Falsche Diskussionen über Religion in der Phoenix-Runde

26 Sep

Hallo alle Miteinander,

manchmal fliegen einem die Themen für dieses Blog nur so entgegen. Gestern schaute ich die Phoenix-Runde, sie trug den Titel: „Schert euch zum Teufel – Geht uns Religion nichts mehr an?“ Es gibt ja reichlich Anlass über Religion zu diskutieren, warum nicht?
Ich finde, es wurde dort „falsch“ über das Thema Religion diskutiert. Falsch in dem Sinne, dass man zu sehr zugespitzt hat. Meiner Meinung nach vertraten die eingeladenen Gäste Ansichten und Überzeugungen, die sich bei den meisten Menschen so nicht wiederfinden.  Mit Bruder Paulus Terwitte (Ordensgemeinschaft der Kapuziner) und  Khola Mariam Hübsch (freie Journalistin) war die Fraktion „Pro-Religion“ vertreten. Die „gute-Laune-Theologie“ der beiden, sehe ich nicht als repräsentativ an. Schön, wenn Terwitte der Ansicht ist, dass auch Nicht-Gläubige ihren Platz in der Gesellschaft haben und das Christentum so tolerant und humanistisch ist. Doch wird das, was viele Pfarrer „da draußen“ predigen sich von dem unterscheiden, was Terwitte hier zum besten gibt. Auch weicht er wichtigen Fragen aus: warum darf der Papst in religiösen Fragen unfehlbar sein? Warum soll die Kirche missionieren, wenn wir alle Kinder Gottes sind? Warum darf ich (bzw. soll ich nicht) schamhaft leben? Schamhaft im Sinne von viel Sex, viele Frauen, ausschweifendes Leben usw…? Frau Hübsch argumentierte ähnlich für den Islam. Ihrer Ansicht nach würde der Koran miss-interpretiert. Der Islam biete in seiner historischen Vergangenheit ein gutes Beispiel für Toleranz und Progressivität. Ohne Zweifel, die Abbasidenzeit ist ein gutes Beispiel hierfür. Viele Werke antiker Philosophen wurden dort von Juden und Muslime übersetzt, die Wissenschaft blühte. Nur, was bringt es Terwitte und Hübsch, wenn sie sich auf Fehlinterpretationen religiöser Schriften beziehen? Können die beiden bestimmen, welche Interpretation angemessen ist? Wenn eine Mehrheit ihren Interpretationen nicht glaubt, was haben wir davon? Wir müssen Religionen zur Kenntnis nehmen wie sie sind, nicht wie sein könnten! Viele Priester und Imame denken eben anders als die beiden Protagonisten.

Aber auch die Gegenseite machte keine gute Figur. Karen Duve (Buchautorin)  und Christian Ströbele (B’90/Grüne) erweckten den Eindruck, Religion sei perse etwas schlechtes. Der Aufruf zum Hass, zur Gewalt, zur Rache hat doch eher politische Gründe als religiöse. Es ist nicht „letztendlich“ begründbar, was am Atheismus und Säkularismus gut (bzw. besser) sein soll. Das sage ich als Atheist bewusst so. Auch sehe ich den Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion nicht so scharf wie die beiden. Ich kann als Physiker an Gott glauben und gleichzeitig zum Urknall forschen oder zur Evolution. Dass dies für einen persönlich konfliktreich ist will ich gar nicht bestreiten. Menschen können eben besser mit ihren eigenen Widersprüchen umgehen, als manche Dogmatiker meinen. Natürlich finde ich es als Demokrat irritierend, was der Papst in seiner Kirche so darf. Wenn es genügend Leute gibt, dieser Institution Geld, Zeit Aufmerksamkeit und Gefolgschaft widmen, dann ist das so.

Der Islam und das Christentum lebt nun mal davon anders Gläubige zu bekehren. Ich bin auch für Demokratie und sozialen Ausgleich. Ich muss aber zugeben, dass die Demokratie nicht so demokratisch und der soziale Ausgleich nicht immer sozial ist. Ich hatte das Gefühl, dass in der Diskussion beide Seiten aneinander vorbei redeten. Religiöse Menschen sind weder hasserfüllte Lemmige noch superflauschige, tolerante Befürworter von allem Möglichem. Der Gläubige bewegt sich irgendwo dazwischen. Atheisten sind weder beliebige Gleichmacher, die allen ihre Weltsicht aufbürden wollen, noch sind sie progressive Kämpfer für reine Menschlichkeit, Objektivität und Humanismus. Der Atheist  bewegt sich irgendwo dazwischen.

