Neuer Versuch des Reblogs tinetrophys Artikel zu Arendt und dem Bösen im Menschen

30 Apr

aus tinyentropy Blog:

Hannah Arendt und die menschliche Neigung, sich aus der Verantwortung zu stehlen

Auf einer Autofahrt habe ich mir ein Sternstunden-Gespräch aus der Reihe Klassiker reloaded über die Philosophin Hannah Arendt angehört, welches ich sehr anregend fand. Hannah Arendt (siehe Wikipedia), die aus einer jüdischen Familie stammte, begleitete 1961 als Berichterstatterin für die Zeitung The New Yorker den viel beachteten Prozess gegen Adolf Eichmann, seines Zeichens ehemaliger SS-Obersturmbannführer. Es war dem israelischen Geheimdienst gelungen, Eichmann in Argentinien festzusetzen und ihn nach Israel zu entführen, um ihm dort den Prozess zu machen. Dies war insbesondere von grosser Bedeutung, weil Eichmann als ein grosses Tier des NS-Regimes galt. weiterlesen

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Hallo tinyentropy,

mir ist immer noch nicht ganz klar, warum der Mensch gar nicht von Grund auf Gut sein sollte? Unsere Triebe und Instinkte sind doch unter anderem mitverantwortlich für die Entstehung einer Gesellschaft:
– das Kleinkind fühlt sich zu seiner Mutter hingezogen
– die Mutter ist für das Geschrei ihres Kindes sensibilisiert
– gewisse Trauermechanismen sind interkulturell und auch bei einigen Tieren verbrieft, sind also Teil dieser Lebewesen jenseits ihres Bewusstseins.

Mit den Erfahrungen der Nazi-, Stalin- oder Maozeit für das Böse im Menschen argumentieren zu wollen halte ich doch für sehr einseitig. Man macht hier ein Teil zum Ganzen, es bleibt aber nur ein Teil. Es ist doch sehr bezeichnend, dass Nazis Stalinisten und Maoisten „Kinder der Moderne sind“. Begriffe wie Bürokratisierung, Professionalisierung und Identifizierung, i. S. v. man erklärt sich zum Bestandteil einer Gemeinschaft passen hier ebenfalls gut hinein.

Der Totalitarismus existiert meiner Meinung nach nicht, weil der Mensch böse ist, sondern weil er Mechanismen geschaffen hat, die Individuen entmenschlichen. An dieser Stelle bin ich Marxist, weil ich glaube, dass der Totalitarismus ohne Entfremdung nicht denkbar ist.

Wenn ich nicht mehr nachvollziehen kann, warum andere Leute reicher sind als ich, wenn ich nur mich nur noch als Teil eines Getriebes sehe, beginne ich, nach einfachen Erklärungsmustern zu suchen. (Antisemitismus, Klassenkampf, Freiheit um jeden Preis) Wenn ich mir diese Muster aneigne und in bestimmte Kreise gerate, die diese Muster ebenfalls reproduzieren, beginnt die Entmenschlichung. Sie beginnt, weil im Rahmen dieser Muster, die Anderen ja die Unmenschlichen sind. Je weiter sich diese Muster reproduzieren, je mehr ich davon Nutzen ziehe, weil ich zeitliche, ökonomische und Statusressourcen bekomme, desto eher bin ich bereit mich zu entmenschlichen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass nur Wesen, die sich selbst reflektieren können, sich „verwesen“ können. In ihrer Selbstwahrnehmung, durch die o. g. Prozesse, glauben sie die Definitionshoheit darüber zu besitzen, was lebenswert ist.

Als nichtgläubiger Mensch muss ich zugeben, dass die Abwesenheit von einem Mindestmaß an Religiosität, Totalitarismus verstärkt, weil auf rationaler Ebene eben nicht sofort klar ist, warum alle gleich sind.

Nazis haben auch sehr erfolgreich kommuniziert, haben den Diskurs gelenkt, haben Bünde geschmiedet, haben Wissenschaft für ihre Zwecke genutzt, haben sich zum Vorreiter „ihrer Moderne“ stilisiert. Sie waren in einem gewissen Sinn, auch wenn viele es nicht wahr haben wollen modern.

