Archiv | Oktober, 2012

Doktoranden, Wissenschaft und andere unverstandene Dinge

21 Okt

Hallo alle Miteinander,

kaum fährt man den ersten Tag zur Uni, schon trifft man alte Bekannte wieder. Eine Kommilitonin, die ihre Dissertation in Erziehungswissenschaften schreibt, habe ich im Zug getroffen. Auf meine Frage, wie denn der Stand der Dinge sei, antwortete sie „schlechte Frage“. Das sie arbeiten muss, um sich ihr Leben zu finanzieren, steckt schon ganz schön viel Frust in ihr. Sie macht kaum Fortschritte. Natürlich kam das Gespräch sofort auf die Schavan-Geschichte. Ich will gar nicht abstreiten, das die ganzen Plagiatsvorwürfe der letzten Zeit auf meine Sicht gegenüber Doktoranden (ein Stück weit) abfärbt. Da beschweren sich Leute über über hohe Arbeitsbelastungen, wenig Anerkennung und wenig Freizeit. Das führt mich wieder zu der Frage, was (Doktor)Titel in der Gesellschaft wert sein sollen?  Sollen sie Beleg für ein höheres Einkommen sein? Oder für exellente wissenschaftliche Leistungen? Oder für sozialen Status? Ich weiß, dass die genannte Kommilitonin und Andere viel Arbeit, Fleiß und Herzblut in ihre Dissertationen stecken. Ich weiß aber auch, dass dieser Titel die Eintrittskarte in viele Jobs und sozialen Bereichen ist. Hier geht es zum Teil auch um tradierte Vorstellungen, wer, wo, mit welcher Qualifikation zu besetzen ist. Die Erlangung des Doktortitels hat eben nicht nur mit der wissenschaftlichen Innensicht, sondern auch etwas mit der gesellschaftlichen Außensicht zu tun. Dabei ist der Doktortitel eigentlich nur für die wissenschaftliche Innensicht gedacht.

Meine Mutter steckt auch viel Herzblut in ihre Arbeit. Dort hat sie hohe Arbeitsbelastungen zu erleiden, wird schlecht bezahlt und erhält dauerhaft schlechte soziale Anerkennung. Bevor die Kritik kommt, man könne das Abfassen einer wissenschaftlichen Arbeit nicht mit einer abhängigen Beschäftigung vergleichen, ja es gibt Unterschiede. Titel und Abschlüsse werden in unserer Gesellschaft zu hoch bewertet. Die Spezialisierung in einem wissenschaftlichen Bereich sagt (noch) nicht viel über gesellschaftliche Relevanz aus. Die Arbeit eines Friseurs, deren Relevanz, kann man leicht nachfühlen.

Klar, wir brauchen Doktoranden. Wir brauchen bessere Rahmenbedingungen für sie. Wir brauchen aber auch bessere Rahmenbedingungen für Menschen im Mindestlohnbereich, im Lehrerberuf, in sozialen Berufen. Ein absolviertes Studium kann für sich allein, nicht als Argument für sozialen, ökonomischen Status dienen. Man muss ihn sich erarbeiten!

Dies bringt mich auf einen weiteren Punkt: in diesem Artikel in den scienceblogs wird wieder einmal  die Diskussion zu harten und weichen Wissenschaften thematisiert. Haben Wissenschaftler es wirklich nötig, sich und andere Kollegen zu klassifizieren? Genau das tun Begriffe wie harte, weiche und Nicht-Wissenschaften. Wissenschaftler teilen doch die selbe Weltsicht. Erkenntnisse sind vorläufig. Erkenntnisse müssen multiperspektivisch betrachtet werden.  Erkenntnisse müssen auf validen Annahmen und Schlussfolgerungen beruhen. Erkenntnisse müssen reproduzierbar sein. Erkenntnisse sollten (wenn möglich) empirisch getestet werden. Verschiedene Wissenschaften untersuchen verschiedene Dinge und nutzen verschiedene Methoden und Instrumente. Aber für alle Wissenschaften gilt: es dauert Jahrzehnte bis wissenschaftliche Erkenntnisse in den Alltag gerückt  sind.  Ob die Teflon-Pfanne, Terabyte-Festplatten, oder die Erkenntnis, das Frauen eben auch intellektuell fähig sind ein Staatsbürger zu sein, all dies hat eine jahrzehntelange Vorgeschichte.

Man darf Studierende und Doktoranden nicht wegen diesem Status sozial klassifizieren. Aber auch die Wissenschaftler sollten sich nicht untereinander qualifizieren. Eine Erkenntnis ist eine Erkenntnis. Das ist Wissenschaft! Daraus folgt nicht zwingend gesellschaftlicher Mehrwert. Es braucht viele weitere Menschen, die diesen Mehrwert erzeugen. Dinge zu klassifizieren mag ganz sinnvoll sein. Die Frage ist: was folgt daraus? Wir haben uns an das Maß der Besser- oder Schlechterqualifikation gewöhnt. Wir sollten uns lieber an die Qualifikation des Andersartigen gewöhnen

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Warum Politikwissenschaft studieren – eine mittelmäßige Antwort.

