Die enthemmte Seite der Wissenschaft? Eine Antwort.

18 Mai

Hallo alle Miteinander,

ja, dass Wissenschaftler nicht immer für das Beste (für die  Spezies Mensch, den Planeten Erde) tun, wissen wir, spätestens, seit es die Schrift gibt. Nun wies tinyentropy in seinem Artikel „Die enthemmte Seite der Wissenschaft“ auf das mögliche Klonieren von Menschen hin:

Das Klonen von Menschen ist möglich und noch entscheidender ist,dass wir jetzt wissen,wie es geht.Ein großer Tag für die Wissenschaft?In erster Linie ist es ein Tag der Entzauberung des Menschen.Wie ich gestern in der Zeit lies,”der Mensch ist also doch ein Tier und lässt sich ebenso klonen”

Schon der antike Platon sah den Menschen als Tier an. Das die „Zeit“ nun die Möglichkeit der Klonierung als eine Eigenschaft des Tierischen definiert, zeigt nur unsere seltsame Vorstellung von uns Selbst. Und: warum sollte nun ausgerechnet die Technik der Klonierung den Menschen entzaubern? Ist nicht die begrenzte Rationalität des Menschen oder seine mangelnde Triebkontrolle seine Entzauberung? Was ist mit Ideologien und Religionen, die an sich selbst scheitern? Was ist mit sozialen Beziehungen, die brechen?

.Auch als nicht religiöser Mensch bedauere ich,dass wir die Möglichkeit geschaffen haben menschliche Individuen zu kopieren.Es ist ein vielfältiger Missbrauch dieses Wissens im Zusammenhang mit allen anderen Verfahren der Gentechnik möglich und einzig die zarte Stimme der Moral steht diesem Missbrauch in Zukunft entgegen.Nun besitzt die Moral bereits das Problem nicht universell verstanden zu werden,sondern der jeweiligen Deutungshoheit zu unterliegen.In einer Welt der weltweiten kompetitiven Forschung finden sich daher immer Wege vorbei an der Mehrheitsmoral.

Auch Staaten, Gewaltmonopole, Sozialkapital, soziale Beziehungen im Allgemeinen, können missbraucht werden, werden missbraucht. Ich will gar nicht abstreiten, das wir eine andere Stufe des Missbrauchs erreicht haben. Aber schon mit der Atombombe sind wir auf dieser Stufe angelangt. Die Etablierung von „Weltmächten“ hat ebenfalls zu Missbräuchen von neuer Qualität geführt Soviets, US-Amerikaner und Briten haben ihr technisches, soziales und ökonomisches Wissen eben auch missbraucht. Dessen Qualität und Quantität ist bis heute spürbar.

Ja, es ist einerseits kreditwürdig, dass es keine universale Moral gibt. Auch der anderen Seite ist dies auch vorteilhaft. Ich will ein hinkendes Beispiel anfügen: ist es für einen Vertreter einer Steinzeitgesellschaft vertretbar, wenn Menschen in die Bronzezeit voranschreiten wollen? Was ist den nun das gute Leben? Der Status-Quo-Erhalt, der Gewissheit bringt oder der Fortschritt der Unsicherheit induziert?  Moral und Ethik sind Aushandlungssache! So komisch es klingt: erst Diejenigen, die ihre Grenzen überschreiten, machen sichtbar wo die Grenzen sind.  Ich möchte auch weiterhin, dass über Ethik und Moral diskutiert werden kann!

Deshalb reduziert sich die Betrachtung auf die ethischen Regeln,die innerhalb der Wissenschaftsgemeinschaft selbst gelten. Und hier kommt mir der Arte-Beitrag “Mengeles Erben” in den Sinn,der vorgestern ausgestrahlt wurde.Die Befunde der Untersuchungen waren über alle Maßen erschreckend.Denn nicht nur die Nazis haben an ihren Opfern abscheuliche Untersuchungen im Namen der Wissenschaft gemacht,sondern nachfolgend auch die Japaner,Amerikaner und Russen.Und zwar in einem Ausmaß an Skrupellosigkeit,der mich fassungslos machte.

Wenn ich den Tiny trollen wollte, würde ich ihm Naivität unterstellen. Selbst die alten Griechen hatten eine Vorstellung vom perfekten Menschen. Hätten sie unsere Technik gehabt, hätten sie sie angewendet, für die Erreichung des Ziels, mit allen Mitteln.

Es wurden Menschen bei vollem Bewusstsein Teile ihres Körpers geöffnet und entfernt oder schreckliche Qualen angetan. Es würde mich nicht wundern,wenn dies in den Foltergefängnissen im Irak noch heute passiert.Diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurden im großen Stil begangen.In China,in der Manschurei,sollen bis zu 10.000 Japaner im Apparat dieser militärischen “Medizinabteilung” beschäftigt gewesen sein.Immer finden Wissenschaftler gute Gründe,um ihr Moralempfinden außer Kraft zu setzen.

Ja, hier werden eindeutig Grenzüberschreitungen aufgezeigt. Auch Wissenschaftler sind Kinder ihrer Zeit und ihrer Ideologie. Wissenschaftler sind aber auch Menschen. Einige Menschen würden alles geben, für ein wenig Beachtung. Der Drang nach Beachtung, nach Aufmerksamkeit ist wahrscheinlich die stärkste Triebfeder menschlichen Handelns. Und sie ist seine Achillesferse.  Leider.

Wenn so etwas möglich ist,dann muss man sich schon die Frage stellen,wie man das Klonen regulieren kann.

Diese Frage nach Regulation stellt sich bei so vielen technischen und sozialen Errungenschaften. Das Klonen von Organen und -bestandteilen  bietet aber auch Möglichkeiten. Wie bei der Atomenergie muss man sich was einfallen lassen. Man wird sich was einfallen lassen. Ob dies dann passt, das steht – wie immer – auf einem anderen Blatt.

Hier zeigt sich ein Grundproblem der Wissenschaft: Grundlagenforschung ist wie unbekanntes Land entdecken. Man weiß nie, was auf der Karte stehen wird. Wir werden zwangsläufig auf Erkenntnisse stoßen, die ethische und moralische Fragen aufwerfen. Nicht die Wissenschaft ist enthemmt, unsere begrenzte Rationalität gaukelt uns Wege vor, die in die Enthemmung führen. Viele Menschen sind dem Nationalsozialismus gefolgt, weil er einfache Weltbilder, einfache Lösungen vorgaukelte.

Wir müssen, um mit Berger/Luckmann zu argumentieren, auf die Alltagswelt bzw. die symbolische Sinnwelt einwirken. Unser Alltag und der Wissenschaftsbetrieb sind voll von Symbolen, die Sinn stiften: Titel, Prozesse, Verhalten, (nicht-wissenschaftliches) Wissen. Diese so konstruierten, verinnerlichten Sinnwelten müssen so verändert werden, dass man sich in Wissenschaft und Alltag darüber bewusst wird, dass es Grenzfälle gibt. Diese benötigen etwas mehr Hirnschmalz als wir vermuten.

[Ergänzung, damit meine Argumentation vielleicht klarer wird]

Es wird immer so getan, als gäbe es Positionen, die unumstößlich sind. Aber nichts ist unumstößlich! Eine Gesellschaft muss immer abwägen, sie muss aber auch gewisse Dilemmata akzeptieren, die ihre Existenz aufwirft. Dies ist eben keine Rechtfertigung, alles tun zu dürfen was man will. Wenn man Positionen dogmatisch betrachtet, droht, die positive Intention der Position sich ins negative umzukehren. Die Intention einer klassenlosen Gesellschaft; die Intention, den perfekten Menschen schaffen zu wollen, soll etwas positives induzieren. Erhebt man diese Positionen zu Dogmen (oder die Gegenpositionen) sehen wir die negative Wirkung.

Also: ich halte für Quatsch zu argumentieren, wir dürften Schweine klonen, Menschen aber nicht! Menschen dürfen nicht geklont werden, weil diesem Vorgang ein Missbrauchspotential innewohnt. (wie auch bei Atombomben) Wenn wir aber Organe für gesundheitliche Zwecke klonen, was ist daran auszusetzen? (wie bei der radioaktiven Strahlung für med. Zwecke)

Ich möchte viel eher am konkreten Zweck einer Sache argumentieren, als über abstrakte philosophische Thesen, die kaum beweisbar sind. So würde, denke ich, auch Kant argumentieren. Wenn wir Gott nicht beweisen können, dann lassen wir es bleiben. Überlegen wir lieber, wie wir mit ethischen Grundregeln Gesellschaft organisieren können (kategorischer Imperativ).

Denken und theoretische Konstrukte sollten so kompakt wie möglich konstruiert werden. Sie sollten an in der Empirie messbar und anwendbar sein. Ich meine, die Frage, in welcher Beziehung wir zu Tieren stehen, ist irrelevant für die Antwort, ob wir ganze Menschen duplizieren sollten. Das  Missbrauchspotenzial sollte genügend Argumentationshilfe bieten.

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5 Antworten to “Die enthemmte Seite der Wissenschaft? Eine Antwort.”

  1. tinyentropy Mai 19, 2013 um 12:59 #

    Hallo David!

    Ich finde man merkt Deiner Antwort an, dass Du jede meiner Aussagen relativieren möchtest und dies auch sehr geschickt tust. Aber worauf läuft Deine Argumentation hinaus? Oder anders gefragt, wem nützt das Abrücken von pointierten Positionen? Was bleibt dann noch?

    Klar ist der Mensch ein Tier, zumindest steht er in einer evolutionären Ahnenreihe des Tierischen und verhält sich oftmals animalisch. Und doch macht es für mich, und ich stehe in Bezug zum Feld der Genetik, noch einen Unterschied, ob ein Schwein oder ein Mensch geklont wird. Das mag damit zusammenhängen, dass wir den Tieren gemeinhin keine Charakterzüge zu trauen und wäre es darauf begründet, wäre mein Argument sehr schwach. Denn Tiere haben Charakter. Das ist meiner Meinung nach unbestreitbar. Aber ein Mensch zeichnet sich meiner Meinung nach durch sein autobiographisches Gedächtnis aus. Wie auch immer, das sind Feinheiten, die wir hier nicht klären können. Aber ich stehe sicher nicht alleine, wenn ich sage, dass einen Menschen zu klonen eine höhere moralische Hemmschwelle überschreitet, als ein Schwein. Wenn Du das relativierst, heisst das, dass Du es nicht so siehst?

    Dass die Griechen es uns gleich und nicht besser gemacht hätten ist kein Argument dafür, dass sie oder wir das richtige tun. Es ist bloß ein Vergleich, der aber keine Rechtfertigung begründet.

    Es grüsst Dich, Dein geschätzter Kollege,
    tinyentropy

    • marien86 Mai 19, 2013 um 14:24 #

      Hallo tinyentropy,

      ich wollte dich ein wenig provozieren! Ich will das Klonieren von Menschen doch gar nicht rechtfertigen, und das weißt du auch. Es geht auch gar nicht um das Klonieren – an sich – sondern darum, wie wir mit unseren Errungenschaften umgehen. Ich kann Klon-Armeen kreieren oder Organe für Transplantationen, Ich kann Atombomben bauen oder die radioaktive Strahlung therapeutisch nutzen …

      Es wird immer so getan, als gäbe es Positionen, die unumstößlich sind. Aber nicht ist unumstößlich! Eine Gesellschaft muss immer abwägen, sie muss aber auch gewisse Dilemmata akzeptieren, die ihre Existenz aufwirft. Dies ist eben keine Rechtfertigung, alles tun zu dürfen was man will. Wenn man Positionen dogmatisch betrachtet, droht, die positive Intention der Position sich ins negative umzukehren. Die Intention einer klassenlosen Gesellschaft; die Intention, den perfekten Menschen schaffen zu wollen, soll etwas positives induzieren. Erhebt man diese Positionen zu Dogmen (oder die Gegenpositionen) sehen wir die negative Wirkung.

      Also: ich halte für Quatsch zu argumentieren, wir dürften Schweine klonen, Menschen aber nicht! Menschen dürfen nicht geklont werden, weil diesem Vorgang ein Missbrauchspotential innewohnt. (wie auch bei Atombomben) Wenn wir aber Organe für gesundheitliche Zwecke klonen, was ist daran auszusetzen? (wie bei der radioaktiven Strahlung für med. Zwecke)

      Ich möchte viel eher am konkreten Zweck einer Sache argumentieren, als über abstrakte philosophische Thesen, die kaum beweisbar sind. So würde, denke ich, auch Kant argumentieren. Wenn wir Gott nicht beweisen können, dann lassen wir es bleiben. Überlegen wir lieber, wie wir mit ethischen Grundregeln Gesellschaft organisieren können (kategorischer Imperativ).

      Denken und theoretische Konstrukte sollten so kompakt wie möglich konstruiert werden. Sie sollten an in der Empirie messbar und anwendbar sein. Du hast selbst eingeräumt, das dir dies – in diesem Fall – nicht gelungen ist. Ich meine, die Frage, in welcher Beziehung wir zu Tieren stehen, ist irrelevant für die Antwort, ob wir ganze Menschen duplizieren sollten (Missbrauchspotenzial).

