Wie viel Brote sollen wir uns denn abschneiden, von was?

1 Dez

Hallo alle Miteinander,

tut mir Leid lieber tinyentropy, dass ich dich hier prominent auf das Tablett hebe für eine eingetrocknete Scheibe Brot. Du schriebst hier:

Da möchte sich ein Präsident unbeschränkte Macht verschaffen und die Menschen gehen auf die Strassen, um dies zu verhindern. Ich muß sagen, dass ich die Menschen in Ägypten für ihren Willen und ihr Durchhaltevermögen bewundere. Man hört so oft von undemokratischen Regimen in der arabischen Welt und es wird der Eindruck vermittelt, dass sich die Menschen das gefallen ließen. Aber Ägypten ist ein Beispiel für das Engagement der Bürger, von dem auch wir uns eine Scheibe abschneiden könnten. [Hervorhebung von mir] Hoffen wir, dass es in Ägypten ein gutes Ende ohne Blutvergießen geben wird. Dies wäre für die gesamte Region ein gutes Signal.

Ich gebe hier meinen dortigen Kommentar mit einigen neuen Ergänzungen unter dem Artikel wieder.

Kann es sein, dass du [tinyentropy] diesem öffentlich vermittelten Eindruck erliegst? Ohne Fakten bei der Hand zu haben wage ich die These, dass es in allen arabischen Ländern eine Zivilgesellschaft gibt. Natürlich sind die unterschiedlich stark ausgeprägt, die jeweiligen politischen Systeme besitzen unterschiedliche Akzeptanz bei ihren Völkern, die jeweiligen politischen Systeme wirken unterschiedlich stark.

Die Frage lautet doch: wer engagiert sich wofür, weshalb, mit welchem Mitteln? Als Politikwissenschaftler frage ich nach der Ausprägung des Engagements. Nicht “ob” sondern “wie stark” wie effektiv.

[Ergänzend kann man hier fragen: geht es hier nur um Zivilgesellschaft oder um den Staat oder ums Militär oder um alle?]

Wie viele Scheiben sollen wir uns denn bitte genau abschneiden? Ich kann dir hier in der Region von mehreren Initiativen berichten, die per Volksentscheid ein Nachtflugverbot am BER durchsetzen wollen. Stuttgart 21? Pro Reli? Das Kippen der hamburgischen Schulreformen (per VE)? Etliche Vereine, Organisationen, Lobbygruppen, die mal mehr, mal weniger erfolgreich sind? Masse (i. S. v. Massendemonstrationen) ist eben kein Beleg für politische Effizienz. Sage mir genauer, wo es an Engagement fehlt, wir können drüber diskutieren. Gerade im Bezug auf die jüngere Berichterstattung zum Thema verwundert mich dein Statement. Keine Massenmedien im letzten Jahr konsumiert?

Wie gesagt, wir können gerne über die Effektivität der deutschen Zivilgesellschaft debattieren. Dass wir uns hier an den Ägyptern orientieren sollen, zeugt doch von einer Umkehrung der Tatsachen.

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Ich kann ja in Anbetracht der Bilder aus Ägypten nachvollziehen, dass man sich auf den ersten Blick hier mehr Bewegung wünscht. Mit einem zweiten Blick sollte man dann feststellen, dass es durchaus Bewegung gibt. Was ist denn die angemessene bürgerschaftliche Beteiligung? Reicht es, nur Volksentscheide auf Bundesebene einzuführen? Oder soll die BRD weitestgehend direktdemokratisch organisiert werden? Wie soll ein Minderheitenschutz, gerade in Anbetracht der ägyptischen Situation, aussehen?

