Von der eigenen Wahrnehmung, China und der Politikwissenschaft

10 Nov

Hallo alle Miteinander,

neulich hatte ich ein Gespräch mit einem Kommilitonen. Er erzählte mir, dass er neuerdings um fünf Uhr morgens aufsteht, seinen Unikram erledigt und dann von 10 – 19 Uhr bei Burger King arbeitet.  Ich habe leider vergessen zu fragen, wie oft er das macht. Wenn nur ein Tag in der Woche so wäre wie oben beschrieben, wäre ich überfordert. Der Kommilitone erscheint immer vorbereitet an der Uni und wirkt nie gestresst. Auch  andere Kommilitonen, die nebenbei arbeiten gehen, wirken nie sonderlich gestresst oder unvorbereitet. Ich fühle mich von dem Uni-Alltag gut ausgefüllt, nicht zu viel und nicht zu wenig. Wenn ich bedenke, ich  müsste noch zehn Stunden nebenbei arbeiten, hätte ich Angst mich zu überfordern.
Habe ich eine falsche Wahrnehmung von dem, was ein Mensch leisten kann? Bin ich nicht belastbar? Ich habe in Praktika 8 Stunden, 5 Tage die Woche gearbeitet. Ich habe mich dort auch nicht überfordert gefühlt. Lässt einen Zwang, so viel machen zu müssen, den Zwang erträglicher erscheinen? Oder suggerieren die Leute nur, dass sie es ertragen? Habe ich eine verzerrte Wahrnehmung, haben dies nur die anderen? Oder ist unser aller Wahrnehmung, was wir leisten können, verzerrt?  Ich bin Rat- und Gedankenlos in dieser Sache. An meine zukünftigen Personalchefs: sollten sie wirklich das Internet nach Momentaufnahmen meiner Persönlichkeiten durchsuchen (wollen, müssen), Scheißjob!

China gerät wieder mal in den Fokus der Aufmerksamkeit. Die KP tauscht ihre Führungsriege aus und inszeniert sich selbst. Das viele Asiaten anders ticken als wir Westeuropäer ist klar. Es stellt sich die Frage: gibt es einen objektiven Standpunkt der Wahrnehmung von Europäern und Asiaten? Oder sollten wir alle uns damit anfreunden, das unsere Wahrnehmung verzerrt ist? Dann geht es nicht mehr darum wer recht hat, sondern wer sich durchsetzt. Macht anstelle von Diskurs. Realpolitik anstelle von Idealismus. Suggerierte Überhöhung eigener Ideale anstatt ehrliche Darstellung der eigenen (anderer) Mittelmäßigkeit. Ich wäre dann doch eher für ein bisschen Diskurs.

Wenn ich schon bei Macht, Politik und Wahrnehmung bin, dann sind wir bei der Politikwissenschaft angelangt. Die meisten Nicht-Politikwissenschftler meinen: wir wären ziemlich sinnlos. Wenn so schlechte Politik, trotz unserer Existenz gemacht werde, würden wir unsere Relevanz verspielen. Sind wir also eine Luxuswissenschaft? Sind wir der Royce-Royce unter den Wissenschaften? Es gibt Studien die belegen, das zweite Kammern den Status-Quo erhalten und damit den Fortschritt hemmen. Es gibt Vorschläge für ein reformiertes, demokratischeres deutsches Wahlrecht, eine handlungsfähigere UNO, eine Bürgerbildung, die ermächtigt sich stärker zu beteiligen. Sie stehen in diversen Publikationen: für Fachpublikum. Politikwissenschaftler sind eben keine Politiker, die medial eine Agenda definieren, die um die Aufmerksamkeit der Leute buhlen, ihre Position im politischen System erweitern wollen. Wir wählen nicht den Kanzlerkandidaten. Wir schreiben keine Parteiprogramme,  Parteistatute. Jedenfalls tun wir all dies nicht in der Rolle als Politikwissenschaftler. Wir geben Hinweise, wenn man uns fragt. Unser Job ist die Kritik, aber nicht deren mediale Ausbreitung, nicht deren Interpretation in politisches Handeln, nicht deren Abstimmung auf dem Wahlzettel. Hier sind Journalisten, Politiker und Bürger zuständig. Wir kritisieren schlechte Politik, wir machen sie nicht! Wir produzieren weniger (alltäglich) verwertbare Erkenntnisse als andere Wissenschaften. Wir produzieren keinen Luxus! Wir erneuern keine Atomwaffenbestände! Wir entwickeln keine Killerviren! Wir entwickeln keine Luxusautomobile, -flugzeuge, -schiffe! Wir grübeln nicht über windig verpachte „Finanzinstrumente“. Wissenschaften i. A. tun all diese Dinge nicht! Uns allen geht es um allgemeine, logische und nachprüfbare Aussagen über die Welt. Nicht aus jeder Aussage lassen sich (alltäglich) verwertbare „Dinge “ destillieren. Erkenne dich selbst! Erkenne die Welt! Wenn dies Luxus sein soll, dann wahren die letzten Jahrtausende der pure Luxus menschlicher Existenz!

