Wie ein Mädchen um besseres Schulessen kämpft.

16 Jun

Hallo alle Miteinander,

als ich den Artikel Drei Gurkenscheiben für Martha vor einigen Wochen las, habe ich dem keine große Bedeutung zugemessen. Ein neunjähriges Mädchen in Schottland betreibt ein Fotoblog über das Essen der Kantine an ihrer Schule. Das dem britischen Essen kein guter Ruf anhängt wissen wir ja. Das Einzige was mich damals beim Lesen verwunderte, 700.000 Menschen verfolgen ihr Blog. Mir war und ist die Dimension des Themas wohl nicht bekannt genug. Bei dem später erschienen Artikel Martha darf ihr Schulessen doch fotografieren wurde ich stutzig. Warum sollte man dem Mädchen verbieten wollen ihr Schulessen fotografieren zu dürfen? Die Gemeinde, die für das Schulessen verantwortlich ist rechtfertigte ihr Fotoverbot so: der Cateringdienst für die Schulen sei ungerechtfertigt attackiert worden, so das Argyll and Bute Council. Mitarbeiter der Firma fürchteten nach hämischen Artikeln in der Presse um ihre Jobs. Deshalb wurde das Verbot erteilt.

Habe ich richtig gelesen? Ein Mädchen berichtet über die miese Qualität des Schulessens, anstatt sich über Qualität Gedanken zu machen, wird ihre Berichterstattung unterbunden? Der Überbringer der schlechten Nachricht wird abgestraft, nicht ihre Verursacher.

Zum Glück sehen dies viele Andere ähnlich. Die Entscheidung löste eine Welle der Entrüstung aus, vier Millionen Menschen haben das Blog gelesen. Die Gemeinde musste einen Rückzieher machen. Martha darf nun wieder Fotos schießen. Was ich besonders lobenswert finde, sie nutzt ihre Popularität für wohltätige Zwecke: Kinder in Afrika bekommen ein Essen in ihrer Schule.

Manche mögen sagen, es gibt wichtigere Dinge als besseres Schulessen in Schottland. Das ist ohne Zweifel richtig. Richtig ist aber auch, es wird für eine bessere Gesellschaft gekämpft. Sei es nur, das sich eine bessere Gesellschaft durch besseres Essen äußert. Außerdem profitieren ja auch die Ärmsten der Armen von diesem Kampf.

Das bloße Berichten über Missstände, hier mieses Schulessen, kann dazu führen, dass man zu einem Machtfaktor wird. Die Gemeinde und der Cateringdienst sahen sich gezwungen, auf die Berichterstattung eines neunjährigen Mädchens zu reagieren. In dem „gezwungen sehen“ wird diese Macht bereits erkennbar. Die Öffentlichkeit wurde durch die Berichterstattung so beeinflusst, dass sie eine Reaktion der verantwortlichen Stellen erwartete: das Essen sollte besser werden. Man wählte den einfacheren Weg, die Berichterstattung wurde unterbunden, weil man glaubte, dies biete das beste Kosten-Nutzen-Verhältnis für die Gemeinde. Eine mittelmäßige Entscheidung, eine Entscheidung, die Dinge weder besser noch schlechter machte. Der Status-Quo sollte erhalten bleiben. Diese Strategie war leider zu offensichtlich. Anstatt Popularität zu minimieren wurde sie erhöht, sehr stark erhöht. Es wäre für eine Gesellschaft schlimm, wenn man sich nicht mit dem Mädchen solidarisieren würde. Die Gedankengänge in der Gemeindeverwaltung mag jeder für sich selbst bewerten, es zeigt sich, wie Verwaltungen  funktionieren. Es zeigt sich aber auch, dass Verwaltung und Politik in ihrer Mittelmäßigkeit gefangen sind. Besseres Schulessen kostet Geld und andere Ressourcen, oben drauf. Ressourcen entsprechend umzuorganisieren, bedarf einer gewissen Motivation: entweder kommt diese intern aus der Verwaltung oder sie wird extern in der Gesellschaft erzeugt. Dieser Vorfall um dieses Schulessen-Blog, zeigt sehr anschaulich, wie diese gesellschaftliche Motivation  erzeugt wird, wie sie in den politischen Prozess getragen wird und wie sie Entscheidungen erzwingt.
Wiedermal wurde bewiesen: Kinder und Narren sagen die Wahrheit. Sie zeigen uns unser mittelmäßiges Verhalten auf.

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