fehlende Inspiration oder versteckter Egotrip?

2 Mrz

Hallo alle Miteinander,

wieder einmal hat mich ein Blogeintrag von tinyentropy zum nachdenken gebracht. Er schreibt in seinem Beitrag über mangelnde Inspiration, die er zur Zeit verspüre. Die Themenlage sei reichhaltig, es gäbe aber zu wenig Zeit. Promotion u. a. raubten im die Zeit. Ohnehin lesen wir-  und beschäftigen uns  zu oberflächlich mit bestimmten Themen. Wir würden ziellos in einem Informationskreislauf, aus werden und vergehen, verumwabern. Alles erscheine so ziellos.

Ich habe in den Kommentaren meine Meinung kund getan und verwerte sie hier ein zweites Mal:


meinem Empfinden nach spricht aus deinem Text mehr als nur mangelnde Inspiration. Es erinnert mich ein wenig an Faust. Der wollte auch alles wissen. Als er dann alles wusste, fand er keine Befriedigung.

Wie viel Wissen, Erkenntnis und Bildung wirklich nützlich sind kann eh Niemand bestimmen. Und ja, wir vergessen. Wir lernen neu und wir rollen den Stein des Sisyphos. Weiter und weiter und weiter. Das macht den (post)modernen Menschen unbefriedigt. Denn wir haben eine klares Ziel vor Augen! Wenn wir es nicht erreichen, beginnt ein Infragestellen. Dies scheint in deinem Artikel ein Stück weit durch. Ich müsste meinen Interessen alle nachkommen, ich müsste meine Persönlichkeit voll entfalten. Wenn ich dies nicht schaffe, produziere ich meine eigene Enttäuschung.

Da spricht doch ein wenig ein Egotrip des (post)modernen Menschen. Wir fahren ihn alle, irgendwie. Dabei zeigt die Geschichte von Sisyphos, dass es anders geht. Kluge Menschen der Gegenwart haben sie so interpretiert, dass es in Ordnung ist wenn Sisyphos seinen Stein ständig schleppen muss. Er weiß, dass dies sinnlos ist. Aber gerade diese Sinnlosigkeit gibt ihm Zufriedenheit.

Das ist natürlich kein Plädoyer für (vorwiegenden) Müßiggang. Wir können und müssen produktiv sein! Wir sind aber keine Computer, die eine vollständig konsistente Arbeitsweise vorzeigen müssen. Wir können uninspiriert sein, wir können an die Decke starren. Dennoch kann sich daraus etwas produktives ergeben.

Du sagst, wir nehmen zu viele Informationen auf, wir rezipieren zu oberflächlich. Dadurch würde ein Sisyphos-Prozess in Gang kommen, wir würden nur auf der Stelle treten. Das sei gefährlich! Die Schweizer haben jahrzehntelang um die Einführung des allg. Frauenwahlrechts gerungen. (meiner Erinnerung nach) ging mindestens eine Volksabstimmung verloren. Erst nach weiteren Anläufen fiel die Abstimmung für das Frauenwahlrecht aus.

Vielleicht bin ich im Herzen doch etwas konservativer als mir lieb ist. Aber dieses “Fortschritt sofort!” bei uns Linken geht mir allmählich etwas auf die Nerven. Themen kommen und gehen. Das war schon bei den alten Griechen so, auf ihrem Marktplatz. Antworten warten auf die richtigen Fragen, der Zufall ist beständig, das Vergessen weckt Erinnerungen.

Ich hab gerade eine alte Star Trek Folge gesehen [„Landru und die Ewigkeit“]. Wo ein Großcomputer mittels Telepathie über eine Bevölkerung herrschte. Es gab dort keine Diskurse. Der Computer speicherte alles und entschied rational. Es gab auch keine Fragen, kein Zufall, keine Inspiration -> keine Seele. Die Pointe war: wer nur das Gute will, schafft auch das Schlechte. Denn der Computer hat seelenlose Zombies erschaffen. Die waren zwar “gut”, hatten aber keine “Seele” mehr. Der Computer hat in bester Absicht ein schlimmes Verbrechen verübt: er hat seelenlose Zombies geschaffen!

Meine Meinung: der Sisyphos zeigt eine wichtige Eigenschaft auf – Redundanz. Aber sie macht uns zu erst beseelten Wesen! Zehn Debatten können redundant sein, die elfte bringt uns weiter! Uns fehlt zehn Tage lang jegliche Inspiration, am elften Tag küsst uns die Muse. Zehn Tage lang ringen wir um die richtige Antwort, dann kommt die Frage, wo wir unsere passende Antwort finden.