Nun gut, die Leute reden gern über mehr direkte Beteiligung. Wenn man nachbohrt stellt man fest, für die meisten hat genau dies keine hohe Priorität. Der Job, Steuern und die soziale Absicherung/Bildung geht vor. Das meine ich nicht wertend, es ist für viele einfach Fakt! Bei aller Nörgelei und Quengelei aus der Verwandten- und Bekanntschaft zu dem Thema, ist genügend Zeit um Tatort oder Sportschau zu schauen. Man kann  dies negativ werten. Ich werte dies neutral. Ich habe nämlich keine genaue Vorstellung, wie stark ich in den politischen Prozess eingebunden werden möchte. Und dass als angehender Politikwissenschaftler! Viele Menschen wollen einfach Politiker haben, die wieder Politik für sie macht. Diesen Wunsch kann ich nachvollziehen. Anstatt zu sagen „schneidet euch eine Scheibe Brot vom Demokratieleib ab“ sage ich „Wer eine Scheibe haben möchte, sollte wissen, wie dick und groß sie sein sollte, welchen Aufwand man treiben möchte“

Manchmal schneidet man eine Scheibe zu viel ab. Sie landet dann vertrocknet im Müll. Wir sollten unseren Hunger einschätzen können und wir sollten unseren Appetit zügeln.

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5 Antworten to “Wie viel Brote sollen wir uns denn abschneiden, von was?”

  1. tinyentropy Dezember 1, 2012 um 18:04 #

    Lieber David,

    es ist so, dass ich dem klassischen „deutschen Wutbürger“ in Stuttgart wenig abgewinnen kann. Siehe dazu meinen passenden Kommentar in der Sache:

    http://tinyentropy.com/2012/01/30/stuttgart-21-eine-unendliche-geschichte/

    Ich denke, dass dies Protestbewegungen sind, die sich mehr um sich selbst als um die Sache drehen.

    Die Menschen in Ägypten, Lybien und anderen Ländern stehen für ihre Sache teilweise mit ihrem Leben ein. Ob sie dies zurecht tun oder nicht kann ich aus der Ferne nicht beurteilen. Aber es nötigt mir Respekt ab. Mir persönlich. Denn ich weiss nicht, ob ich dazu fähig wäre.

    Als ich auf der Occupy-Wallstreet Demo war habe ich viele sehr engagierte Menschen gesehen. Aber die Menschen in meinem Umfeld wollten sich alle nicht beteiligen.

    Ich stehe mit dem Befund nicht alleine da, dass wir deutschen im Vergleich z.B. zu den Franzosen eine andere Protestkultur haben und viel Autoritätshöriger sind. Da kann man gut und gerne immer mal wieder mit dem Finger drauf zeigen, wie ich finde.

    • marien86 Dezember 1, 2012 um 18:34 #

      Hallo tinyentropy,

      nun, hat hat der Bürger über einer Einflugschneise des BER nicht das Recht für eine ruhige Nacht zu kämpfen? Darf das hamburgische Bürgertum nicht für den Erhalt eines „ständischen Schulsystems“ kämpfen?

      Um mal direkt zu fragen: was hat occupy denn wirklich bewegt im US Politiksystem? Was haben die französischen Gewerkschaften denn in den letzten Jahrzehnten wirklich erreicht? Damit wir uns nicht falsch verstehen, demonstrieren und sich engagieren ist eben immer gut, egal wo, egal wann. Dass Ägypter in einem spezifischen Transformationsprozess stehen ist klar. Und gerade deshalb ist ihr Engagement bewundernswert.

      Du kritisierst mangelndes Engagement – aus welchem Befund? Zu wenig Demos, zu wenig Mitgliedschaften bei Attac? Äußert sich Protest nicht auch im Bürgerbüro?

      Wir sind dem Staat u. a. institutionellen Akteuren sicher koorperationswilliger als Andere. Dennoch ändert sich unser Institutionen- und Wertgefüge. Viele 68er haben sehr erfolgreich im Staat Fuß gefasst. Sie haben den Staat „mit“ verändert, nicht „gegen“ geändert. Deutsche organisieren sich gern und sind sehr fleißig im Aufbau formaler Strukturen. Auch aus diesen Strukturen entsteht Veränderung. (CCC, digitale Gesellschaft, Attac, Greenpeace, Foodwatch …)

      Man kann Autoritätshörigkeit auch progressiv nutzen, man muss halt nur wissen wie, und welche Autorität ist die Gute 🙂

      [Nachtrag: je nach dem, wie man Autoritätshörigkeit misst werden sicher interessante Ergebnisse herauskommen. Und: unterscheiden sich Amerikaner, Franzosen und Deutsche, wenn man wirklich alle Menschen nimmt, wirklich so stark wie du unterstellst?]

