Die Kuh oder der Melkstall – wer ist wichtiger?

23 Mrz

Hallo alle Miteinander,

ich bin bei den Wikigeeks in der Folge 41 auf deren „Video der Woche“ gestoßen. In dem Video geht es um den Open Source Burnout. Damit ist gemeint: Entwickler von Open-Source-Software  werden sehr schnell mit ihren Projekten überfordert. Wenn ein Projekt einen gewissen Erfolg erreicht, reichen viele Nutzer nicht nur Fehlermeldungen ein, sie wollen auch neue Funktionen sehen. Projekte werden so schnell arbeitsintensiv und der Entwickler muss Wünsche erfüllen, der selbst gar nicht hat. Der gesteigerte Aufwand (Pflege der Software kommt noch dazu) und die Nutzer, die mit ihren Wünschen aufschlagen , können den Entwickler leicht überfordern.

Es wurde zur Verdeutlichung folgendes Bild gebraucht: Solange Hundewelpen klein und niedlich sind will man sich an ihrer Niedlichkeit erfreuen. Aber sie werden größer und verlieren ihre Niedlichkeit. Sie fangen an zu stinken! Und man muss mit ihnen Gassi gehen, auch wenn man gerade nicht will. Lust kann schnell zum Frust werden.

Mir ist die Diskussion in der Wikigeeks-Folge etwas sauer aufgestoßen.  Ich hatte den Eindruck, der Fokus würde dort zu stark auf die Projekte, und nicht auf die Menschen dahinter, gelenkt werden. Ich hab einen Kommentar unten drunter geschrieben:

Für mich ist ganz klar: wenn man das Frustrationslevel von OSS-Entwicklern senken kann ist das gut. Vor allem für die Entwickler. Dass dadurch dass eine oder andere Projekt länger hält oder neu startet ist ein wichtiger Nebeneffekt aber nicht ausschlaggebend.

Wo ich mit Ralf (so heißt er doch?)[Einer der Wikigeeks] zusammenkomme, ist seine Argumentation, die er bei der Besprechung gegeben hat. Ich überspitze und verallgemeinere sie mal (wenn ich sie noch zusammenbekomme):

Der Genius muss vor dem Tand des Alltages bewahrt werden! Der Genius soll in seinem Kämmerlein werkeln. Die Muse soll in küssen, damit er dass Gute, das Wahre und Schöne erschafft. Das Gute, das Wahre und Schöne soll auf die Menschen übergehen damit sie erkennen, was der Genius schafft.

Bewusst hab ich „alte“ Sprache verwendet, um aufzuzeigen, dass diese Argumentation nicht neu ist. Was ist mein Problem? In mir entstand der Eindruck, die OSS-Burn-Out-Problematik soll gelöst werden, damit es (nur?) mehr OSS-Projekte gibt, die nicht schnell wieder verschwinden. Den Programmieren soll das Gefühl vermittelt werden, sie könnten den „stinkenden Hund“ ruhigen Gewissens abgeben.

Es stellt sich mir die Frage: ist das Programmieren, dass Ausleben (jeglicher) Genialität vor allem für die Gesellschaft bestimmt? Hat die Gesellschaft ein Recht genau dieses zu optimieren, damit sie ein Optimum erhält? Geht es also um intellektuelles Melkvieh, dass in einer Komfortzone gehalten werden soll – für mehr Milch?

Wenn ich Kant-Folge des Soziopods richtig verstanden habe, würde ich mit Kant argumentieren:

Der Mensch ist kein Selbstzweck. Er ist kein Werkzeug, dass beliebig verwendet werden kann! Der Genius soll seiner Genialität freien Lauf lassen. Aber nicht für die Gesellschaft sondern für sich selbst. Die Gesellschaft ist nicht ausgeschlossen, sie kann teilhaben. Aber sie darf eben keine Melkställe bauen, wo in Komfortzonen alles störende entfernt wurde.

Frustration, Enttäuschung und „Aufgeben müssen“ gehört zum Leben dazu. Liegt dies in der richtigen Dosis vor kann sogar Mehrwert entstehen. Aus der Asche steigt ja der Pheonix auf. Es gehört zum menschlichen Leben dazu mal nicht rund zu laufen. Der „stinkende Hund“ gehört auch zum Leben, ihn weiterzureichen, damit man ja viele neue Hundewelpen großzieht (und diese später wieder abgibt, jetzt bricht die Analogie) halte ich für ethisch verwerflich.

Was wäre mein Lösungsvorschlag? Wenn es strukturelle Defizite gibt, die den Support von Software behindern, dann sollten sie behoben werden. Überhaupt: wenn Frustration strukturell auftritt sollte sie behoben werden. Aber eben nicht für den Melkstall sondern für die Kuh.

Am Ende kommen wir wahrscheinlich doch zueinander. Mir war einfach zu viel Melkstall und zu wenig Kuh in der Argumentation. Fortschritt ist kein Selbstzweck, er dient dem Menschen, nicht umgekehrt.

Meine Idee der Mittelmäßigkeit wird hier wieder deutlich. Für eine „goldene Mitte“ braucht es beides: Spass Vergnügen, Produktivität und Lust aber auch Langeweile, Frustration, Destruktion und Aversion. Es kommt immer auch auf die Dosis an. Beides muss ausgewogen stattfinden können.