Genau diese Mittelmäßigkeit wurde in der Sendung vernachlässigt. Natürlich darf ich fragen, ob die religiöse Beschneidung Minderjähriger legal sein soll. Ich muss mich aber auch fragen lassen, warum ich Kindern eine bestimmte religiöse Bildung und Bindung vorenthalten möchte. Grundkenntnisse zum Jeden-, Christentum und Islam können ja nicht schaden. Und eines sollte man auch nicht vergessen: wir haben Jahrhunderte gebraucht um dort zu stehen wo wir heute sind. Viele muslimische Kulturen wurden kolonialisiert und abhängig gemacht. Einerseits haben wir zur Lähmung der islamischen Kultur beigetragen, andererseits haben wir den politischen Islamismus unterstützt, wo er uns gepasst hat. Wer hat Bin Laden einst mit Waffen versorgt? Wer hat Ibn Saud dabei geholfen sein Königreich zu errichten?  All dies hat auch Auswirkungen auf die Diskussion hier im Land. Politik und Religion sind immer komplexe Gebilde, die zu jeder Zeit diskutabel sind. Diese Weisheit hätte sich der Moderator am Ende der Sendung sparen können. Die Sendung hat das übliche Licht- und Schattenspiel betrieben, nicht sehr ertragreich für die Diskussion.

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4 Antworten to “Falsche Diskussionen über Religion in der Phoenix-Runde”

  1. tinyentropy September 28, 2012 um 17:35 #

    Hallo!

    Zum Thema Religion muss man festhalten, dass jede Weltreligion extrem viele Auslegungen besitzt und total heterogen ist, so wie Du es auch sagst. Diese Vielzahl an Formen ist nützlich und dient den einen sinnstiftend, den anderen zur Verteufelung aller Ungläubigen. Ein Talkshowformat kann deshalb keine vernünftige Diskussion bieten, weil der Gegenstand des Gesprächs sich nicht verallgemeinern lässt. Es wäre Quatsch die Religion infrage zu stellen, weil man vielen Menschen ihre Lebensgrundlage zerstört. Auf der anderen Seite ist es auch unstrittig, dass auch die Religionen ihre Schattenseiten haben und manche Dinge unbefriedigend beantworten.
    Jede Talkshow wird deshalb zwangsläufig so enden.

    • marien86 September 28, 2012 um 20:05 #

      Hallo tinyentropy,

      danke für den Artikel. Du schriebst:

      > Ein Talkshowformat kann deshalb keine vernünftige Diskussion bieten, weil der Gegenstand des Gesprächs sich nicht verallgemeinern lässt.

      Genau das stelle ich in Frage. Es gab schon einige Phoenix-Runden zum Thema Religion bzw. Katholizismus. Da waren Vertreter von „Wir sind Kirche“ und der Amtskirche. Man kann also durchaus differenzieren, ohne zu sehr ins Detail abzurutschen. O. g. Argument ließe ja gar keine komplexen Diskussionsthemen zu. Such mal auf Youtube nach einigen Talkshow-Formaten der 80 er des ÖRR. Du wirst merken, dass das Argument pauschalisiert.

      > Es wäre Quatsch die Religion infrage zu stellen, weil man vielen Menschen ihre Lebensgrundlage zerstört.

      Ich kann bei dem Argument einfach nicht widerstehen: ist es auch Quatsch den Drogenhandel infrage zu stellen? Vom Bauern bis zum Schmuggler – er ist auch eine Lebensgrundlage für viele. Nicht alles, was eine Lebensgrundlage bereitstellt ist gut bzw. angemessen für die Menschen. Ob die Unfehlbarkeit des Papstes, ob die Verdammung der Homosexualität oder die schlichte Unterscheidung von gut und böse. Ich stelle Religion bzw. deren Inhalt in Frage, weil ich deren Wertefundament nicht teile. Selbstverständlich dürfen auch andere meine Sichtweise infrage stellen. Zum Glück bin ich ja nicht der Papst! 🙂

      > Auf der anderen Seite ist es auch unstrittig, dass auch die Religionen ihre Schattenseiten haben und manche Dinge unbefriedigend beantworten.
      Jede Talkshow wird deshalb zwangsläufig so enden.

      Mein Ziel ist doch gar nicht die befriedigende Antwort, an sich. Mein Ziel ist, dass mit differenzierten Argumenten, aus unterschiedlichen Blickwinkeln, die Komplexität heraus gearbeitet wird. Die Phoenix-Runde zur Beschneidungsdebatte ist für mich ein Positivbeispiel. Vom Vertreter des Zentralrats der Juden, über den Vertreter für den Islam bis hin zum Juristen: alle haben sachlich und ausgewogen argumentiert, aus ihren jeweiligen Blickwinkeln.

      Du siehst, nichts ist unmöglich – Toyota 🙂

      Gruß David Marien

      • tinyentropy September 28, 2012 um 22:44 #

        Gut, Du hast mich bei ein paar Pauschalisierungen erwischt. 🙂 Tatsächlich gibt einige wenige Talkshows, die eine gewinnbringende Diskussion der Themen bieten, z.B. das ZDF Nachtstudio. Aber die meisten aktuellen Formate, besonders Politiktalks wie Maischner & Co gehen nicht mehr in die Tiefe und die Beteiligten hören sich selber lieber reden als den anderen Teilnehmern zu zuhören. Religion ist ein schwieriges Thema, weil der Gegenstand der Verhandlung der Glaube ist. Und darüber kann man sachlich schwierig reden, es sei denn, man geht auf die psychologischen, anthropologischen Grundlagen des Glaubens ein, ggf. noch auf die sozialen Rahmenbedingungen. Aber den Glauben an sich infragezustellen entzieht sich der sachlichen, Fakten orientierten Ebene. Das ist eben das wesentliche am Glauben. So lange dieser Glauben nicht die Toleranz einschränkt, sondern sich auf die persönliche Beziehung des Gläubigen zu seinem Gott bezieht, ist das völlig okay. Alles andere sind Instrumentalisierungen des Glaubens, die eine Gemeinschaft erzeugen wollen und da gibt es auch Mißbrauchspotential.
        Daher präzisiere ich. Den persönlichen Glauben sollte man nicjt infragestellen. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Glaubensbegleitumstände kann man diskutieren. Aber dabei wird am Ende doch immer wieder alles auf eine Toleranzforderung hinauslaufen. Und insofern sollte man sich keine Wunder von so einem Thema erwarten.

        LG

  2. marien86 September 29, 2012 um 00:41 #

    Hallo tinyentropy,

    > Aber den Glauben an sich infragezustellen entzieht sich der sachlichen, Fakten orientierten Ebene.

    Natürlich, weder kann Gott bewiesen noch widerlegt werden. Nur, was hat es mit dem „Glauben an sich“ auf sich? Es stellt sich die Frage, wie auch in Politik und Wissenschaft, was kann man vom Allgemeinen für das Spezielle ableiten? In religiösen Schriften, sind sehr viele religiöse Praktiken gar nicht verzeichnet, dennoch werden sie angewendet. Es geht mir also gar nicht um eine philosophische Diskussion des Gottesbeweises, sondern um praktische Kritik.

    Sich in einer Fernsehsendung hinzusetzen und zu sagen „Aber wir lieben doch alle Menschen“ klingt immer sehr schön. Die Realität sieht etwas anders aus. Sonst hätte man nicht die Probleme der Ökomene.

    Zum „persönlichen Glauben“: ich hab überhaupt nichts dagegen, wenn Leute z. B. an den Weihnachtsmann glauben. Ich frage dann, was ihnen der Glaube bringt, was ihre Motivation ist. Wenn mir die Antwort interessant erscheint, wenn sich ein interessantes Gespräch ergibt, gut so. Wenn meiner Meinung nach „Quatsch“ kommt, sage ich das so. Ich greife die Leute ja nicht persönlich an. Ich will sie nicht missionieren, sie verbessern. Ich habe das Recht das Verhalten anderer Leute infrage zu stellen. Das Infrage-stellen darf (sollte) zu keiner Diskriminierung oder verzerrten Wahrnehmung führen. Es kommt immer auf den Ton und die Wortwahl an. Wenn man einmal beginnt einen Bereich zu definieren, den man nicht infrage stellen darf, wo zieht man die Grenze? Das ist wie mit dem Rechtstaat, auch Vergewaltiger haben universelle Rechte. Wenn ich das infrage stelle ist der Rechtsstaat nichts mehr wert.

    In einer offenen Gesellschaft sollte eben alles diskutiert werden können. Weil der Mensch interelektuelle Gebäude erschafft und wieder einreißt. Das Private ist ein Stück weit doch öffentlich. Das eigentliche Problem ist doch die Diskussionskultur: werden bestimmte Argumente überhaupt zugelassen? Welche Form der Sanktionierung erfolgt wegen der Argumente? Bin ich bereit mich darauf einzulassen, dass Andere meine Weltsicht widerlegen wollen?

    Ich darf an eine Gesellschaft des 21. Jahrhunderts die Erwartung stellen, dass sie eine offene Diskussionskultur pflegt. Diese Erwartung mag überzogen erscheinen. Wenn dem so ist, zeigt das in welchem Entwicklungstand sich diese Gesellschaft befindet.

    Gruß David Marien

    PS. Maischberger und Co. kannst du unter dem Stichwort politische PR abhacken. Da ist gar nix mit offen. Dennoch schaue ich mir das gerne an. Man muss es als Inszenierung begreifen, dann kann es Spaß machen.

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