelbelastung

13 Apr

Hallo alle Miteinander,

als ich über die Osterfeiertage meine Verwandten besuchte, wir am Lagerfeuer zu später Stunde über Gott und die Welt redeten, wurde mir sehr schnell deutlich: es wird immer noch als selbstverständlich erwartet, dass sie Doppelbelastung(en) auf sich nehmen, aushalten und zu den Akten legen, wenn sie vorüber sind.

Ob es die Pflege des krebskranken Mannes, die Verknüpfung von Karriere und Beruf oder das „weibliche“ Auftreten in der „männlich“ dominierten Welt betrifft, sie alle eint die Doppelbelastung, die von Frauen erwartet wird. Ich will hier gar nicht auf Gender-Mainstreaming oder Equal Pay  hinaus. Geschlechtersensible Sprache hat schon ihre Funktion, manchmal habe ich den Eindruck, sie wird umso intensiver genutzt je stärker man gewisse Unterschiede kaschieren will. Broschüren in geschlechtersensibler Sprache kann jeder drucken, wie Frauen und Männer behandelt werden steht auf einem anderen Blatt. Equal Pay ist sicher eine erstrebenswerte Sache. Wenn wir Leute auschließlich nach Leistung bezahlen würden, wäre es kein Problem, tun wir aber nicht!

Hier kommen wir dem Kernproblem schon näher. Neben Ausbildung und Qualifikation sind Berufserfahrung, Berufsrisiken und „Netzwerke“ bei der Bemessung des Lohnes von Bedeutung. Von Beruf zu Beruf variieren diese Faktoren in ihrem Zusammenspiel unterschiedlich stark, aber ihre Wirkung ist überall spürbar. Während Frauen bei Ausbildung und Qualifikation gleiche oder bessere Ausgangspositionen haben, sieht es bei Berufserfahrung, Berufsrisiken und „Netzwerken“ leider anders aus. Viele Frauen verfügen über geringere Berufserfahrung, haben höhere Berufsrisiken und haben seltener die Chance Netzwerkbildung zu betreiben. Der Grund ist einfach: Frauen werden Schwanger, es wird von ihnen erwartet, dass sie sich um ihre Familie in besonderen Maße kümmern. Auch wenn sich diese Erwartung in den letzten Jahrzehnten abgeschwächt hat, verschwunden ist sie nicht. Wer Kinder großziehen muss, sammelt weniger Berufserfahrung und knüpft weniger Erfahrungen. Damit haben Frauen ein Berufsrisiko, dass Männer nicht haben.

Hier ist also eine prima Legitimation für ungleiche Bezahlung: wir erwarten, dass Frauen Kinder großziehen, die Familie am Laufen halten, preisen diese Erwartungen aber nicht in die Entlohnung ein. Der Staat soll es richten: Kindergärten und Familienhilfe sollen die die Erziehungs- und Familienleistung vergesellschaften, während der Profit, den Frauen erwirtschaften zu vollen Teilen privatisiert wird. Zumal in vielen Berufen ja gar nicht klar sein dürfte, wie hoch die geringere Produktivität der Frauen wirklich ist. Aber es wird erst mal eingepreist. Na gut, ich hab doch über Equal Pay geschrieben, eine wirkliche Idee, wie man die Erziehungs- und Familienerwartung an die Frauen ökonomisch sinnvoll einpreisen soll hab ich leider auch nicht – Schade.

Eigentlich geht es mir hier mehr um die psychische Belastung, der Frauen zusätzlich ausgeliefert sind. Kindererziehung und Familienleben, überfordern die Psyche, in den meisten Fällen ja nicht. Bei der Pflege von Angehörigen sieht die Sache wieder anders aus. Wer pflegt mehr mehrheitlich Angehörige? Es sind Frauen in schlecht bezahlten Berufen, die sich keine externe Pflegekraft leisten können. (ohne konkrete Statistik)

Wenn Männer Angehörige pflegen, Kinder allein großziehen, die Familie am Laufen halten, nötigt es den meisten Leuten großen Respekt ab. Wenn Frauen dies tun schwindet der Respekt, er ist noch da, ist halt weniger – Wieso? Wenn ich den meisten Leuten berichte, dass meine Mutter mich jahrelang, ein schwer-behindertes Kind, alleinstehend großgezogen hat, finden sie es schon gut. Irgendwann fällt dann der Satz, das dies ja eigentlich selbstverständlich sei.

Nein, ist es nicht! Meine Mutter hätte nach der Wende einen besser bezahlten Job lernen können, hätte mehr Berufserfahrung sammeln können. Ich habe meiner Mutter zehn Jahre ihres Lebens, einige 1000 Euro entgangenem Einkommen, einige Discobesuche und psychischen Stress gekostet (wird mein Kind jemals ein normales Leben führen können?) Nun ja, Bloggen kann ich ja schon mal, und ein Schritt in Richtung Post-Privacy bin auch schon gegangen, hallo liebe zukünftige Arbeitgeber.

Jedenfalls wird meine Mutter definitiv weniger Rente durch ihre Pflegetätigkeit bekommen, es wird zwar etwas angerechnet, bei der geringen Rente, die sie eh schon bekommen würde, kann dies getrost vernachlässigen. Interessant finde ich, dass alles was sie tat, wirklich aus ihrem Selbstverständnis heraus tat. Es brauchte keine externen Kräfte, es war selbstverständlich. Genauso wie es für andere selbstverständlich ist, ihre Ehepartner zu pflegen, die Kinder des verstorbenen Geschwisters groß zuziehen usw. usw. Wie gesagt, für die meisten Frauen, in der internen sowie in der externen Wahrnehmung, ist dies so. Bei vielen Männern ist dies nicht so in dieser Form zu beobachten. Tagtäglich passiert mittelmäßiges, dass eigentlich außergewöhnlich ist, es spart Ökonomie, Staat, Medien und Gesellschaft viele monetäre, Wissens- und Statusressourcen.

Ein langer Artikel mit einem persönlichen Einblick in ein heiß diskutiertes Thema.

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