Ich finde mein Bild von den Kühen und dem Melkstall ganz gelungen, zeigt es doch worum es geht. Zählt das Individuum, an sich, oder die Produktivität, die auch durch eine bestimmte Umwelt gesteigert werden kann. Es ist eine interessante Frage, wie ich finde.

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2 Antworten to “Die Kuh oder der Melkstall – wer ist wichtiger?”

  1. tinyentropy März 28, 2013 um 11:46 #

    Tja, das ist so eine Sache mit Open Source Projekten. Als Programmierer erahne ich den Aufwand, der hinter einem grösseren Projekt steckt und wie schnell man überfordert wird, wenn eine Liste von externen Anforderungen auf einen niederprasselt.

    Leider kenne ich mich zu wenig damit aus, wie grössere OSP tatsächlich gewuppt werden. Ich bin bloss immer wieder erstaunt, dass es die Gruppen irgendwie hinkriegen.

    Ich denke, dass man sich diesem Thema nicht aus einer soziologischen Sichtweise nähern kann, sondern es hier nur um Aspekte des Projektmanagements geht. Im Anfang steht zwar die Idee, dass ein Entwickler seinen Sourcecode frei zugänglich machen möchte, aber ab einem bestimmten Punkt wandelt sich das Projekt in „ein Produkt“. Und an ein Produkt werden eben ganz andere Anforderungen gestellt. Es kommt zu einem Widerspruch, weil man klassischerweise mit Produkten Geld verdient, was hier nicht der Fall ist. Durch den Einsatz von Kapital werden Produkte normalerweise technisch weiterentwickelt und an die Bedürfnisse der Kundschaft angepasst. Das wird hier gefordert, ohne dass das Kapital zur Verfügung steht / gestellt wird.

    • marien86 März 28, 2013 um 16:29 #

      Lieber tinyentropy,

      vielleicht könntest du mir kurz mal definieren, was eine soziologische Sichtweise ausmacht? Wenn ich mich richtig erinnere ist die Soziologie, die Lehre vom Zusammenleben und der Struktur der Menschen. Das was du unter „Projektmanagement“ packst wird unter anderem ja auch von der Organisationssoziolgie thematisiert. Schau mal in einer der letzten Beiträge des SozBlogs http://soziologie.de/blog/

      Du unterstellst, dass der Entwickler eine vollkommen rationale Haltung einimmt. Als Homo Oeconomicus strebt er Nutzeinmaximierung an seine Präferenzordnung ist eindeutig. In dem von mir verlinkten Beitrag wurde die Metapher des süßen Welpen verwendet, der zum stinkenden Hund wird. Sprich: Man beginnt ein Projekt, man kann sich austoben, man hat keine weiteren Verpflichtungen. Nun wird das Projekt größer, die ersten Nutzer kommen und artikulieren ihre Wünsche, die eben nicht die des Entwicklers sind. Der Hund muss Gassi. Kein will freiwillig gassigehen, wenn nicht gerade schönes Wetter ist. Der Hund muss aber. Und jedes Projekt lebt eben auch von den Wünschen seiner Nutzer. Nun hat der Entwickler eben nicht die Lust, die Wünsche der Nutzer zu implementieren, die nicht in seinem Sinne sind. Selbst wenn sie ihm Geld zahlen würden, es wäre nicht mehr sein Projekt sondern das der Nutzer. Die Nutzer fangen dann an mit den Füßen zu scharren, weil sie ja wollen, dass ihre Wünsche implementiert werden. Es wird für den Entwickler unangenehm, so wie es unangenehm wird wenn Hunde anfangen zu riechen, wenn sie größer werden. Der Entwickler merkt nun, dass es nicht mehr sein Projekt ist, es ist auch ein Projekt der Nutzer geworden. Er muss argumentieren, sich rechtfertigen, warum er Präferenzen wie setzt. Er muss aushalten, wenn sich Leute beschweren. Ein sozialer Druck wird aufgebaut und steigt.

      Nun kann eine Lösung sein, dass Projekt einfach verweisen zu lassen weil man keinen Bock mehr hat. So, als würde man einen Hund einfach aussetzen. Andere Lösung: ein Nachfolger für das Projekt wird gesucht. Das Tierheim oder Bekannte nehmen den Hund auf. Man kann als dritte Lösung seine Präferenzen noch mal überdenken und schauen, ob sich nicht arrangieren kann. Ob Hund oder Software.

      Es geht, was ich so mitbekommen habe, eben nicht um Geld verdienen Es geht um Selbstverwirklichung! Geld einnehmen, um die Wünsche anderer zu erfüllen steht da nur im Weg. Es geht darum, pathetisch ausgedrückt, seinen Fußabdruck zu hinterlassen, das Selbst zum Vorschein kommen zu lassen. Andere, mit ihren Wünschen stören da nur. Sie bauen sozialen (Erwartungs)Druck auf. Genau das schrekt ab und demotiviert!

      Dieses Phänomen lässt sich sehr gut mit der Soziologie beschreiben, weil es den Menschen mit seiner Motivation in den Blick nimmt. Er ist eben nicht nur Projektmanager, er ist auch Konstrukteur seiner (kleinen) sozialen (Software)Welt!

      Gruß, David.

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