Wenn Herr Biedermeier anklopft.

31 Aug

Hallo alle Miteinander,

ich kenne auch den besten Freund meines Vaters. Ein patenter Mann, ist viel herum gekommen, hat viel erlebt und (für deutsche Verhältnisse) gut verdient. Nun ist er aus dem Ausland zurück gekehrt und bereitet sein „Nest“ vor. Er hat eine (für seine Verhältnisse) schlecht bezahlte Stelle im öffentlichen Dienst angetreten. Er sucht eine Wohnung, er möchte eine Familie gründen, mit den Freunden aus alter Zeit zusammen sein. Es ist eine Geschichte mit Happy End, so sieht es aus.

Er baut sich seine private Welt auf, die früher so vernachlässigt hat. Wer viel herum kommt findet kaum Zeit Wurzeln zu schlagen. Wer kaum Wurzeln schlägt, kann nur schwer Freund- und Bekanntschaften pflegen: die private Welt bleibt eine Ruine.

Daraus folgt ein Stück weit aber auch die Vernachlässigung der „öffentlichen Sphäre“. Was meine ich damit? Es ist sehr schwer sich eine private Welt der Freunde und Familie aufzubauen und gleichzeitig öffentlich (in welcher Funktion auch immer) aktiv zu sein. Diese öffentlichen Sphäre wird sogar etwas misstrauisch betrachtet: warum soll man sich mühen und ackern, wenn doch nicht viel übrigbleibt? Warum soll ich für Andere etwas tun, wenn ich mit dem eigenen Leben zu kämpfen habe? Kann ich selbst das moralische Vorbild sein, dass ich bei Anderen einfordere?

Der Bekannte moniert, in der Politik werde kaum noch die „Wahrheit“ gesagt. Wenn sie das wenigstens tun würden….

Er zielt damit vor allem auf die Auslandseinsätze der Bundeswehr, die derzeitigen Krisenlagen und dem Politikbetrieb im Allgemeinen. Wer will ihm da nicht zustimmen? Wer will nicht zustimmen, dass die politischen Parteien kaum noch unterscheidbar sind? Wer will nicht zustimmen, das die großen Fragen unangetastet bleiben?

Wir, die Bürger die dem Politikbetrieb gegenüber stehen, suggerieren, dass es dieses Gegenüber gibt. Natürlich: Bürger sind Nicht-Politiker. Ist das so? Wenn die Dominanz der politischen Parteien kritisiert wird: erdulden wir (die meisten) diese nicht? Wenn kritisiert wird, es würden Entscheidungen über unsere Köpfe hinweg getroffen: googeln wir nach den Referenten-Entwürfen im Netz? Wenn wir uns einerseits über die Regeln und Gebräuche des Politikbetriebes aufregen, wollen wir andererseits nicht auch, dass der Laden läuft, irgendwie?

Der Bekannte mokiert sich über die Piratenpartei. Dass ist sein gutes Recht, nur: was hat er seit 2009 von ihr mitbekommen? Ich selbst habe einige Skepsis gegenüber der Partei. Allerdings sehe ich auch die Probleme, mit der sie konfrontiert ist. Es ist sehr bequem, sich aus der massenmedialen Berichterstattung ein Urteil zu bilden. Damit man mich nicht missversteht: dies ist eine Beschreibung, keine Wertung. Es ist bequem, im Sinne von komplexitäts-reduzierend, wenn man sich berieseln lässt.

Will ich meiner Großmutter vorwerfen, warum sie sich nicht mit dem NSA-Skandal, Netzneutralität und Co. beschäftigt? Will ich ihr vorwerfen, warum sie sich ihre Wahlentscheidung, zuweilen, leicht macht?

Die Einen tun so, als müsse man mit voller Verve gegen die jetzigen Verhältnisse argumentieren. Die Anderen sitzen, in ihrer heimeligen Stube, im Sessel und lassen sich berieseln. Die Einen wollen die „gute Welt“ für alle, die Anderen wollen, dass der Garten schön hergerichtet ist. Die Einen wollen sklavenähnliche Verhältnisse in den Entwicklungsländern beseitigen, die Anderen wollen, dass ihre Kinder in gut ausgestatteten Gymnasien ihr Abitur machen.

Und nu?

Je älter ich werde, desto eher merke ich: der Biedermeier entwickelt sich in mir! Es entwickelt sich jene Flucht ins Idyll, ins Private, die ich bei dem Bekannten meines Vaters beobachte. Mit wachsendem Wissen und wachsender Erfahrung merke ich die Entzauberung des Menschen. Wir pendeln irgendwo zwischen der kühlen Rationalität eines Computers und der Emotionalität, der Triebhaftgkeit eines Tieres.

Ich war noch nie politisch oder anderweitig engagiert. Mit steigendem Alter wächst die Unlust, es tun zu wollen. Das Handeln der Leute, die sich an meiner Stelle engagieren mag „falsch“ sein. Aber ich nehme es hin, genauso wie das „gute“ Handeln. Ich nehme das Handeln Anderer nicht kommentarlos hin, ich lasse mich auch nicht zu plumper Kritik verleiten. Doch am Ende steht: Nicht-Handeln. Das habe ich mit Eltern, Familie und Freunden gemeinsam. Was uns unterscheidet: ich reduziere weniger Komplexität, ich bin mir meiner Rolle in der Gesellschaft bewusster.

Sie haben Herrn Biedermeier bereits ins Haus gelassen, bei mir klopft er noch an. Ich frage mich: wann werde auch ich die Tür öffnen? Wann es passiert weiß ich nicht. Dass es passiert, davon gehe ich aus.

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