13 Okt

Hallo alle miteinander,

ab Montag geht es los, das erste Seminar im Masterstudium Politikwissenschaft. Nun, was ist daran so spannend? Wir lesen viel, retten aber keine Menschenleben. Wir schreiben viel, produzieren aber keine Bestseller-Literatur. Wir forschen viel, nur wenige sehen unsere Ergebnisse. Die ganze Disziplin ist nicht gerade Nobelpreisverdächtig. Ruhm und Ehre kann also kein starker Motivator sein. Da man nur wenige Auswirkungen produzieren kann, sind Erfolgserlebnisse nur rar gesät.

Für mich spannend sind immer wieder Erkenntnisse die belegen, dass Politiker auch nur Menschen sind.  Sie sind keine moralischen Vorbilder, genügsame Zeitgenossen oder „Volksdiener“ Politiker haben unterschiedliche Charaktere, unterschiedliche Motivationen warum sie diesen Job machen. Sie kochen alle nur mit Wasser und haben nur rotes Blut in den Adern. Politiker sind zuweilen genauso hilflos wie ihre Bürger, sie dürfen es nur nicht zugeben!

Es geht mir nicht darum, die Welt zu verbessern, es geht mir darum, die (politische) Welt zu verstehen. Es geht mir aber auch nicht darum nur Profit aus dem Studium zu schlagen. Da wäre VWL/BWL die bessere Alternative.

Wir leben in einer interessanten Zeit: große Parteien verlieren immer Mitglieder, die Wahlbeteiligung sinkt, das Parteienspektrum zerfasert, das Vertrauen in den Staat sinkt. Gleichzeitig wachsen die Geldsummen stetig an, es wird alles zu Geld gemacht, was sich verwerten lässt. Wir werden immer stärker in die Konsummaschine eingespannt. Die Wissenschaft liefert immer mehr Erkenntnisse. Ökonomie, Politik Kultur und Gesellschaft verzahnen sich. Meine Umwelt wird in 20 Jahren anders sein, als sie heute ist. Dabei hat sich Grundlegendes gar nicht geändert. Die Theaterkulisse wurde umgebaut, aber Theater wird gespielt wie eh und je. Millionen Leute könnten diese Zeilen lesen, werden sie aber nicht. Auch das Smartphone wird mich nicht perse davor schützen Termine zu verdaddeln. In dieser interessanten Zeit steigen einige Staaten auf, andere steigen ab. Staatenbünde werden gestärkt oder lösen sich auf. Einige Gruppen gewinnen an Macht, andere verlieren sie.

Wir finden nicht immer die Antworten, die passend sind, wir haben aber Antworten parat. Wenn wir Ressourcen so umverteilen könnten, dass Niemand hungern müsste, wäre viel erreicht. Ob wir es schaffen, das die Chinesen unseren Lebensstandard übernehmen können, halte ich für fragwürdig. Wenn wir die UN einigermaßen handlungsfähig machen wäre viel erreicht. Eine Weltregierung wäre ein schönes Ziel, sie würde aber, wenn überhaupt möglich, lange brauchen.

Mein bisheriges Studium hat mir das menschliche Mittelmaß gezeigt, was aber kaschiert wird. Ein offener Umgang damit, könnte Probleme lösen helfen. Ich denke, mein weiteres Studium wird mich in dieser Erkenntnis bestärken.

Politik am Rande des Nervenzusammenbruchs, Herr Augstein?

8 Okt

Hallo alle Miteinander,

dieser Artikel bei SpiegelOnline passt gut in die derzeitige Diskussionslage. Politik am Rande des Nervenzusammenbruchs, so überschreibt Jakob Augstein seinen Artikel. Er attestiert den Politikern:

Wir sollten uns Sorgen um unsere Politiker machen. Sie sind so dünnhäutig geworden. Ein Ministerpräsident, der einen Zwischenrufer mit „Können Sie mal das Maul halten“ bescheidet. Ein Kanzlerkandidat, der sachlichen Fragen nach seinen Nebeneinkünften mit einer Mischung aus Wut und Trotz begegnet. Souveränes Verhalten sieht anders aus.