Das vergessen wir leider in unserer (post)modernen Sichtweise.


Wir Menschen pendeln ständig zwischen zielorientiertem Handeln und nicht-zielorientiertem Handeln. Doch diese Pendelei ergibt ein Mittelmaß, dass uns menschlich werden lässt. Wir wurden schon immer mit Informationen zugeflutet. Qualität und Quantität haben sich verändert, ich denke aber, dass sich das Empfinden des „geflutet werdens“ nicht verändert hat. Ein entspannterer Umgang mit diesem Empfinden ist hilfreich und hilft, Stress abzubauen. Ich muss nicht die Flut aushalten, ich kann versuchen ihr auszuweichen, zumindest kann ich versuchen sie zu ignorieren.

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4 Antworten to “fehlende Inspiration oder versteckter Egotrip?”

  1. exvitro März 5, 2013 um 12:21 #

    Hey, long time no see…

    Hatte die letzen Monate keine Zeit fürs Bloggen – und keine Lust. Werde aber die nächsten Wochen wohl ein Paar Artikel fertigschreiben.

    Nur ich habe immer noch über unsere politischen Diskussionen nachgedacht, auch über die bei Tinyentropy. Ich finde es ist aber wichtig nicht nur darüber zu reden sondern auch was zu unternehmen. So langsam haben sich bei mir auch einige Ziele ergeben in den letzten Monaten welche durchaus zu einem Parteiprogramm zusamengefasst werden könnten. Ich mag wie Tinyentropy denkt und Du auch.

    Wie siehts aus – habt ihr beiden Lust über eine Parteigründung zu reden und nachzudenken? Und wenn wir uns mit den Zielen einigen sie auch zu gründen? Ansonsten bleibt es nur beim Reden und wir werden nichts wirkliches bewirken 😉

    Namen, grobe Ziele,
    LG,

    ex vitro

    • marien86 März 5, 2013 um 15:11 #

      Hallo extrovito,

      ich bin ein wenig irritiert. Das Lesen einiger Blogposts motiviert dich, uns Autoren zu fragen, ob wir eine (politische) Partei gründen wollen? Ich fühle mich zwar geehrt, aber auch ein wenig belastet. Warum müssen wir eine eigenständige Partei gründen? Gäbe es nicht deutliche Überschneidungen mit Anderen? Wenn du so wild darauf aus bist etwas zu bewegen, was sind deine realistischen Erwartungen, was wir bewegen können? Eine Partei mit Zielen, schön und gut, sie muss administriert, beworben und auch finanziert werden.

      Ich sympathisiere mit den Piraten. Warum sollte ich in Konkurrenz zu ihnen treten, wenn ich ihr Mitglied werden könnte? Und zu dem „wirklich bewegen“ müssen: wie ist dies überhaupt definiert? Sitz im Bundestag? Agenda-Setting-Macht, Weltrevolution? Oder kann eine bestimmte Verhaltensänderung nicht schon auf kleiner Ebene etwas bewirken?

      Du stellst es so dar, als säßen wir nur im Elfenbeiturm und betrachteten die Welt. Woher willst du wissen, dass ich die Welt nicht schon anderweitig verändere, warum sollte ich damit (vor dir) hausieren? Warum sollte die Gründung einer Organisation, Verhaltensänderungen verstärkt befördern? Der Blick in Gremien meiner Uni hat mich doch sehr ernüchtert.

      Ich lehne dankend ab, weil ich meine, nicht ein besseres Rad erfinden zu können. Wenn wir die Welt verändern wollen gibt es bessere Wege als Parteigründungen. Die Piraten, ihr Umfeld, haben die Welt bereits verändert, als es sie noch gar nicht gab. Politische Parteien sind das organisatorische Resultat von gesellschaftlichen Veränderungen. Sie induzieren aber keine Veränderungen, jedenfalls, erst nachträglich durch Einbringung von Gesetzen.

      [Anmerkung]: Parteigründungen sind aber auch durchaus nützlich, damit ich nicht falsch verstanden werde. Aber ich weiß wirklich nicht, welchen Mehrwert ich mir davon erhoffen soll?

      Gruß, David Marien

  2. exvitro März 5, 2013 um 23:00 #

    Hey David,

    ich habe dich gefragt weil du ein Politikwissenschaftler bist und Dich mit der Politik auskennst und in Deinem denken eine gewisse Gegenposition hast welche nützlich ist (unsere Diskussion über Human und Naturwissenschaften). Ich habe weniger auf Deine Person abgezielt (da ich Dich auch nicht kenne) sondern auf deine Kompetenz in dieser Frage.

