Wissenschaft, Politik, Bürokratie: unverstandende Systeme der Mittelmäßigkeit

28 Apr

Hallo alle Miteinander,

in letzter Zeit bin ich nicht zum Schreiben gekommen, es gab einfach zu viel zu tun. Dies mag auch daran liegen, dass ich mich zur Zeit an den Schnittpunkten zwischen Wissenschaft , Politik und Bürokratie bewege. In Gesprächen mit  Freunden, Familie und Kommilitonen merke ich immer wieder, dass diese drei Systeme nicht verstanden werden. Es herrscht große Ahnungslosigkeit.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: ich maße mir nicht an, dass ich alles durchdrungen habe und ein Experte bin. Im Gegenteil. Es gibt aber einen Unterschied zwischen gar nichts wissen und ein wenig wissen.

Mein bescheidenes Wissen und meine wenigen Erfahrungen haben mich zur Erkenntnis geführt, dass alle drei Systeme eine Gemeinsamkeit haben: Mittelmäßigkeit. Viele Leute glauben, Wissenschaft, Politik und Bürokratie müsse sich durch Außengewöhnlichkeit hervortun: Wissenschaft soll das Leben länger, angenehmer und spannender machen. Politik soll gestalten, motivieren und einigen. Bürokratie soll einerseits organisieren und andererseits im Hintergrund bleiben. Sie soll Politik umsetzen und dabei nach wissenschaftlichen Standards arbeiten. Die Bürokratie bildet im Ideal ein Scharnier zwischen Wissenschaft und Politik. Sie übersetzt wissenschaftliche Erkenntnisse in Gesetzesvorlagen und überprüft Gesetze anhand von wissenschaftlichen Maßstäben.

Aber was ist Wissenschaft?

Ich würde es so zuspitzen: Wissenschaft ist die strukturierte Suche, die uns hilft, die Welt zu verstehen. Erkenntnisse stellen Zusammenhänge her, die uns zu einem besseren Verständnis der Welt führen. Sie besitzen drei Egenschaften: Objektivität, Absolutheit und Relativität. Der Widerspruch zwischen Absolutheit und Relativität lässt sich auflösen, wenn man die Perspektive wechselt.

Objektivität: die Erkenntnis, warum im Herbst die Blätter fallen ist vom Forscher unabhängig und reproduzierbar.

Absolutheit: bestimmte Annahmen können ein Phänomen logisch und reproduzierbar erklären, im Herbst fallen Blätter, weil Temperatur-, Licht-, und Nähstoffverhältnisse dafür sorgen, dass es für Laubbäume vorteilhafter wird ihre Blätter abzuwerfen.

Relativität: ein Phänomen kann auch durch andere Annahmen geklärt werden, solange so logisch und reproduzierbar bleiben. Laubbäume können im Herbst ja auch deshalb Blätter verlieren, weil ihre Umwelt verschmutzt wurde oder Insekten die Blätter abfressen. Die  Temperatur-, Licht-, und Nähstoffverhältnisse können das Phänomen Blätterfall erklären (absolut) Aber nicht jeder Blattfall ist darauf zurückführbar (relativ) Wissenschaft erklärt unsere Welt also unvollständig und vorläufig. Erst Newton dann Einstein, neue alles verändernde Theorien warten darauf gefunden zu werden. Solange sie objektiv, absolut und relativ sind ist alles in Ordnung. Wissenschaft schafft Enttäuschung, weil sie einerseits unser Leben  angenehmer macht, andererseits zerstört sie Weltbilder (Erde nicht Zentrum des Universums usw.) und sie schafft Ungeduld, warum ist Krebs und AIDS noch nicht besiegt worden, warum dauert das so lange?

Und was ist mit Politik und Bürokratie?

Wenn schon die Wissenschaft, als strukturierte Suche nach Erkenntnis Enttäuschung produziert, müssen Politik und Bürokratie noch viel mehr Enttäuschung schaffen. Die plötzliche Wende in der Atom- und Verteidigungspolitik, die Abschaffung der Wehrpflicht, diese Plötzlichkeit lässt sich nicht naturwiss. und organisationswissenschaftlich erklären. Einzig die Politik- und die Medienwissenschaft können hier Erklärungsansätze liefern.

Während Wissenschaftler mehr oder minder klar die Grenzen ihrer Theorien aufzeigen passiert dies bei Politikern (fast) nie. Es würde ihnen sogar negativ ausgelegt werden, im Zweifel würden sie Wählerstimmen, und damit Macht verlieren. Welcher Politiker hat den in den 70 gern schon zugegeben, dass unklar ist, was mit dem verstralten Müll passiert, wie sicher AKWs wirklich sind?

Am schlimmsten trifft es hier die Bürokratie. Man bekommt einen Bescheid zugesandt, den man nicht versteht. Wenn man ihn versteht, mag man sich so manches mal über seine gesetzlichen Grundlagen wundern. Denn auch Gesetze regulieren die Welt nur mangelhaft und vorläufig. Die Welt ändert sich, Gesetze sind veraltet. Bescheide treffen unser Leben aber absolut, ob sie unser Handeln positiv oder negativ beeinflussen ist erst mal irrelevant. In Wissenschaft und Politik wird noch diskutiert. In der Verwaltung wird vollzogen.

Wo ist die Mittelmäßigkeit?

Weder erklärt die Wissenschaft rein gar nichts, zu keiner Zeit, noch erklärt sie alles in jedem Zeitabschnitt. Sie liefert Erkenntnisse, sie befriedigen uns nur nicht in genügenden Maße. Weder hinterlässt Politik einen Trümmerhaufen von Gesellschaft, wo Chaos ausbricht, wo jeder vollkommen auf sich gestellt ist noch gestaltet sie eine Gesellschaft, wo alle vollständig integriert und zufrieden sind. Sie hält Gesellschaft zusammen, nur nicht im für uns genügenden Maße. Verwaltung organisiert Gesellschaft, Ressourcen, Zugänge und Transparenz. Nur weißt diese Organisation, in jeder Hinsicht, Lücken auf. Sie erleichtert unser Leben nur nicht im für uns genügenden Maße.

Alle drei Systeme haben unsere Welt verbessert. Nur ist die Welt, zum Glück, noch nicht gut genug. Wir stehen dort wo wir stehen, weil unsere Vorfahren enttäuscht und unzufrieden über ihre Welt waren. Die drei Systeme müssen quasi enttäuschen und Unzufriedenheit hervorrufen, damit es weitergehen kann. Es ist genau die Mitte zwischen nicht mehr und noch nicht, die uns motiviert. Die gegenwärtige Gesellschaften, sieht sich wie alle Gesellschaften zuvor an diesem Punkt. Religion, Erbfürsten und  Tradition, welche Gesellschaft, Ressourcen, Zugänge und Transparenz organisierte wurden durch Wissenschaft, Politik und  Bürokratie ersetzt. Dennoch, das Unverständnis ist geblieben. (Vielleicht) zum Glück!

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