      Gruß, David

      • tinyentropy Mai 20, 2013 um 12:21 #

        Mich beschäftigt die Frage, ob die Verwendung von neuer Technik abseits der moralischen Grenzen eine Ausnahme darstellt, oder beinahe mit Gewissheit geschehen wird, weil wir Menschen grundsätzlich keine Regeln akzeptieren können – zumindest in dem Sinne, dass es bei der Vielzahl von Interessen, Charakteren und Geisteszuständen auch immer solche Menschen geben wird, die die Grenzziehung nicht akzeptieren wollen (der Typus „wahnsinniger Wissenschaftler“). Meine Befürchtung ist, dass wir Missbrauch sogar erwarten, nicht bloß befürchten müssen. Daran schliesst sich die Frage an, wie wir die Gesellschaft in dem einen oder anderen Fall schützen müssen. Wie geht man mit dem Restrisiko um?

        Wenn nun eine Technik eine so grosse Gefahr in sich birgt, dass sie eigentlich kein einziges mal unkontrolliert angewendet werden darf, liegt eine Situation vor, mit der wir sorgfältig umgehen müssen. Falls die Annahme zutrifft, dass die Gefahr der Anwendung unausweichlich ist, wegen der menschlichen Komponente, was dann? Hier zeigt sich, dass wir nachdem die Katze aus dem Sack ist, kaum noch die Möglichkeit haben die Gesellschaft zu schützen. Es ist dann schon zu spät, um aufzuhören. So wie das mit den Atombomben der Fall ist. Also bleibt meine einzige Hoffnung, dass ich mich bei der Einschätzung des Verhaltens von Menschen irre. Ansonsten sehe ich schwarz, denn wir entdecken immer gefährlichere wissenschaftliche Anwendungen.

      • marien86 Mai 20, 2013 um 15:37 #

        Wenn man deinen Gedanken weiter denkt, müsste man ab heute Wissenschaft einstellen. Wenn wir immer gefährlichere wiss. Anwendungen entdecken, die wir nicht mehr angemessen kontrollieren können, dann wäre dies die einzige „allgemeine Maxime von der du wollen kannst, dass sie allgemeines Gesetz werde“ (Kant)

        Kann dies aber allgemeines Gesetz werden, wenn wir damit auch „gute“ wiss. Anwendungen vermeiden? Bei einer neuen wissenschaftlichen Erkenntnis kann man ihre „moralische Güte“ ja nicht im Vorhinein abschätzen. Wie gesagt, man müsste Wissenschaft prophylaktisch einstellen -> allg. Gesetz? Dein Gedanke provoziert geradezu eine (gut gemeinte) Dogmatisierung. In fast schon hegelianscher Manier, könnte man ableiten, dass (ohne Einstellung der Wissenschaft) die Welt zugrunde gehen wird. Der Mensch kann seine wiss. Anwendungen nicht mehr kontrollieren und wird zwangsläufig den Planeten zerstören.

        Gegenthese: dass der „warme Krieg“ verhindert wurde zeigt, dass eine Kontrolle wiss. Anwendungen durchaus möglich. Diese These hilft nicht für Prognosen. Wenn wir weitere empirische Belege für die Verwendung solcher ähnlichen Anwendungen sammeln, können wir vielleicht eine Prognose wagen. Das Dilemma der Wissenschaft bleibt aber bestehen: jede Erkenntnis kann dazu genutzt werden um Konstruktion oder Destruktion zu stiften. Weil wir eben keine Götter sind, die vollständige Rationalität, Wissen und Verarbeitungskapazitäten besitzen, können auch gut gemeinte wissenschaftliche Experimente (mit starken Risiken/Auswirkungen) großen Schaden anrichten. Wir können die nicht-intendierten Ergebnisse eben nicht intendieren, weil wir keine Götter sind.

        Du siehst: wirklich widerlegen kann ich deine These nicht. Aber Wissenschaft sollte man deswegen ja auch nicht gleich einstellen. Dieses Dilemma bleibt so lange unlösbar, bis der Mensch zu Gott wird. Wir müssen eben alles und nichts in Betracht ziehen.

        Gruß, David

  2. tinyentropy Mai 21, 2013 um 17:52 #

    Hoffen wir einfach, dass ich mich täusche!

    LG

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