    Da Du kein Interesse hast werde ich auch nicht mehr darauf eingehen was ich eigentlich will.

    Was die Piraten angeht…Ich war eine Zeitlang sogar in der Partei bin aber da raus. Kann mich nicht mehr hinter ihr Programm stellen. Genauso verhält es sich mit anderen Parteieien und ich bin durch die Liste gut durchgegangen als ich bei den Piraten raus war.

    “ weil ich meine, nicht ein besseres Rad erfinden zu können.“ Das will ich nicht. Ich will den Warpantrieb bauen.

    „Aber ich weiß wirklich nicht, welchen Mehrwert ich mir davon erhoffen soll?“ Hm, vielleicht habe ich dich auch falsch eingeschätzt. Es geht nicht darum mir oder dir einen Mehrwert abzugreifen. Es geht darum dem ganzen Land und den Menschen darin einen Mehrwert zu geben. Ich finde die politische Lage in Deutschland, die soziale Lage, die rechtliche Lage und auch die wirtschaftliche Lage sind erbärmlich und anstatt sie zu lösen wird über unisex klos in Berlin diskutiert.

    Mir ist auch gerade aufgefallen das aus meinem Beitrag oben etwas fehlt. WordPress hat es wohl irgendwie verschluckt. Jetzt auch egal.

    Schönen Abend noch!

    • marien86 März 6, 2013 um 01:18 #

      Ich habe mich mit dem Wort „Mehrwert“ missverständlich ausgedrückt. Es geht mir nicht um einen persönlichen Mehrwert. In meinem Studium habe ich gelernt, dass sich gewisse Kommunikationsmuster abzuzeichnen scheinen. Je größer eine Organisation wird desto schwiriger wird Konsensbildung, desto mehr Probleme tauchen auf, die man so kennt und kritisiert. Diese Probleme ergeben sich aus den Eigenschaften des Menschen.

      Der Mensch ist ein paradoxes Wesen, dass sich und seine Wünsche mit Anderen zusammen organisieren muss. Daraus ergeben sich bestimmte Paradoxien: um etwas zu erreichen, muss eine bestimmte Größe erreichen. Eine bestimmte Größe hindert die Kondensfähigkeit über dass, was man erreichen will. Menschen sind sowohl gemeinwohl- als auch eigenutz-orientierte Wesen. Menschen meinen, sie hätten eine klare Präferenzordnung, in Wahrheit existiert diese Ordnung nicht.

      Daraus folgt: ab einer bestimmten Größe ist die „Fortschrittsgeschwindigkeit“ einer Organisation auf Schneckentempo. Mit „Warpantrieb“ ist da nix. Es stellt sich die Frage, ob diese überhaupt implementierbar ist? Uns Jungen mag dies alles furchtbar langsam vorkommen, die Fakten liegen alle auf dem Tisch, es muss doch Klick machen. Wir sind eben keine Computer, denk an die im Blog erwähnte Star-Trek-Folge, die konsequent logisch handeln. Bestimmte Weltbilder und Überzeugungssysteme müssen (mühsam) diskutiert und durch gesetzt werden. Wie gesagt, mit Wharpantrieb ist da nichts.

      Wahl- und Parteiprogramme sind das Eine, deren realpolitische Umsetzung ist etwas ganz anderes! Und: wenn ein Idealist 20 Jahre lang in der Filterblase „Parlament“ lebt, ändert dies seine Wahrnehmung. Ich wage die These, dass einige Parlamentarier ihre kognitive Dissonanz wirklich nicht mehr wahrnehmen. Ihre Wahrnehmung hat sich verschoben.

      Das soll alles kein Gegenplädoyer für deine Idee sein. Ich sehe nur die Angst, dass du extrem enttäuscht werden könntest, wenn du deine Idee einer politischen Partei umsetzen willst. Da ich deine Erwartungen nicht kenne, kann auch dein Endtäuschungspotential nicht einschätzen.

      Das klang jetzt alles sehr negativ. Ich glaube, dass sich Entscheidungsprozesse beschleunigen werden. Ob sie sich schnell genug beschleunigen werden, das steht auf einem anderen Blatt! Ich vermute, du willst bestimmte Entscheidungsprozesse beschleunigen und auch dahin gehend beeinflussen, dass die richtigen „Entscheidungen“ getroffen werden. Das ist aller Mühen wert. Und ja: es ist eine Sisyphusarbeit. Auch das haben die alten Griechen gewusst.

      Gruß, David Marien

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