Der Sinn des Lebens, Buchstabensalat und was das alles mit Wahrnehmung zu tun hat.

17 Aug

Hallo alle Miteinander,

Tinyentropy überschrieb einen kürzlichen Artikel mit: „Der Sinn des Lebens„. Tja, solche Titel wirken auf mich sehr anregend. Obwohl dahinter nur eine kleine Alltagsbeobachtung steckt, is ne ganze Menge drin.

Buchstabensalat

Zuerst ein kleiner Exkurs: Man nehme einen Goethe-Text, irgendeinen. Der besteht aus Buchstaben, Worten, Sätzen und Absätzen. Nun hat jede Sprache so an sich, dass bestimmte Kombinationen von  Buchstaben eine sinnhafte Einheit ergeben: man nennt das Wort. Allein alle Buchstaben-Kombinationen einer zweier Zeichenkette gehen in die Hunderte. Dagegen gibt es nur wenige Worte mit zwei Buchstaben. Ein aussagekräftiger Satz kann nur entstehen, wenn Worte auf eine bestimmte Art und Weise kombiniert werden. Nicht jede Kombination von Sätzen ergibt  aussagekräftige Absätze. Dieses Muster kann man für Texte und Literatur weiter fortführen.

Kurz: Literatur ist eine Teilmenge aller möglichen Texte. Texte sind eine Teilmenge aller möglichen Absätze. Absätze sind nur…

Man nehme jetzt einen Supercomputer. Er soll Buchstaben-Zeichenketten verschiedener Länge kombinieren, per Zufall. Ferner soll er per Zufall alle möglichen Buchstaben-Kombinationen einer Zeichenkette ausspucken. Wir erhalten jede Menge  Buchstaben-Kombinationen und Zeichenketten, kurz: Buchstabensalat. Wenn meine obigen Ausführungen stimmen und wenn der Computer genügen Zeit zum Rechnen hat, dann müsste er den Goethe-Text ausspucken per Zufall. Denn der Goethe-Text – jeder beliebige Text – ist nur eine Kombination von Buchstaben und -ketten.   Man muss nur lange genug Buchstaben und -ketten miteinander kombinieren.

Vom Buchstabensalat zur Sinnhaftigkeit

Durch Zufall kann man also Weltliteratur produzieren. Sie ist aber „sinnlos“. Der Zufall generiert keinen Sinn. Weltliteratur wird nur von ihrer Welt verstanden. Texte müssen immer auch vor dem kulturell-sozial-historischen Kontexte interpretiert werden. Das lernt jeder Schüler. Die Kombination von Aminosäuren in den Zellen ist – an sich – auch sinnlos. Die Erkenntnis, das wir leben, zwingt uns mit dem Leben umzugehen. Ameisen folgen ihren Instinkten. Ich gehe nicht davon aus, dass sie sich nicht reflektieren können. Sie sind die Zahnräder im Getriebe, ihre Instinkte machen etwas mit ihnen. Sie sind Objekte.

Von der Sinnhaftigkeit zur Wahrnehmung

Philosophen und Soziologen haben schon vor Jahrzehnten erkannt, dass unsere Sinnhaftigkeit nur konstruiert ist. D. h. je nach Gesellschaft (deren Religion, tech. Entwicklungsstand, Philosophie) ergeben sich unterschiedliche Formen von Sinnhaftigkeit.

Klar, jemand der als Jäger und Sammler sozialisiert wurde, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit diese Existenz als sinnhaft ansehen. Die Götter haben es ja so gewollt! In jeder Gesellschaft gibt es aber auch Menschen, die diese „Basis-Sinnhaftigkeit“ in Frage stellen.

Konstruktivistisch argumentiert, ist alles konstruiert. 🙂 Menschen definieren Sinnhaftigkeit um sich sozial zu positionieren.
Wer zwischen verschieden Alternativen wählen kann, braucht Filter. Die Frage, welche Alternative die (soziale) Wahrnehmung (durch Andere) erhöht, kann als  Filter dienen. Im derzeitigen philosophischen Diskurs wird dieser Filter als der wichtigste angesehen.  Charles Taylor mit seiner „Soziologie der Anerkennung“ ist hier erwähnenswert.

Pierre Rosanvallon zielt mit der „Legitimität der Nähe“ (in der politischen Theorie) auch darauf ab.
Bei Rosanvallon geht es um die Beobachtung, dass Politiker seit Jahren immer stärker die PR-Maschine an-schmeißen. Dies sichert ihren Erfolg. Was hat all das mit Wahrnehmung tun?
Was Politiker und uns alle verbindet ist, dass wir wahrgenommen werden wollen. Natürlich unterscheiden sich Qualität und Quantität dieser erhofften Wahrnehmung. Politiker reagieren auf dass, was als sinnhaft erachtet wird. Das heißt nicht, dass sie in unseren Sinne handeln. Das heißt nur, dass eine (re)Aktion stattfindet

Ich kann die Frage nach dem „Sinn des Lebens“ also ganz leicht beantworten. Er besteht darin, Wahrnehmung zu generieren. Da sich diese Wahrnehmung qualitativ und quantitativ unterscheidet, kann jeder Mensch seine ideale Menge der Wahrnehmung definieren.
Dieser ganze „Budenzauber“ den Buddhismus bzw. Esoterik produziert ist nur eine Modeerscheinung (unserer westlichen Gesellschaft). Er ist nur eine gegenwärtige, lokale Definition von Wahrnehmung.