Meiner Ansicht nach werden menschliche Eigenschaften durch Fortschritt weder verstärkt noch geschwächt. Der heutige Mensch ist genauso empathiefähig und sozial, wie vor 20.000 Jahren. Es ist die Entfremdung des Fortschritts, die uns Totalitarismus beschert hat, nicht bestimmte Eigenschaften. Wir müssen uns mit den Folgen unseres Handelns beschäftigen und nicht mit den Grundlagen unserer menschlichen Eigenschaften. Die bloße Entwicklung einer einer Atombombe aus menschlicher Neugierde ist noch nicht schlecht, ihr Einsatz um Menschen zu töten schon. Die Entwicklung sozialer Abgrenzungsmechanismen um seine Identität zu betonen ist noch nicht schlecht. Andere deswegen auszuschließen, sie zu benachteiligen ist es schon. Dass es Sachsen und Brandenburger gibt ist für diese Gruppen kein Problem. Für die Afroamerikaner ist sehr wohl ein Problem, wenn es die „Weißen“ gibt.

Mit gut oder böse hat das alles nichts zu tun, wohl aber mit der Frage, wie nahe uns das alles ist. Hitler und Eichmann in die böse Ecke abzuschieben, den Menschen als den Wolf im Schafspelz zu beschreiben, dass tinyentropy, ist mir ein wenig zu einfach. Und das wäre es sicher auch für Ahrendt.

Es geht nicht um Kommunikation, es geht um kritische Selbstreflektion. Wenn ich mir die Frage stelle, ob ich 1933 auch Nazi geworden wäre, bin ich heute am ehesten davor gefeit keiner zu werden. Wie gesagt, mit dem Bösen hat das nichts zu tun. Wir sind nur dann vor Entfremdung geschützt, wenn wir uns eingestehen, dass wir eben nicht davor geschützt sind.

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2 Antworten to “Neuer Versuch des Reblogs tinetrophys Artikel zu Arendt und dem Bösen im Menschen”

  1. tinyentropy April 30, 2012 um 17:57 #

    Hallo 🙂 Danke für’s Rebloggen!

    dann möchte ich auch antworten.

    wie erklärst du die befunde der milgram-experimente oder die ereignisse der gefängnissimulation? du sagst, dass erst bestimmte umstände zu einer entmenschlichung führen. dem stimme ich zu. die frage ist, was ist der charakter dieser entmenschlichung? ist es ein übergang in einen entfremdeten zustand, der dem mensch nicht eigen ist und der nur ein artefakt der systemischen umstände ist, oder bedeutet die entmenschlichung, dass wir die sozialen regeln, die wir mühsam erlernt haben, über bord schmeissen und alle moralischen hemmschuhe abstreifen? ich denke, dass der mensch erst durch eine gute erziehung und glückliche lebensumstände zu einem sozialen wesen reift.
    die bindung zwischen mutter und kind ist ein schwieriges beispiel. sie basiert auf existenzieller abhängigkeit und animalischen instikten, nämlich dass der nachwuchs geschützt werden muss. denn nichts anderes sieht man bei wildlebenden tieren in der natur auch.

    aber vielleicht hast du recht. vielleicht ist es stattdessen so, dass der mensch von seinem natürlichen wesen her gut ist und widrige umstände ihn zum bösen verleiten. das mag z.b. bei jugendlichen straftätern so sein. aber das erklärt nicht die befunde der milgram-experimente.

    • marien86 April 30, 2012 um 20:59 #

      Hallo tinyentropy,

      ich bin zu wenig Psychologe, um dir deine Frage plausibel beantworten zu können. Klar ist, es gibt empirische Befunde, wo Menschen starken Gebrauch von Machtstrukturen machen. Genauso klar ist aber auch das unklar ist, in welchem Verhältnis vererbte Charaktereigenschaften zu gesellschaftlich sozialisierten Verhaltensweisen stehen.

      Das Phänomen Totalitarismus ist eben vielschichtiger, als es einige psychologische Experimente zeigen. Die Psychologie ist sicher auch ein wichtiger Faktor in der Beschreibung von Totalitarismus.

      Ironischerweise finde ich Thomas Hobbes sehr interessant, der das Schlechte im Menschen betont. Weil Menschen neidisch sind und sich misstrauen, bedarf es eines mächtigen, absolutistischen Staates, der eine bestimmte Ruhesphäre des Menschen garantiert. Diese Spähre muss nicht unbedingt die Privatsphäre sein, bestimmte Bereiche der Öffentlichkeit können dort auch inkludiert sein.

