Der Bordeaux-Brief, ein Soziopod und ein kleiner Computer

29 Dez

Hallo alle miteinander,

was haben ein sehr teurer Brief, ein Podcast namens „Soziopod“ und der kleinst-Computer Raspberry Pi gemeinsam? Diese Dinge sind doch sehr unterschiedlich! Aber dennoch: all diese Dinge teilen die gemeinsame Eigenschaft, sie regen zu Philosophieren an.

Es stellt sich die Frage, was treibt den Wert eines 150 Jahre alten Briefes in die Höhe von ca. 5.1 Millionen Euro? Weder Materialwert noch ein gesamtgesellschaftlich-kulturell definierter Wert erklären diese Höhe. Es handelt sich ja um ein Sammlerstück für sehr reiche  Philatelisten. Beides in Kombination (Rechtum + Philatelie) ergibt eine winzige Menschenmenge. Dort scheinen sich bestimmte „Werte“ von der Realität abzukoppeln. Mir ist unklar, ob ich das gut oder schlecht finden soll. Man kann argumentieren, dass man mit Geld all dies kaufen kann (soll), was Anderen nicht schadet. Turnschuhe, die in Bangladesch produziert wurden, wären als Konsumgut dann wegen den Produktionsbedingungen problematisch. Briefe, die in Tresoren lagern, wären unproblematisch. Man kann aber auch argumentieren, dass Konsum den höchstmöglichen volkswirtschaftlichen Mehrwert erzielen soll. Vor Ort produzierte, lokal vertriebene Turnschuhe können einen höheren Mehrwert produzieren als eben jene aus Bangladesch. Bei Briefen, deren großer Geldwert von einem Besitzer zum anderen Besitzer wechselt, ist der unmittelbare VWL-Mehrwert eher gering. Man kann seinen sozialen Status auch erhöhen, indem man durch Spenden, die Schulbibliotheken sponsert. Können wir wissen, was höheren Mehrwert oder gar den größtmöglichen hervorruft? Wollen wir das überhaupt, wenn wir uns das nächste trendige Gerät/Accessoire   kaufen wollen? Es lohnt sich mal darüber nachzudenken. Nicht nur die Rechen sind bei ihrer Verschwendung irrational, wir sind es auf kleinerer Ebene ebenfalls.

Wir ein paar interessante Gedanken beim „drüber nachdenken“ benötigt, der kann sich den Podcast Soziopod anhören. Dieser Podcast widmet sich den Themenbereichen der Soziologie und der Philosophie. Pädagogik, ein wenig Internet und Kommunikation als weitere Themenbereiche werden gestreift. Was mir dabei so gefällt sind Autentizität und der feine Humor der beiden Gesprächspartner. „Guten Abend Herr Dr. Köbel. Guten Abend Herr Breitenbach…“ Die feine Ironie hinter dieser Begrüßung merkt man erst, im Laufe der Gespräche. Die beiden kennen sich sehr gut, sie spielen mit dieser formalen Anrede. Gut, wenn Leute über sich selbst schmunzeln können. Die Themen werden gut fundiert diskutiert, ohne dabei in hohe Sphären abzugleiten. Ein wenig Humor lockert das Ganze auf. Ansprechende Verpackung, guter Inhalt. Die Wikigeeks verfügen auch über guten Inhalt, haben aber eine lächerliche Verpackung, ich kann da nicht (mit)lachen. Ich höre sie mir dennoch unregelmäßig an, mittelmäßige Hassliebe. Irgendwie empfehlenswert, für Leute, die sich für gesellschaftliche Netzthemen interessieren.

Wo ich doch gerade beim Internet bin, da ist die Technik nicht weit. Der Raspberry Pi, ein kleiner, günstiger, dennoch leistungsstarker Computer hat viele Leute zu kreativen Ideen inspiriert. SpiegelOnline hat darüber berichtet. Am interessantesten fand ich diese „Bastelei“: Raspberry Pi als Ballonfahrer. Das Gerät wird mit HD-Kamera und Mikro an einen Ballon gehangen und filmt aus 40 km Entfernung. Ist das nicht ein gutes Beispiel für Mittelmäßigkeit? Für ein paar 100 Euro schwebt man zwischen Erde und Kosmos. Man ist nicht mittendrin aber doch dabei. Wenn man sich das dazugehörige Video anschaut, dann bekommt der Bordeaux-Brief eine andere Dimension. Was ist schon ein Stück Papier, wenn man für einen kurzen Moment, die Welt sehen kann!

Mittelmaß ist immer eine persönliche Konstruktion. Ob Briefe, Podcasts oder Computer, nur wer weiß wo die Mitte liegt, kann das Außergewöhnliche erkennen!

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4 Antworten to “Der Bordeaux-Brief, ein Soziopod und ein kleiner Computer”

  1. tinyentropy Dezember 31, 2012 um 11:02 #

    Wer sagt, dass Mittelmaß perse schlecht wäre? Ich finde die Balance zwischen den Extremen in vielen Situationen erstrebenswert. Beides, Extreme und die Mitte gehören zum Leben dazu! 🙂 Aber wem sage ich das?

