Behinderung, Modernisierung und das Private

30 Mrz

Hallo alle Miteinander,

welch ein seltsamer Titel dieser Eintrag doch trägt. Was haben denn Behinderung, Modernisierung und das Private miteinander zu tun? Ganz einfach: sie werden von uns Menschen konstruiert! Und: Behinderung im Allgemeinen kann es nur geben, weil sich die Gesellschaft modernisiert hat, weil sie Räume geschaffen hat, in die sich der Einzelne zurückziehen kann.

Eine Behinderung ist mehr als nur eine rein körperliche oder geistige oder sonstige Einschränkung, sie trägt auch eine soziale Komponente. Das fängt bei der „Brillenschlange“ an, geht über die Frage, ob man als körperlich eingeschränkter auch das selbe Abitur geschrieben hat, und es endet bei der Feststellung, dass körperlich mehrfach behinderte doch eher „unter sich“ gehören. In all diesen Aussagen steckt etwas sozial konstruiertes, etwas, dass sich nicht messen lässt.

Genauso verhält es sich mit den Begriffen Modernisierung und Privat. Jeder versteht darunter etwas anderes, es lässt sich kaum eine Messlatte anlegen. Man meint klare Definitionen zu kennen. Und doch: in Diskussionen zeigt sich ihre Schwammigkeit. Für uns ist alles so klar, nur nicht für unser Gegenüber.

Seit sich unsere Gesellschaft seit dem 18. wandelte, passierte auch etwas mit ihren „Krüppeln“. Es wurden vermehrt Armen- und Krankenhäuser gebaut. Menschen mit diversen Behinderungen sollten „aufbewahrt“ werden. Werte und Normen geboten, diesen Menschen Nahrung, Kleidung, ein Dach über dem Kopf und ein wenig Bildung zu gewähren. Von Integration oder Inklusion war weit bis in das 20. Jahrhundert nichts zu sehen. Es ging vor allem um medizinische und Grundbedürfnisse der Betroffenen.

Nun hat sich in den letzten Jahren folgende Entwicklung ergeben: in Schulen lernen vermehrt Menschen mit, und ohne, Behinderung. Es gibt vielfach Diskussionen, wie Betroffene in die Gesellschaft eingefügt werden sollen. Das ist gut so! Ein Problem bleibt weiter bestehen. Ihr Kern liegt in der Trennung zwischen öffentlichem und privatem. Wie die Öffentlichkeit für Menschen mit Behinderungen beschaffen sein soll, darüber wird gesprochen. Es wird in einem gewissen Sinn politisch. Wie man sich aber im Privaten gegenüber Menschen mit Behinderungen verhalten soll, muss eben sozial: face to face ausgemacht werden.  Es wird in einem gewissen Sinn sozial.

Wenn mich eine ältere Dame aufgrund meiner Behinderung (mit besten Absichten) bemitleidet, wie soll ich angemessen damit umgehen? Ich will weder mir selbst, noch der Frau vor dem Kopf stoßen. Wenn ich im Bus nach einem Sitzplatz suche, und ein 14.-jähriger gibt seinen Sitzplatz nicht frei, was mache ich dann? Den erhobenen Zeigefinger zeigen? Will soll ich den Professor davon überzeugen, dass ich einen Nachteilsausgleich benötige, ohne mich dem Verdacht des Schummeln wollens auszusetzen? Von der Problematik Partnerschaftsanbahnung mal ganz abgesehen…

Wir als Betroffene kommen nicht darum herum, uns unangenehmen Fragen und Diskussionen zu stellen! Die alte Dame könnte ich ignorieren, den Jugendlichen zusammenscheißen, beim Prof. könnte ich die Behindertenbeauftragte hinzuziehen. Als die Lösungen finde ich wenig ziehlführend. Sie stehen einer Modernisierung im Wege.

Wenn ich mit der Dame über Mitleid und Behinderung ins Gespräch komme, kann ich in ihr vielleicht Denkprozesse anstoßen. Wenn ich dem Jugendlichen einen guten Spruch an den Kopf schmeiße, kommt vielleicht was in Gang. Wenn ich mich dem Prof. selbstbewusst gegenüberstellen kann, kann ich …

Man muss manchmal seine Erwartungen klar (an Andere) formulieren!  Man muss manchmal irritieren und provozieren! Man musssich manchmal unangenehmen Diskussionen (für sich und andere) stellen! So kann man Bilder über Menschen mit Behinderungen dekonstruieren. So stellen sich die Betroffenen in den Mittelpunkt. So wird Behinderung im Privaten de-tabuisiert.

Advertisements

2 Antworten to “Behinderung, Modernisierung und das Private”

  1. tinyentropy April 6, 2013 um 16:50 #

    Es bleibt nur die Hoffnung, dass die Gesellschaft sich fortentwickelt und dass jedes einzelne Gespräch, jede Klarstellung bzw. Provokation sich einfügt in diesen Lernprozess und ihn voranbringt. Mit dem Ziel, dass es irgendwann eine Normalität darstellt.

    Momentan sind all diese Mühen wohl nötig, um dahin zu kommen. Das ist das Schicksal von menschlichen Gemeinschaften. Sie entwickeln sich langsam und ungleichmässig. Aber ich verstehe Dich so, dass Du meinst, dass wir auf einem guten Weg sind, auch wenn er noch voller Schwierigkeiten für die Betroffenen ist. Richtig!?

    • marien86 April 6, 2013 um 23:09 #

      Ich meine vor allem, das die Initiative auch bei uns liegt. Es gibt einige Betroffene, die so sehr überzeugt sind, dass sie integriert sind, dass sie einigermaßen irritiert sind, wenn dem nicht so ist. Es gibt dann kein Verständnis für die andere Seite. Es wird erwartet, dass die Gegenseite, das richtige Verhalten an den Tag legt. Wie soll man als Sehender wissen, wie man sich gegenüber einem Blinden verhalten soll? Sich in die Ecke zu stellen und zu schmollen hilft auch Niemanden. Wir müssen von uns aus das Gespräch suchen, müssen unsere Erwartungen formulieren: höflich, unvoreingenommen, verständnisvoll. Wir verringern die soziale Wirkung des „behindert werdens“ wenn „wir“ es thematisieren.

      Und zu den vielen Schwierigkeiten: die haben Homo-, Transsexuelle und Leute mit ausländischen Wurzeln auch. Minderheitenproblem eben. Es hat sich aber auch viel getan. Alleine in den letzten zehn Jahren ist viel passiert. Modernisierung geht immer auch vom Individuum aus, eine bessere Gesellschaft, sie liegt an uns!

      Gruß, David Marien

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: