Mystifizierung von Kohl und Schäuble – haben wir das nötig?

29 Sep

Hallo alle Miteinander,

Herr Schäuble hat zum runden Geburtstag eine Talksendung und einen Festakt geschenkt bekommen. Sein ehemaliger Chef, der Kanzler der Einheit bekam auch einen Festakt geschenkt, der 30. Jahrestag der Kanzlerwahl sollte begangen werden. Schön und gut mag man meinen, die beiden haben es verdient! Ich werde jedoch das Gefühl nicht los, dass man das Positive in den Vordergrund stellt und das Negative hinten runter fallen lässt.
Was ist denn mit den Beiden und der CDU-Spendenaffäre? Sollte man dies aus heutiger Sicht als Lappalie abtun? Meiner Ansicht nach, ist dies weder eine Lappalie noch das „Todesurteil“ für die beiden Politiker. Ein Youtube-Video, was den Mitschnitt der Vorstellung der schwarz-gelben Koalitionsvereinbarung beinhaltet zeigt, dass man die ganze Sache lieber ignorieren will. Denn, wie soll man damit umgehen? Wo doch Schäuble und Kohl passable Politiker sind (bzw. waren), da passt diese Affäre nicht rein. Lieber spricht man vom „Kanzler der Einheit“, vom „Architekten der Einheit“. Man schneidet sich die Person passend. Wenn alles klappt, dann werden in Zukunft nur noch diese Phrasen übrig bleiben. Die Affäre wird vergessen. Und schon ist alles toll, oder nicht?

Das antike Griechenland gilt ja als Wiege der Demokratie. Gerne zieht man dieses Argument heran um mehr direkte Demokratie begründen zu können. Doch wer nachforscht merkt, das Argument ist wertlos. Weil Frauen, Sklaven, Besitzlose und Fremde ausgeschlossen wurden, war die antike attische Demokratie hoch exklusiv. Leider wird das im Wikipedia-Artikel nicht so deutlich, just trust me! Hier zeigt sich: nur ein Teil der Wahrheit hat überlebt. Den unpassenden Teil erzählt man nicht weiter. So bleibt am Ende nur eine positive Überzeichnung bei den Leuten übrig. Dies wird auch mit Kohl und Schäuble passieren. Ich meine, dass die CDU-Presseabteilung ihren Beitrag dazu leistet. Das kann ich zwar nicht beweisen, jedoch ist dies für mich logisch. Wer eine Person positiv überzeichnet kann sich besser als Partei auf diese Person beziehen. Wenn sich eine Partei besser auf einer Person beziehen kann schafft dies mehr Legitimität für die Partei. Mehr Legitimität schafft in einer Demokratie bessere Herrschaft. Nach dem Motto:“seht her, Kohl und Schäuble haben bewiesen, dass sie die besseren Kanzler waren, die CDU hat sie ausgewählt, also ist die CDU die bessere Partei.“

Ich hab ja bereits geschrieben, dass die CDU-Spendenaffäre weder eine Lappalie noch das „Todesurteil“ für die beiden Politiker ist. Was ist sie denn dann? So genau kann ich die Frage gar nicht beantworten. Ich will auf jeden Fall dazu beitragen, dass diese positive Überzeichnung, diese Mystifizierung verhindert wird!
Sowohl die griechische Antike als auch bedeutende Persönlichkeiten müssen mit ihren Licht- und Schattenseiten betrachtet werden. Es ist eben genau dieses Mittelmaß, dass es zu wahren gilt. Von der Mystifizierung politischer Persönlichkeiten profitieren nur politische Parteien bzw. deren Umfelder. Von der ausgewogenen Betrachtung des Mittelmaßes profitieren alle. Man konzentriert sich dann eher auf Sachthemen als auf Personen: Themen statt Köpfe!  Wir haben dies bitter nötig!

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2 Antworten to “Mystifizierung von Kohl und Schäuble – haben wir das nötig?”

  1. tinyentropy Oktober 8, 2012 um 09:30 #

    Eine Lappalie ist es meiner Meinung nach ganz und gar nicht, es ist und bleibt eine Frechheit, die sich der Hr. Altkanzler da erlaubt hat. Ein Politiker ist vor einem solchen Hintergrund dem Volk immer mehr verpflichtet als dem Ehrenwort gegenüber einer Privatperson – ich betone, in einem solchen Fall! Es ist wirklich dreist das Konzept „Ehrenwort“ hier anzuführen, um sich aus der Problematik zu manövrieren.

    🙂 Ich wünsche Dir einen guten Start in diese Woche!
    LG

    • marien86 Oktober 8, 2012 um 13:38 #

      Hallo tinyentropy,

      danke für deinen Kommentar. Ich bin vollkommen deiner Meinung, es zeigt sich, dass unsere Erwartungen an Politiker von der Realität stark abweichen. Und sie verändern sich sehr stark. Korruption von Politikern hatte vor 20 Jahren nicht den Stellenwert bei den Leuten wie heute. Was damals eine Lappalie in den Augen vieler war, dass ist heute ein großer Skandal.

      Mir ging es in dem Artikel um die Konstruktion politischer Mythen. Personen und Ereignisse werden im zeitlichen Verlauf durch geschickte PR wieder „rein-gewaschen“ Es ist aber auch zu beobachten, dass dieser Prozess heute erschwert wird. Weil Medien, politische Konkurrenten und wir Bürger heute genauer hinschauen, muss man mehr Aufwand treiben.

      Durch die Auswahlkriterien von Eliten werden wir immer Menschen heraus gefiltert bekommen, die ein besonderes Maß an Egoismus, Netzwerkfähigkeit und Pragmatismus in sich tragen. Man benötigt ein hohes Maß an Egoismus, Netzwerkfähigkeit und Pragmatismus um entsprechend an die Spitze gefiltert zu werden. Hier zeigen sich zwei Seiten der selben Medaille. Kohls Umgang mit den Spenden ist weder legitim noch legal, dafür aber pragmatisch. Frau Merkel wird den Teufel tun ihren ehemaligen Chef heute zu kritisieren. Sie wird vom sich aufbauenden Mythos Kohl profitieren. Ihr starkes Ego, an der Macht zu bleiben, lässt eine pragmatische Haltung gegenüber Kohl entstehen. Solange es Merkels Macht nicht gefährdet, wird sie den Mythos Kohl fördern. Politiker denken eben nicht nur in Kategorien von Legalität oder Legitimität, auch Pragmatismus (was immer das genau auch ist) ist wichtig.

      Gruß, David Marien

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