Die neue Seifenoper in der SPD: die Steinbrücks

22 Jun

Hallo alle Miteinander,

als ich letzte Woche Sonntag Phoenix geschaut habe, bin ich auf die Live-Übertragung des SPD-Konvents gestoßen. Eigentlich wollte ich schon weiter schalten, es drohte ja übliche Gedöns. Als aber angekündigt wurde, es gäbe etwas neues, wurde ich hellhörig: eine Talkshow sollte mit Peer Steinbrück und seiner Frau abgehalten werden. (Video auf Youtube)

Es wurde persönlich. Frau Steinbrück sollte die emotionale Seite ihres Mannes darstellen, es scheint ihr gelungen zu sein (Spiegel-Online Kommentar). Jetzt mag man argumentieren: Emotionalisierung gab es im Wahlkampf schon immer! Wo ist die Neuigkeit? Ich meine: hier zeigt sich die Enge, in die die SPD und ihr Kanzlerkandidat getrieben wird. Denn mal ehrlich: wer zerrt seinen Ehepartner schon in so ein Event, wenn es nicht unbedingt notwendig ist?

Hier zeigt sich anschaulich, was der frz. Philosoph Pierre Rosavanllon mit „Präsenz“ meint: es geht um  eine  Empathiebekundung, die in einer parteipolitischen Auseinandersetzung die eigene Position stärken soll. Frau Steinbrück soll Empathie erzeugen, sie soll es „menscheln“ lassen. Sie dient als Instrument in der parteipolitischen Auseinandersetzung. So wie Seifenopern den Sinn haben ein passendes Umfeld für passende Radio- und Fernsehwerbung zu etablieren, so soll diese Talkshow das passende Umfeld für die Bundestagswahl schaffen. Es geht im Kern also um Werbung und nicht um Argumentation. Denn das Wecken der Emotion ist etwas anderes, als Argumente in den Diskurs einzuwerfen.

Politische Parteien argumentieren natürlich auch, sie nutzen Parteiprogramme als ihre Basis. Die Frage ist nur: wie viele Wähler lesen sich das durch? Die Parteien holen die Leute da ab wo sie stehen. Ob es hier um „Ansprache“ an den Wähler oder an den SPD-Genossen geht ist hier sogar zweitrangig. Genossen sind ja auch nur Menschen, die für einen Kandidaten werben wollen, der als „einer von ihnen“ erscheint.

Dem gegenüber setzt Rosavanllon den Begriff der Präsenzpolitik: sie ist  eine Empathiebekundung, die, hilft Konflikte
zwischen konkurrierenden Erfahrungen zu regeln (mindern). Wo ist hier der Unterschied? Bei der Steinbrück-Talkshow sollte Empathie erzeugt werden, um sich von Merkel abzugrenzen „Seht her, der Steindrück ist gar nicht so kühl wie die Kanzlerin“. Genau das ist bloße Präsenz. Präsenzpolitik wäre, wenn die Politiker der unterschiedlichen Parteien, in welcher Form auch immer, den Eindruck erwecken (wollen) würden, alle Politiker seinen Menschen, die ihren Job gut machen. Genau dies ist gar nicht der Sinn von Wahlkampf! Der Konkurrent soll abgewertet werden, damit man selbst besser dasteht. In Wahlkämpfen werden Konflikte zugespitzt und nicht gemindert. Genau vor diesem Hintergrund muss diese Talkshow gesehen werden.

Es ergibt sich sofort ein weiteres Problem: Menschen sind nicht dumm! Sie erkennen die Inszenierung. Das bedeutet nicht, dass Präsenz (hier die Talkshow) ihre Wirkung verliert. Sie sinkt nur ab. Je mehr man es menscheln lässt, desto geringer wird die Empathiewirkung. Es muss also ein Mittelmaß gefunden werden.

Parteien sind im Allgemeinen in solche Fallen der Mittelmäßigkeit gefangen. Sie müssen Präsenz zeigen, Empathie erzeugen, um „am Leben“ zu bleiben. Andererseits sind Parteien keine Menschen. Sie haben einen Zweck: sie sollen bestimmte Dinge durchsetzen. Bestimmte Personen in den Vordergrund zu rücken, kann der Organisation  Partei eher schaden. Außer Spesen (Steinbrück) ist eben nichts gewesen (Kanzlerschaft). Frau Merkel wird ganz entspannt bleiben. Empathie oder nicht ist hier gar nicht so wichtig.

Literatur: Rosavanllon, Pierre: Demokratische Legitimität Unparteilichkeit Reflexivität Nähe.
Hamberger Edition, Hamburg 2010 S. 209 – 250

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: