Wesen vom Mars: Menschen des 18. Jahrhundert

2 Feb

Hallo alle Miteinander,

eigentlich wollte ich etwas zur #Aufschrei-Debatte und deren mediale Verwurstung schreiben. Mir fehlt jedoch die Motivation für dieses Thema. Wer sich dennoch für meine Meinung zum Thema interessiert, möge bitte diesen Artikel lesen. Meine allgemeinen Schlussfolgerungen gelten auch für die #Aufschrei-Debatte und deren mediale Verwurstung.

Nein, ich finde ein anderes Thema interessanter. Als meine Urgroßmutter noch lebte, konnte sie mir einiges über die dt. Gesellschaft vor dem zweiten Weltkrieg erzählen. Für mich ist diese Gesellschaft schon zu weit weg. Ich kann mich nur sehr schwer in deren Köpfe hinein versetzen! Obwohl doch nur sieben Jahrzehnte dazwischen liegen.

Wenn dies schon so schwierig ist, dann werde ich daran scheitern die Welt der Menschen des 18. Jahrhunderts zu verstehen. Dennoch ist der Versuch sie zu verstehen sehr wichtig, wenn wir unsere Gegenwart verstehen wollen. Anhand einiger Überschriften will ich das Ganze gliedern. Das Thema verspricht sehr facettenreich zu werden.

1. Von der Gemeinschaft zur Gesellschaft

Stände, Zünfte und Religionen gliederten Menschen des 18. Jahrhunderts in verschiedene Gemeinschaften. Man lebte abgeschottet voneinander. Man heiratete untereinander und blieb unter sich. Auch spielte das Dorf, die Großfamilie eine große Rolle. Man verstand sich als Teil einer (mehr oder minder) genau definierten Gemeinschaft. Es gab ausgeprägte sprachliche Dialekte, lokale „Kulturen“ Man lebte nebeneinander und nicht miteinander.

2. Vom Leyden zur Toleranz

Eng verbunden mit dem nebeneinander leben war auch das Leyden. Man würde es heute mit „ertragen“ umschreiben. Es war klar definiert was man öffentlich zu tun und zu lassen hatte. Das öffentliche Werben für Sekten, Religion (außer der des Landesherren) war verboten. Die Zeit der großen Religionskriege war vorbei. Man durfte im Privaten andere (christliche) Kulte praktizieren, Lesegesellschaften abhalten, (Aufklärung!) den Landesherren kritisieren. Aber wehe, diese Dinge wurden öffentlich ausgetragen. Genau das ist mit ertragen gemeint: werd nach deiner Facon selig, aber bitte zu hause!  Der Islam, das orthodoxe Christentum, Atheismus und heidnische Bräuche, was immer das auch war, wurde aber auch bis ins Private verfolgt. Das hatte es nirgends zu geben!

3. Vom Reich zur Nation

Obwohl die Menschen in viele Teilgemeinschaften zergliedert waren, lebten viele Ethnien und Kulturkreise in einem Reich unter einem Kaiser. Die einzelnen Landesherren waren dem Kaiser des Heiliges Römischen Reiches deutscher Nation unterstellt. Man befand sich in einem Treue- und Lehnsverhältnis. Zu der Zeit gab es keine Deutschen, Polen, Österreicher, Tschechen usw. Es gab Menschen, welche diese Sprache sprachen und deren Kultur pflegten. Ein Passwesen und Schlagbäume waren damals noch unbekannt oder gerade erst in der Entwicklung. Das Polizei- und das (heutige) Millitärwesen befanden sich erst im Aufbau. Söldnerheere  waren vorherrschend. Das heutige Staats- und Steuerwesen begann sich auch erst langsam zu entwickeln. Die Familie war die soziale Absicherung, die Dorf-, Standes-, Zunft-,  und Stadtgemeinschaft regulierte das Alltagsleben. Der Mensch sah sich als Gottes Geschöpf aber nicht als Teil einer Nation.

4. Vom Untertan zum Bürger

Das Verhältnis Untertan -> Landesherr war bis ins frühe 19. Jahrhundert vorherrschend. Wenn der Untertan seine Steuern zahlte konnte auf den Schutz des Landesherren hoffen. Anspruch darauf gab es nicht. Der Landesherr wiederum musste zusehen, wenn seine Untertanen das Land verließen. Ein Pass und Schlagbäume gab es ja nicht. Der Landesherr musste sich mit der Religion und dem Zunftwesen arrangieren.  Beide Akteure nahmen ihm aber auch Arbeit ab. Wahrscheinlich interessierte es die meisten Menschen gar nicht wer ihr Herr war. Beide Spähren waren streng getrennt. Der Herrscher wollte Ruhm für sein Geschlecht erringen, wollte Anerkennung unter Seinesgleichen erwerben. Menschen empfingen Gnade aber keine Rechte. Das eine kam von Gott, das Andere käme vom Staat, den es in unserer heutigen Form noch nicht gab.

5. Von der Ein- zur Zweigeschlechtlichkeit

Ich bekomme doch noch einen Bogen zur #Aufschreidebatte hin! Ab dem frühen 18. Jahrhundert begann die Entwicklung Von der Ein- zur Zweigeschlechtlichkeit. Natürlich wussten die Menschen auch damals schon dass sie unterschiedliche Körper haben. Es ging darum: wie wird dieser Unterschied machtpolitisch ausgeschlachtet! Denn was immer vergessen wird: die Aufklärung hatte den weißen männlichen Christen im Blick. Frauen waren bis in die jüngste Vergangenheit Menschen zweiter Klasse. Die aufkommenden Naturwissenschaften untermauerten die These der unterschiedlichen Wertigkeit von Männern und Frauen. Das Stichwort Biologismus bringt hier wenig, aber doch genügend zu tage. Da 99% der Menschen sowieso vom sozialen Aufstieg ausgeschlossen waren, spielte es keine Rolle ob Frauen benachteiligt wurden. Zumal es ländlichen Regionen lange so war, dass Frauen viel arbeiteten, aber auch einen gewissen Einfluss besaßen.

6. Zusammenfassung

Ich habe ganz bewusst nicht viel über die heutige Gesellschaft geschrieben. Der Leser soll entscheiden, wie sehr wir uns von oben skizziertem weg-entwickelt haben.  Was auffällt: die Begriffe Gesellschaft, Toleranz, Nation, Bürger und Geschlecht werden heute auch politisch aufgeladen. Politisch (sein) ist auch wieder ein Begriff, den es vor 200 Jahren nicht gab. Man hat eben nicht Stellung zu gewissen Kontroversen genommen. Man konnte zu hause diskutieren, aber nicht öffentlich. Die Menschen ordnen sich neu: Türken in der Nato, die Russen in Asien. Es bilden sich neue Blöcke, neue Koalitionen. Wurden einst Machtpolitik und strategische Interessen unter dem Mantel der Religion und der Nation versteckt, wird dies heute offen umgesetzt. Die Familie, die Religion, die Gemeinschaft verliert ihren Einfluss auf das Individuum. Wissenschaft prägt uns heute stärker denn je. Gerade das Aufkommen von Esoterik und „alternativen Sichtweisen“ als Gegenpol bestätigt diese These. Die Beschleunigung gesellschaftlicher Entwicklungen wird dazu führen, dass mein zwölfjähriger Bruder meine  Urgroßmutter für ein Wesen vom Mars halten wird! 2040 wird sich zu 1940 so verhalten, wie sich 2000 zu 1800 verhält! Wir alle merken diese Beschleunigung und wundern uns über unsere jüngste Vergangenheit. Wie konnte man vor 20 Jahren ein Leben leben?

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