Genau hier beginnt das Mittelmaß: (Politik)Wissenschaft liefert Aussagen über die politische Welt. Nur aus den wenigsten lässt sich ein praktischer Nutzen destillieren. Wir sind weder nutzlos noch (wie auch immer definiert) vollständig nützlich.

Ich denke, man kann sich auf diese (eigene) Wahrnehmung einigen.

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5 Antworten to “Von der eigenen Wahrnehmung, China und der Politikwissenschaft”

  1. Amedar Consulting November 11, 2012 um 08:25 #

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      David Marien

  2. tinyentropy November 11, 2012 um 13:38 #

    Ich denke es ist kaum mehr eine Frage, ob wir in einem Zeitalter der Realpolitik leben oder nicht. Es ist so. Und deshalb sehe auch ich die Gefahr, dass sich am Ende die Forderung nach immer mehr Effizienz der Menschen, bzw. nach immer mehr Arbeitsleistung global durchsetzen wird.

    Interessant zu diesem Thema ist folgende Doku:
    http://tinyentropy.com/2012/09/28/filmtipp-speed-dokumentation-uber-die-fehlende-zeit/

    Das Fazit der Doku ist, dass es alle Menschen überfordert. Dies äussert sich in vielen Symptomen einer Gesellschaft. Deshalb bin ich auch der Meinung, dass der Faktor investierte Lebenszeit bei der Kalkulation mehr Berücksichtigung verdient. So lange eine Putzfrau und ein Manager beide 8 Stunden konzentriert arbeiten und ihren Job machen, bringen sie auf einer ganz einfachen Eben dieselbe Leistung. Sie investieren nämlich beide ihre Lebenszeit in eine Tätigkeit, von der andere profitieren. Natürlich ist aus Gesellschafts Sicht die Arbeit des Managers wertiger, weil er mehr Güter in der gleichen Zeit schafft. Das ist ja auch richtig. Aber dieser Vergleich rechtfertigt mindestens einen guten Mindestlohn für die Putzfrau.

    Viele Grüsse!

    • tinyentropy November 11, 2012 um 13:41 #

      Da fehlte was, sorry.

      „(…) Deshalb bin ich auch der Meinung, dass der Faktor investierte Lebenszeit bei der Kalkulation [von Löhnen] mehr Berücksichtigung verdient. (…)“

    • marien86 November 11, 2012 um 15:08 #

      Hallo tinyentropy,

      „Überforderung“ ist ein dehnbarer Begriff. Meine Großeltern und auch deren Großeltern waren überfordert. Was meint man damit? körperliche, psychische, soziale Überforderung? Interessanterweise werden heute viele Studien zu diesem Themenbereich angefertigt. Vor 100 Jahren begann sich die Arbeits- und Organisationssoziologie erst zu entwickeln. Auch viele Erkenntnisse aus Psychologie und Medizin liegen erst einige Jahrzehnte vor. Haben wir nicht auch ein Problem von Unterforderung? Viele Rentner und Pensionäre müssen sich ihre neue Zeit einteilen. In Zeiten der Arbeitslosigkeit entstehen Leerläufe. Unser Problem scheint mir: wir sind eine arbeitsteilge aber keine zeitteilige Gesellschaft. Es ist also nicht zu viel Arbeit, sondern zu schlecht verteilte Arbeit vorhanden. Im Übrigen: mehr Effizienz und mehr Arbeitsleistung, bei weniger Arbeitszeit stehen nicht im Widerspruch zueinander. Der indische Bauer benötigt vielleicht x Stunden für y qm Fläche. Der deutsche Bauer braucht nur x/5 Stunden bei 2y qm Fläche.

      Alles nur eine Frage der Organisation! 🙂

      Gruß, David Marien

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