      Gruß, David

  2. tinyentropy Dezember 2, 2012 um 12:19 #

    In diesem Zusammenhang vielleicht ganz interessant. Stuttgart 21 soll noch teurer werden, was den massiven Protest im nachhinein umso mehr rechtfertigt:

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/stuttgart-21-soll-noch-teurer-werden-a-870480.html

  3. marien86 Dezember 2, 2012 um 14:19 #

    Hallo tinyentropy,

    danke für die interessanten Links. Warum hacke ich eigentlich so auf dem Thema rum? Du und Andere unterstellen (implizit) dass „Autoritätshörigkeit“ zu schlechteren Politikergebnissen führt. Wer möchte bei einer solch simplen These widersprechen? Doch schon die Frage, was als Autorität wahrgenommen wird, lässt sich nicht ganz so leicht beantworten. Noch schwieriger wird es zu bewerten, was schlechte Politikergebnisse sind, bzw. wie diese wahrgenommen werden. Zum Schluss stellt sich die Frage, ob sich diese These allgemeingültig halten lässt.

    Ich werde das Gefühl nicht los, dass einige aus ihrem Bauchgefühl heraus argumentieren. Das ist gut und richtig, es gehört in den öffentlichen Diskurs. Es muss aber auch entsprechend eingeordnet werden. Persönliche Erfahrungen, die man in den USA, Frankreich oder wo auch immer gesammelt hat, sind auch immer ein Zerrbild der eigenen Filterblase. Diese existiert natürlich in wissenschaftlichen Arbeiten. Man kann jedoch Instrumente anwenden die Filterblase zu minimieren.

    Die BRD hat sich in den letzten Jahrzehnten, wie viele Staaten und Gesellschaften, stark verändert. Vielen mag unsere eigene Veränderung nicht schnell genug, nicht stark genug vonstatten gehen. Deswegen sollen und dürfen sie sich engagieren. Man darf aber auch nicht vergessen, woher wir Deutschen eigentlich kommen (Hitler -> Adenauer) Wenn man sich die heftigen Diskurse zur Ostpolitik, zur Abtreibung, zur Atomenergie und zur Netzpolitik heute anschaut, ist es um unsere deutsche Zivilgesellschaft nicht schlecht bestellt. Es lohnt sich Dinge immer noch besser zu machen. Ich halte den Vergleich mit der jetzigen ägyptischen Situation mit unserer Situation doch für stark hinkend. Einige säkulare, liberale Ägypter dürften sich wirklich bedroht fühlen, in Anbetracht dessen, wie die Muslimbrüberschaft Ägypten transformieren will. Fühlst du dich von Schwarz-Gelb und Frau Merkel derart bedroht, dass dir Massenproteste in der BRD opportun erscheinen?

    Ich mutmaße, dass in Ägypten säkulare, liberale Ägypter eine Minderheit darstellen. Die meisten lassen die neue Führung gewähren, weil sie ihre Ruhe haben wollen. Sie sind strukturkonserativ in dem Sinne, als dass sie sich von der neuen Führung (vorerst) nicht bedroht fühlen. Sie haben die jetzige Führung ja auch gewählt. Es scheint dort eine gesellschaftliche Spaltung zu geben, die einen politischen Konsens verunmöglicht. Trotz aller politischen Unterschiede bei uns, es existiert ein politischer Konsens, eine politische Stabilität. Warum sollten die Leute bei uns jetzt en masse demonstrieren?

    Gruß, David Marien

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