    Dein Artikel spricht viele interessante Dinge an, die an mir vorbeigelaufen sind, z.B. das Video aus dem Ballon! Richtig genial!

    In den Soziopod werde ich mal reinhören, klingt sehr überzeugend, was Du darüber berichtest.

    Ich musste die Geschichte mit dem Brief erstmal nachlesen. Philatelie heißt ja Briefmarkenkunde! Jetzt bin ich wirklich baff. Ich dachte zunächst es ginge um den Inhalt des Briefs, stattdessen aber (bloß) um die Marken und Stempel auf dem Kouvert. Um so erstaunlicher, dass ein solches Stück Millionen als Kaufwert erzielt. Das Sammeln von Gegenständen beschäftigt manche Menschen so ungemein, dass es auch psychologisch höchst interessant ist. Vielleicht geht es da um eine Art Kontrollzwang über eine Art von Dingen. Sie werden vollständig gesammelt und geordnet.

    Wie auch immer. Am Ende wünsche ich Dir einen guten Rutsch und ein fantastisches Jahr 2013!

    • marien86 Dezember 31, 2012 um 14:24 #

      Hallo tinyentropy,

      mir scheint, dass es in unserer Gesellschaft eine allgemeine negative Konnotation des Wortes „Mittelmaß“ gibt. Das haben wir wahrscheinlich den Auswüchsen der Leistungsgesellschaft zu verdanken! Genau deswegen gibt es das Blog der Mittelmäßigkeit!

      Bei dem Ballon-Video habe ich an dich gedacht! Interessant: ein paar Kommentare und Artikel genügen, um eine Person grob einschätzen zu können. Weder sind wir uns einander völlig fremd, noch kennen wir uns gut genug um unsere Beziehung klassisch einsortieren zu können. Sind wir schon Bekannte oder noch Fremde? Das Netz schafft neue Beziehungen, die klassifiziert werden müssen!

      Der Soziopod thematisiert ein wenig Internet ohne Techniklastik zu werden. Es gibt viel Philosophie, ohne einen „praktischen Hintergrund“ zu verlieren. Einige tagesaktuelle Dinge wurden aufgearbeitet (Wulff, Gauck, post-privacy) eben aus einer philosophischen Sicht. Und man vermeidet dort diese typische philosophische Sprache. Die nervt mich an der Uni so dermaßen!

      Da mein Großvater Briefmarkensammler ist, hat mich dieser Wikipedia-Artikel nicht sehr überrascht. Man bekommt so einiges erzählt!

      Einen Artikel hab noch in der Mache. Er wird vielleicht auch für dich interessant sein.

      Dann können wir uns ein fantastisches Jahr 2013 wünschen! (ein wenig Erfolg würde mir hier schon reichen 🙂 )

      Gruß, David

      • tinyentropy Januar 2, 2013 um 13:15 #

        Die Frage habe ich mir auch schon gestellt. Welche Form von Bindung die Kommunikation über Blogs schafft. Ich denke nicht, dass es eine besondere – neue Form – ist. Es ist ein langwieriger Prozess, der die üblichen Phasen von anfänglicher Sympathie, steigender Bekanntschaft und eventuell später auch Vertrautheit und Freundschaft durchlaufen kann. Dem entgegen steht ein wenig die Anonymität. Aber das lässt sich beizeiten ändern 🙂

        Viele Grüße und ein frohes neues Jahr!

      • marien86 Januar 2, 2013 um 18:01 #

        Hallo tinyentropy,

        wir könnten also ganze Bereiche der Soziologie in die Tonne kloppen, weil sich ja jede Bekanntschaft langwierig entwickelt? Soll das Selbe für die Physik gelten – Newton reicht doch aus! Soll das Selbe für die Biologie gelten, mit Mendel kommen wir doch schon weit! Du unterschätzt hier eine wichtige Aufgabe von Wissenschaft: die (immer feiner werdende) Kategorisierung des Wissens (von) der Welt!

        Kommunikation über Dienste des Internets ermöglichen Anbahnungen, Vertiefungen und Pflege von sozialen Kontakten die (en Detail) so in der realen Welt nicht von statten gehen. Dieses neue (Detail)Wissen ermöglicht Modelle (im Detail) zu erweitern, damit sie die Welt (en Detail) besser beschreiben können. Die Higgs-Bosomen sind doch nur ein (wichtiges) Detail in einem Modell!

        Möchte der Herr Doktor in Spe weitere Ausführungen zu den Grundsätzen wissenschaftlichen Arbeitens geben? 🙂 (ich konnte hier einfach nicht widerstehen, auf deinen avisierten Titel anzuspielen, da must du jetzt mal durch, Nomen est omen, nimms locker 🙂 )

        Gruß, David

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