Gott hat hohe Nebenkosten und Agenten

1 Dez

Hallo alle Miteinander,

ich bin neulich über die WDR-Doku Gott hat hohe Nebenkosten gestolpert. Dort geht es darum, dass die beiden großen Kirchen bis heute ein spezielles Kirchliches Arbeitsrecht in ihren Einrichtungen anwenden dürfen. So dürfen die Kirchen bestimmen, dass ihre Mitarbeiter Mitglied der jeweiligen Konfession sein dürfen. Insbesondere die katholische Kirche legt großen Wert auf einen „christlichen Lebenswandel“. In der Doku wird berichtet, dass eine Kindergärtnerin aus einem katholischen Kindergarten entlassen wurde, weil sie sich scheiden ließ.

Hier wird eines bereits deutlich: das kirchliche Arbeitsrecht bezieht sich nicht nur auf den engen Kreis Priestern/Pastoren/Religionslehrern, sondern auch auf Mitarbeiter im Kindergarten, an Schulen und an Krankenhäusern – sofern sie in Trägerschaft der Kirchen sind. In der Doku wird ein weiterer Trend dokumentiert: die Mitgliederschaft und „Prädigerschaft“ in beiden Kirchen sinkt, während immer mehr Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser in kirchliche Trägerschaft kommen. Dabei ist interessant, daher kommt auch der Name der Doku, dass diese kirchlichen sozialen Einrichtungen zu großen Teilen aus der Staatskasse finanziert werden. Der Staat zahlt, gibt aber Einfluss auf die Rekrutierung des Personals ab. Er duldet ein Arbeitsrecht, was in allen anderen weltlichen Arbeitgebern verboten ist.

Warum macht der Staat das?

Eine Antwort auf die Frage könnte uns das Prinzipal-Agent-Theorie liefern. Demnach gibt es ein Prinzipal (Staat) und einen Agenten (Kirchen) Der Prinzipal möchte bestimmte Aufgaben delegieren: er hat vielleicht keine Ahnung, keine Lust oder er ist zu ineffizient. So vergibt der Prinzipal die Aufgabe „Organisation und Trägerschaft sozialer Einrichtungen“ an den Agenten ab. In der Doku wurde dargestellt, dass die Kirchen die Leistungen günstiger erbringen können als der Staat. Was wir aus dem Alltag bereits wissen: der Agent (z. B. Autoverkäufer) kann gegenüber dem Prinzipal (Kunden) seinen Wissensvorsprung so ausnutzen, dass er mehr bekommt als er eigentlich braucht. (überteuerter Autoverkauf)

Ein kirchliches Krankenhaus benötigt kein kirchliches Arbeitsrecht um zu funktionieren. Ein Physiklehrer in einer kirchlichen Schule muss kein kirchliches Mitglied sein um Physik zu vermitteln. Am Schluss der Doku wird auch eine ehem. staatliche Schule vorgestellt, die von der evangelischen Kirche übernommen wurde. Zwei Jahre dürfen die Lehrer dort ohne konfessionelle Bindung arbeiten, danach müssen sie einer Konfession beitreten. Eine Lehrerin gab auch an, demnächst in die ev. Kirche eintreten zu wollen. Über ihre Motive gab sie keine Auskunft.

Hier wird es noch interessanter: die Lehrerin ist ja auch ein Agent gegenüber der ev. Kirche. Begeben wir uns für einen Moment ins Reich der Spekulationen. Nehmen wir an, die Frau wird nur Mitglied der ev. Kirche weil sie ihren Job behalten möchte. Sie wird sich an die formale Bedingung halten Kirchensteuer zu zahlen. Wird sie regelmäßig in die Kirche gehen? Wird sie intensiv ihren Glauben leben? Wird sie mit anderen Menschen positiv über Kirche und Glauben sprechen? Die ev. Kirche wird unter der o. g. Annahme eine Karteileiche bekommen.

So wie der Staat durch die Delegation von Aufgaben an die Kirchen ein Arbeitsrecht dulden muss, was nicht für eigene und andere weltliche Beschäftigte gilt, so müssen die Kirchen mit ihrem Arbeitsrecht erdulden, dass sie formale Karteileichen produzieren. Sie maximieren durch staatliche Zuschüsse, Umsatz, Personal und Wissen. Wirkliche Gefolgschaft produzieren  sie damit nicht. Das zeigt auch die entlassene Kindergärtnerin aus der Doku. Sie ist überzeugte Katholiken. Nach dieser Aktion fühlt sie sich als Mensch zweiter Klasse. Sie distanzierte sich von der Amtskirche.

Weder Staat, noch Kirche, noch Mitarbeiter kommen hier gut weg. Es mag Gründe geben warum der Staat hier delegiert, es mag Gründe geben warum die Kirchen an ihrem Arbeitsrecht festhalten. Und das Leute sich dem formal anpassen ist auch begründet. Doch kommt hier Niemand gut weg. Die Einen nutzen diese Lage opportunistisch aus, die Anderen bleiben von ihrem Wunschziel weit entfernt.

Willkommen im Land der Mittelmäßigkeit!

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