      Wenn also Neid eine wichtige Rolle in Gesellschaften spielen, ist die Frage wichtig, woher kommt er? Er ist doch das Produkt von (empfundener) sozialer Ungleichheit. Dazu kommt, dass viele Leute gar nicht wissen viele Führungskräfte leisten müssen um ihren Status zu wahren. Entfremdung basiert also einerseits auf Neid, ich verstehe nicht, warum der Eine etwas hat was ich nicht habe. Andererseits spielrt mangelndes Wissen und falsche Vorstellung eine Rolle. Wenn ich das Bild des dekadenten Jet-Sets im Kopf habe, ziehe ich bestimmte Schlüsse Der hohe Grad sozialer Ungleichheit und das mangelnde Wissen über andere gesellschaftliche Gruppen ist nur durch die Existenz hochgeradig arbeitsteiliger, vielschichtiger und gegenseitig abhängiger Individuen erklärbar. Es kommt doch nicht von ungefähr, dass der Totalitarismus zu einer Zeit aufkam, wo die Agrargesellschaft verschwand und durch eine Industrie ersetzt wurde.

      Natürlich wurden Afrikaner schon lange vor der Industrialisierung als Sklaven gehalten. Man darf aber auch nicht vergessen, dass bis ins 18. Jahrhundert die Leibeigenschaft in Europa existierte. De facto waren waren Leibeigene und Sklaven aber auf der selben Stufe, es hat also nichts mit Hautfarbe zu tun gehabt. Erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts wollte man mit Schädeluntersuchungen beweisen, dass Frauen, Afrikaner u. a. nicht den selben Intellekt (Hirnmasse) besitzen wie der weiße Mann. Mit der Wissenschaft Medizin hat man versucht Diskriminierung zu legitimieren. Gewalt in der Ehe und anderswo wurde mit dem Argument legitimert, dass sie notwendig sei. Nicht die Böshaftigkeit, sondern fehlinterpretierte Daten und ein „Besser-Schlechter-Denken“ haben den Boden für Totalitarismus bereitet. Man hat qusai mit der Aufklärung legitimiert, warum es vergebene Lebensmühe ist bestimmte Gruppen an ihr zu beteiligen.

      Das neue an der Industrialisierung war, man kann beim Töten abstumpfte. Wenn MGs und Granatwerfer den selben Schaden anrichten ein Reiter-Regiment, wenn neue Erkentnisse aus der Psychologie genutzt werden um Menschen auf das Töten vorzubereiten, dann hast du die Grundlage für Totalitarismus. Wenn durch Massenmedien scheinbar wissenschaftlich legitimierte Vorurteile über Menschen gestreut werden, hast du die Grundlage für Totalitarismus. Wenn du Leuten in großen Organisationen, in der Öffentlichkeit, und im Privaten Geld, Zeit und Status gibst, wenn sie bestimmte Formen der Diskriminierung anwenden, dann hast du die Grundlage für Totalitarismus. Wenn durch Bürokratie und Kommunikationsstrukturen, wenn durch Gesetze und Verordnungen bestimmte gesellschaftliche Gruppen zu Zahlenkolonnen degradiert werden, hast du die Grundlage für Totalitarismus.

      Ist der Mensch also böse weil er zur Armee geht? Oder weil er Boulevard-Zeitungen ließt? Oder weil er sich für einen Arbeitsplatz bewirbt, der für weiße, männliche Europäer gedacht ist? Oder weil er Sozialleistungen bezieht, die von anonymen ausländischen Tagelöhnern oder Gefängnisinsassen finanziert werden?

      Die von dir genannten empirischen Befunde können bestimmte Ereignisse in KZs und Gefängnissen beschreiben. Sie sind (sollen auch nicht) Erklärungsgrundlage für das System Totalitarismus sein. Das ist vielleicht das Verdienst von Arendt: in allen heutigen Gesellschaften steckt die Grundlage für Totalitarismus. Viele Nazis waren „gut erzogene“ kultivierte und auch soziale Menschen. Wie eben die Breiviks dieser Welt auch. Wenn in bestimmten Gesellschaften Wasser auf den Keim gegossen wird, führt Erziehung, Bildung, Wissenschaft und das Soziale zur Dekonstruktion von Gesellschaft. Dies alles bietet keinen Schutz gegen Totalitarismus, an sich, nur in Verbindung mit kritischer Selbstreflektion bietet dies eine Schutzfunktion.

      Gruß David Marien

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