Zufall kann viel produzieren. Vielleicht sogar „die beste aller Welten„. Aber das Beste im Sinne eines guten Lebens, das muss wahrgenommen werden. Mittelmaß kann ja auch sein, seine Wahrnehmung in die Mitte zu öffnen. Weniger gute Erfahrungen sind genauso sinnhaft wie gute Erfahrungen. Sie ermöglichen uns das Gute zu messen.Es gibt also einen mittelmäßigen, individuellen und begrenzten Sinn des Lebens. Einen absoluten, vergesellschafteten und entgrenzten Sinn des Lebens kann es nicht geben

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4 Antworten to “Der Sinn des Lebens, Buchstabensalat und was das alles mit Wahrnehmung zu tun hat.”

  1. tinyentropy August 18, 2013 um 18:33 #

    Ist es so einfach!? Kann ich mir den Sinn beliebig selbst konstruieren? Bleibt dabei nicht das Problem, dass ich am Ende an mein Konstrukt glauben muß, um darin Trost über das Leid meiner Existenz zu finden!? Um bei Deinem Argument der Wahrnehmung zu bleiben. Ich brauche letztendlich wahrnehmbare Zeugnisse über die Richtigkeit meines Konstrukts. Die kann es aber der Natur der Sache gemäß nicht geben. Das Jenseits bleibt mir verschlossen. Einzig spirituelle Erlebnisse könnten solche Zeugnisse für mich darstellen. Und damit wären wir fast wieder bei der Religion, wo ich mich von den spirituellen Erlebnissen anderer mitreissen lasse, um darin Glauben zu finden.

    Sinn ist am Ende doch mehr als nur ein theoretisches Konstrukt. Es ist die wahrhafte (überzeugende) Wahrnehmung eines Zieles, eines höheren Zwecks, der mein Leben in einen Kontext setzt. Wir definieren uns sehr über unsere Sinne.

    • marien86 August 18, 2013 um 18:59 #

      Bleibt dabei nicht das Problem, dass ich am Ende an mein Konstrukt glauben muß, um darin Trost über das Leid meiner Existenz zu finden!?

      Ja, das ist ein philosophisches Grundproblem. Nur: Religionen generieren auch keine letztendlichen Zeugnisse. Sie sind Konstrukte, die soziale Komplexität reduzieren. Wir können nicht wissen, was nach dem Tode kommt? Religion bietet uns einen Glauben darüber an.

      Du sagst, wir definieren uns sehr über unsere Sinne. Nein, wir definieren uns über sozial-kulturell-historische Zusammenhänge. Sie ermöglichen uns Sinnhaftigkeit einzuordnen. Jemand, der in einer Jäger- und Sammlergesellschaft sozialisiert ist, wird seinen verstorbenen Ahnen dienen wollen. Er glaubt so fest daran, dass seine Ahnen in seiner Welt koexistieren, dass er bestimmte Naturereignisse interpretieren wird. Für ihn ist völlig klar, dass er seine Ahnen wahrnehmen kann. Er wird dir allerlei Erklärungen für diese Sichtweise bieten.

      Du hast ja selbst geschrieben: Sinn ist überzeugende Wahrnehmung. Menschen schließen sich bestimmten Überzeugungen an. Einige verinnerlichen bestimmte Thesen derart, das sie zu leben beginnen.

      „Warum klatschen Sie alle zehn Minuten in die Hände? Weil ich damit die Elefanten vertreibe Hier sind weit und breit keine Elefanten? Na sehen Sie!

      Was ist denn der praktische Sinn, tinyentropy?

      Gruß, David

      • tinyentropy August 18, 2013 um 19:35 #

        Der praktische Sinn!? Meinst Du damit unsere persönlichen Ziele, die uns täglich antreiben, so wie in meiner kleinen Geschichte über Herbert?

      • marien86 August 18, 2013 um 21:45 #

        Du hast doch geschrieben, dass „Sinn“ mehr ist als nur ein theoretisches Konstrukt.

        Vielleicht bin ich schon wieder etwas zu verkopft bei der Sache. Sinnhaftigkeit, Wahrhaftigkeit das sind alles Begriffe aus dem 18. Jahrhundert. Da wollte man das große Ganze finden, alles sollte allgemein erklärbar sein. Der Marxismus ist ein gutes Beispiel dafür. Der Sinn einer Gesellschaft liegt in der Erreichung einer klassenlosen Gesellschaft. Sie muss dass persönliche Ziel eines Jeden sein. Denn in dieser Gesellschaft hat jeder sein gutes Leben.

        Ich finde, Herbert ist eben ein Beispiel für eine Gegenbewegung. Herbert macht etwas, was ihm „Freude“ bringt. Die Leute nehmen ihn war. Niemand wird heute den Anspruch formulieren, dass wir so wie Herbert leben müssen. Es gibt keine Meta-Ziele mehr, die losgelöst von den Menschen konstruiert werden können.

        Ich muss Oma davon überzeugen, dass wir in einem Überwachungsstaat leben. Ich muss Bilder finden, die sie versteht. Ich muss mich in ihre Welt, in ihre Konstruktionen begeben. Sie ist eben keine naive alte Frau. Sie ist geprägt von bestimmten sozial-kulturellen Erfahrungen. Das prägt ihre Wahrnehmung, das prägt(e) ihren Sinn.

        Weil eben alles nur ein Konstrukt ist, weil man eben verschiedene Brillen aufsetzen kann, kann man überzeugen. Es gibt eine kleine Chance Oma zu überzeugen. Es gibt die Möglichkeit Begriffe neu zu besetzen, ihnen einen neuen Sinn zu geben.

        Ich bleibe bei meiner Frage tinyentropy, wenn „Sinn“ mehr ist als nur ein theoretisches Konstrukt, was ist dieser Mehrwert? Worin besteht er?

        Gruß, David

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