Wie weitsichtig ist die Wissenschaft?

19 Jan

Hallo alle Miteinander,

heute gibt es wieder ein wenig Wissenschafts-blabla, aber es muss raus! In einem Gespräch mit einem Dozenten bekam ich eine interessante Information. Es ging um die Frage, weshalb der Islam in seiner historischen und allgemeinen Betrachtung in der deutschen Wissenschaft so wenig Beachtung bekommt. Der Dozent erzählte mir, dass infolge des 11. September 2001, der Islam  eine erhöhte Aufmerksamkeit in der Wissenschaft bekam. Der Grund dürfte klar sein, wenn Terroristen entführen, es in Gebäude krachen lassen um tausende Menschen zu töten, dann weckt dies auch die wissenschaftliche Aufmerksamkeit. Dabei gäbe es genügend andere Gründe sich intensiver mit dem Islam zu beschäftigen:

  • Über 800 Jahre lang konnten Christen und Juden friedlich im osmanischen Reich leben. Sie wurden zwar auch diskriminiert, konnten nicht alle Berufe ausüben, mussten eine Kopfsteuer zahlen. Sie wurden aber nicht verfolgt und sie landeten auch nicht auf Scheiterhaufen. Das ist positiv im Verhältnis zum mittelalterlichen Europa, wo sich Christen gegenseitig verbrannten und verfolgten
  • Viele Übersetzungen altgriechischer Werke haben wir der Übersetzung von jüdischen/muslimischen Gelehrten zu verdanken
  • im mittelalterlichen Islam blühte Kunst und Wissenschaft, während im christlichen Europa eher Stillstand herrschte.  Als Beispiel nehme man Omar Khayyām, der  kubische Gleichungen, lange vor Descartes lösen konnte.

Es gäbe also genug positive Beispiele sich intensiv mit dem Islam zu beschäftigen. Allein die theologische Herleitung eines islamischen Toleranzbegriffes bietet hohe intellektuelle Beschäftigung. Aber nein, es müssen Flugzeuge in Gebäude stürzen, damit die Islamwissenschaft aus ihrem Schattendasein geholt wird! Eine zynische Formulierung? Man möge mir bitte das Gegenteil beweisen! Also, dass es schon vor 9/11 eine erstarkende Islamwissenschaft gab.

Das führt mich zu folgender Frage: warum sollten wir Durchschnittsbürgern Vorurteile gegenüber dem Islam verübeln, wenn selbst die Wissenschaft über Jahrzehnte dieses Gebiet brachliegen lässt? Welchen Sinn hat Wissenschaft noch wenn Forschungsthemen selektiv ausgewählt werden, wo einige Forschungsthemen doch offensichtliche „Wichtigkeit“ besitzen. Dass Menschen Dinge selektiv auswählen, ist gar nicht mein Kritikpunkt. Mein Kritikpunkt ist, wenn Leute so wider besseren Wissens handeln. Denn o. g. Dinge zum Islam sind schon sehr lange bekannt, haben aber dennoch kein größeres Interesse ausgelöst.

Wir feiern das Potsdamer Toleranzedikt und vergessen dabei, dass bereits orthodoxe Christen ausgeschlossen waren. Von Juden und Muslimen ganz zu schweigen. Während sich Gelehrte wie Erasmus von Rotterdam fragen, wie man Christen anderer Konfessionen tolerieren kann, leben im osmanischen Reich die drei monotheistischen Religionen friedlich zusammen.

Natürlich, der Fundamentalismus schadet jeder Religion. Und das die Islamische Welt sowie deren Theologie vor gewaltigen Herausforderungen steht ist klar. Nur, die verengte Siegesperspektive schadet eher als das sie nutzt. So bleibt Wissenschaft auch nur mittelmäßig, wenn sie sich auf bestimmte Perspektiven einlässt. Wir können mehr!

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4 Antworten to “Wie weitsichtig ist die Wissenschaft?”

  1. Michael Geyer Januar 20, 2013 um 10:51 #

    Die Frage ist leicht zu Beantworten. Aufmerksamkeit ist ein Gut von begrenzter Menge. Also ist es entscheidend, wie Gesellschaft und damit auch Wissenschaft Agenda-Setting betreibt. Hierbei drängen sich also Probleme auf, die gelöst werden wollen und denen dadurch Ressourcen zugewiesen werden.Letztendlich muss sich auch Wissenschaft irgendiwe der Interessenlage unterordnen.

    • marien86 Januar 20, 2013 um 14:04 #

      Hallo,

      danke für den Beitrag. Es stimmt natürlich, dass auch Wissenschaft Agenda-Setting betreibt und sich der Interessenlage unterordnet. Was man mit dem rational-choice-Ansatz herleiten kann beruht ja auf „kulturellen“ Kosten. Warum sollte ich mich in eine mir völlig fremde Welt einarbeiten, wenn ich mit einer neuen Betrachtung des althergebrachten genauso dem wissenschaftlichen Standard genügen kann? Mir scheint, unsere Gesellschaft als Ganzes hat versäumt über den Tellerrand zu schauen. Die knappe Aufmerksamkeit wurde Denjenigen zuteil, die den kalten Krieg erfolgreicher überstanden haben als Andere.

      Die leicht zu beantwortenden Fragen erfordern meist schwierige Lösungen um andere (bessere) Antworten zu generieren: Wie durchbricht man Aufmerksamkeitsspiralen?

      Gruß, David Marien

      • Michael Geyer Januar 20, 2013 um 14:26 #

        Der Tellerrand bzw der Ausblick von diesem ist recht vielfältig. Das soll so viel heißen, als dass es zahlreiche neue Felder gibt, altes sich neu darstellen kann und der Fokus sich permanent verschiebt. Warum sollte also der Islam vorrangig vor anderen Forschungsfeldern behandelt werden? Hatte man nicht zum Beispiel durch den Zusammenbruch der bipolaren Weltordnung ein Dauerfeuer an neuen Eindrücken? Wie kann man Demokratien aufbauen, wie bleiben sie stabil, wie gestalteten sich die nationalen Geschichten vor der Sowjetunion, das Erstarken Asiens mit China und Indien als auch Singapur bildet ein weiteres Augenmerk ab.
        In diesem Augenblick war der Islam an sich eine Randerscheinung, der durch Exzentrik (z.B. Zerstörung der buddhistischen Statuen in Afghanistan) und Seperatismus (z.B. in Afrika oder Palästina) auffiel.

        Parallel könnte man jetzt fragen, warum z.B. der Hinduismus vernachlässigt wird.

      • marien86 Januar 20, 2013 um 14:56 #

        Das stimmt vollkommen, was Sie schreiben. Und ein „euro-amerikanischer Zentrismus“ wird sich auch nie ganz vermeiden lassen. Deshalb lohnt es sich darüber zu schreiben und zu reden. Es lässt sich aus bestimmten Gründen eben nicht vollkommen eliminieren. Deshalb muss es weiter thematisiert werden.

        Ob sich damit nun eine Veränderung einer Agenda bewirken lässt steht auf einem anderen Blatt. Wie heißt es so schön, „wer kämpft der kann verlieren, wer nicht kämpft hat schon verloren.“

        Gruß, David Marien

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