Mal anders gefragt, hatten Politiker früher dickeres Fell oder sind die Medien, ist die Öffentlichkeit „piksiger“ geworden? So recht weiß ich darauf keine Antwort, was ich weiß: die Medienlandschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten gewaltig verändert. Weiter heißt es:

Aus Politikersicht ist es ganz idiotisch, ausgerechnet die Leute mit der souveränen Macht auszustatten, die nun wirklich keine Ahnung haben: die Bürger. Angela Merkel soll laut „Bild“-Zeitung nach einem langen EU-Gipfel einmal gesagt haben: „Die Leute sollen uns Politiker die Politik machen lassen, weil wir so viel mehr davon verstehen.“

Da hat er Recht! Wir sind hier mitten im Prinzipal-Agent-Theorem. Politiker werden vom Volk beauftragt den Staat zu führen. Das Volk ist der Prinzipal. Politiker sind die ausführenden Agenten. Politiker besitzen gegenüber den Wählern Zugriff auf Wissens-, Personal-, und Geldressourcen. Sie besitzen somit einen Vorsprung, einen Gestaltungsspielraum. Warum sollte man diesen einengen wollen?  Es geht nicht um Wissen in einem philosophischen Sinne, es geht um „etwas bewegen wollen“. Augstein schließt seinen Kommentar mit der Aussage:

Es geht nicht darum, „alle Politiker in einen Sack zu stecken“ – sondern sie darauf aufmerksam zu machen, wenn sie das Maß verlieren. Denn in Wahrheit ist nicht die Politikverdrossenheit der Bürger ein Problem für die Demokratie. Sondern die Entfremdung der Politiker von ihren Wählern. Die Bürger verlieren nicht das Interesse an der Politik. Es sind die Politiker, die das Interesse an den Bürgern verlieren. Wenn nur die Wahlen nicht wären.

Hier nochmal obige Frage: waren die Politiker schon mal näher dran? Oder sind wir ihnen nicht näher auf die Pelle gerückt?  Ein hinkendes Beispiel: Ein Handwerker interessiert sich auch nicht dafür ob der Kunde, an sich, mit seiner Arbeit zufrieden ist. Kundenzufriedenheit liegt im ökonomischen Interesse des Handwerkers. Auch die Kunden werden von manchem Handwerker, Versicherungsberater und Verkäufer als störend empfunden. Vielleicht weil sie wenig Umsatz aber hohen Zeitaufwand bedeuten, vielleicht weil sie die eigene Kompetenz infrage stellen…

Es zeigt sich, dass unsere Erwartungen an Politiker von der Realität stark abweichen. Und sie verändern sich sehr stark. Korruption von Politikern hatte vor 20 Jahren nicht den Stellenwert bei den Leuten wie heute. Was damals eine Lappalie in den Augen vieler war, dass ist heute ein großer Skandal. Weil Medien, politische Konkurrenten und wir Bürger heute genauer hinschauen, muss man mehr Aufwand treiben um Politik zu gestalten. Das ist gut so. Es ist gut, dass Beck und Steinbrück kritisiert werden weil sie intransparent agieren. Nur, Politik ist heute viel stärker in internationale Zusammenhänge eingebunden. Politiker müssen einerseits dass Bild des gemeinwohlorientierten, moralisch integeren Akteurs abgeben. Andererseits führen bestimmte Strukturen zu dem genau gegenteiligen Handeln. Durch die Auswahlkriterien von Eliten werden wir immer Menschen heraus gefiltert bekommen, die ein besonderes Maß an Egoismus, Netzwerkfähigkeit und Pragmatismus in sich tragen. Man benötigt ein hohes Maß an Egoismus, Netzwerkfähigkeit und Pragmatismus um entsprechend an die Spitze gefiltert zu werden. Hier zeigen sich zwei Seiten der selben Medaille. Die moralisch gemeinwohlorientierte und die egoistisch-pragmatische Seite fallen immer weiter auseinander.

Meine Argumentation soll kein Freibrief für beliebig hoch-dotierte Nebeneinkünfte, für beliebig sträfliches Fehlverhalten und für beliebig biegsame Ansichten sein.  Sie soll nur offenlegen, dass wir Wähler an dieser Entwicklung mitschuld sind. Mal ehrlich: für wie viele Wähler sind strengere Regeln für Nebeneinkünfte  (Anti-Korruptions-Gesetze) wahlentscheidend? Wer ließt sich sich das  Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler genau durch und macht daran seine Wahlentscheidung fest? Wir wollen doch auch Politiker, die selbstbewusst, kommunikativ und ergebnisorientiert sind.

Die interessante Frage lautet für mich: sind wir Wähler nicht auch am Rande des Nervenzusammenbruchs? Reagieren wir nicht auch dünnhäutig gegenüber den Politikern? Wenden wir uns nicht auch politischen Prozessen ab, weil sie uns nicht schnell genug sind? Ich denke, Wähler und Politiker sind voneinander enttäuscht. Man fühlt sich nicht gegenseitig ernst genommen. Man möchte sich am liebsten gegenseitig abschaffen, aber man weiß, dass man einander braucht.

Genau diese mittelmäßige Erkenntnis fehlt mir. Es gibt beides: Politik- und Bürgerverdrossenheit. Beide Seiten sitzen im selben Boot, tun aber so, als ob sie dass Boot allein weiter rudern könnten. Man kann zuspitzen, die gesamte Gesellschaft steht am Rande des Nervenzusammenbruchs. Der Souverän bleibt nicht mehr souverän.