Vom Zwickel zum Alterssexismus

18 Aug

Hallo alle Miteinander,

da schlägt man am Morgen seinen Kalender um und erfährt, das heute vor 80 Jahren der Zwickelerlass eingeführt wurde. Es wurde dort geregelt, welche Badekleidung man am Strand zu tragen habe. Beim recherchieren erfahrt man dass, er noch heute als Symbol für das unangemessene Eingreifen des Staates in persönliche Angelegenheiten gilt. Interessanterweise haben ihn die Nazis 10 Jahre später wieder abgeschafft.

Der Zwickelerlass steht für eine Zeit, wo insbesondere Frauen stark reglementiert wurden, hier eben auch in der Wahl der Bademode. Im Verlauf der Liberalisierung der Gesellschaft, der Emanzipation der Frau wurden diese Reglementierungen abgeschafft, zumindest sind sie gesellschaftlich gesehen relativiert. Nun könnte man meinen, mit der Liberalisierung und Emanzipation hätten sich bestimmte Bilder der Frau relativiert. Das Bild von der attraktiven Frau, die sich in ihre Geschlechterrolle einfügt. Ja, auf der einen Seite gibt es diese Relativierung. Einige Frauen kleiden und verhalten sich anders, als es die gesellschaftliche Norm hergibt. Andererseits verstärkt sich der Druck auch noch im hohen Alter attraktiv sein zu müssen.

Dies kann man im Artikel Scharf, die Alte! in der Kolumne von Sibylle Berg nachlesen. Sie schreibt dazu:

In den Mode- und Gesellschaftsseiten der Medien wird gerade das Buch „Advanced Style“ des Bloggers Herr Cohen besprochen, was mir die Illusion eines friedlichen Alters nimmt. Denn was wie eine Wiedersichtbarmachung der Dame über 70 erscheint, ist Ausdruck des kommenden Stylefaschismus. [.]

Und die Berichte jubilieren: Endlich zeigt einer mal den alten Schrauben, wie sie auszusehen haben. Auch auf den letzten Metern, wenn man über- oder untergewichtig in Kittelschürzen über Veranden kullert, dürfen wir das nicht mit wohligem Grunzen. Sondern haben den Forderungen nach eleganter Stromlinienförmigkeit, Gefälligkeit und Sexyness zu genügen.

Stylefaschismus: wo man den Staat einst dafür kritisierte, Lebensentwürfe gleichnamig zu machen, überlassen wir dies heute einigen Redakteuren/Modejournalisten. Natürlich gibt es klare Unterschiede zwischen dem Staat und dem Modejournalismus: der Staat kann direkt falsches Verhalten sanktionieren. Modejournalisten können dies nur indirekt. Aber sie können es. Weiter heißt es bei Berg:

Liest man wahllos Artikel über verstorbene prominente Frauen, finden sich innerhalb von Minuten Sätze wie: „In diesen Tagen wäre Romy Schneider siebzig geworden. Kaum vorstellbar, wie das ausgesehen hätte“ („Welt“), „Amy Winehouse hatte viele Männer. Flüchtige Küsse, schnelle Nummern, Sex im Drogenrausch“ („Bild“), und „Die psychisch kranke Mutter wurde ebenso verschwiegen wie Marilyns chronisches Frauenleiden Endometriose (Erkrankung der Gebärmutterschleimhaut)“ (dpa).

An den Prominenten sieht man, dass sich gewisse Erwartungen in der Gesellschaft verkehrt haben. Der Erwartungsdruck ist jedoch gewachsen. Hatte der Zwickelerlass (wahrscheinlich) zum Ziel die sexuelle Anziehungskraft der Frauen zu minimieren – was mit der Polizei ja auch durchgesetzt wurde – sollen heute Frauen ihre (von der Mehrheitsgesellschaft definierte) sexuelle Anziehungskraft bis ins hohe Alter bewahren. Anstelle des staatlichen Gewaltmonopols wird der Druck der Peergroup und der Öffentlichkeit dazu eingesetzt.

Anstatt Vielfalt und Mittelmäßigkeit zu fördern wird Einheitsbrei und Übermaß propagiert. Dies ist leider alles andere als Mittelmäßig.

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