Ratio oder emotio? Für ein gesundes Mittelmaß!

29 Jun

Hallo alle Miteinander,

wenn Einige hier meine Texte lesen, werden diese Leser vielleicht denken, ich sei ein eher rationaler Mensch. Ja ich bin Jemand,  der die Welt aufmerksam und analytisch betrachtet. Ich reflektiere mein Handeln, ich lasse Andere daran teilhaben. Wirke ich dabei entfremdet, arrogant oder gar gefühlskalt?

Ich würde mich selbst als emotionalen Mensch bezeichnen. Wenn ich wirklich wütend oder enttäuscht bin, muss ich darauf achten, dass man mir dies eben nicht anmerkt. Mir gehen die Ungerechtigkeiten der Welt durchaus nahe. Muss ich mich doch fragen warum ausgerechnet ich offensichtlich behindert bin? Warum wurde ich nicht in eine Millionärsfamilie hineingeboren? Warum wurde ich nicht in den 1950ern geboren, wo ich am Wirtschaftswunder und der Deutschland AG partizipieren könnte? Warum bin ich mit einer Welt konfrontiert, wo Krieg, Hunger, Armut, Ausgrenzung und Ungerechtigkeit existiert? Warum, warum…

Man merkt schon: diese Fragen können einen in Depressionen stürzen. Allein die Frage, warum „ich“ behindert bin, bietet genug Depressionspotential. Und nun? Der ausschließliche Bezug zu Gefühlen, zu Empathie würde unser Leben verunmöglichen. Wie können wir unsere Existenz da rechtfertigen?

Auch die andere Seite wirkt wenig anziehend: die Welt als Zahnradgetriebe, wo alles Sinn ergibt. Krieg, Hunger, Armut, Ausgrenzung und Ungerechtigkeit als Ergebnisse rationalen Handelns. Und falls nun jemand entgegnet, dieses Handeln sei doch irrational, würde ich mir genug Mühe geben, könnte ich alles rational betrachten. Es geht hier auch nur um das Können, ob die Welt wirklich so funktioniert ist ne andere Frage…

Die Vorteile dieses Konzeptes wirken auf den ersten Blick bestechend: man kann ja alles objektivieren! Man kann alles von sich wegschieben. Die großen Räder werden woanders gedreht. Emotion würde hier nur hinderlich sein, weil sie Irrationalität produziert. Warum soll man mit dem armen chinesischen Wanderarbeiter mitfühlen? Wir brauchen ihn doch für unsere Konsumwelt!

Auf den zweiten Blick entpuppt sich dieses Konzept als fatal, denn: warum soll die Friseur/in mehr als 2,50 verdienen? Es herrscht doch Marktwirtschaft! Rationalität ist nur ein Mittel zum Zweck. Sie ist nicht das gute Leben, sie ist ein Werkzeug, das zum guten Leben führen kann.

Was ist nun das gute Leben? Ist Emotionalität der Schlüssel dazu? Wie oben schon geschrieben, wenn man sich vollständig darauf bezieht, wird das Leben eben nicht gut. Emotion kann aber als eine Art Kompass dienen. Das Empfinden nach Gerechtigkeit zeigt diese Kompassfunktion. Was nutzt aber der Kompass, wenn man nicht gelernt hat, mit ihm zu navigieren? Was Gerechtigkeit ist, das muss definiert werden. Philosophen, Ökonomen, Politikwissenschaftler, sie alle beschäftigen sich rational mit dem Thema Gerechtigkeit. Sie nutzen den Kompass um den derzeitigen Standort zu finden. Leute werden argumentieren, es zähle nicht der gegenwärtige Standort (Wissenschaft) sondern der Kompass (Gerechtigkeit), und umgekehrt. Hier wird klar: Wir können Rationalität und Emotionalität nicht voneinander trennen. Sie ergänzen sich.

Auch im Alltag wird ein Schuh daraus. Ich kann darüber verzweifeln, dass ich behindert bin. Ich kann mir aber auch klar machen, das es bestimmte Gründe gibt, die zu meiner Behinderung geführt haben. Niemand ist perfekt da draußen, Zufall sei dank. Dem Einen fehlt Geld, dem Anderen die Partnerin, ein weiterer ist krank… Rationalität, wird mein Gerechtigkeitsempfinden nicht verändern. Jedoch kann ich mit ihr eine Landkarte erstellen, ich kann mich verorten. Ich kann fragen, gehts mir wirklich so scheiße?

Wenn ihr also meine Artikel lest, so sind sie eben nicht losgelöst von meiner Emotion. Wenn ich geradezu über Themen doziere, dann tue ich dies eben nicht, um mich von meinen Gefühlen zu entfernen. Ich trage sie in eine Karte ein, ich sortiere sie, ich reflektiere sie.

Nur weil Jemand seine Welt aus einer wissenschaftlichen Perspektive betrachtet ist er nicht per se gefühlskalt. Wissenschaft braucht Gefühl – Gefühl braucht Wissenschaft! Wer das gute Leben will, der muss ratio und emotio beachten.

   

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