Das syrische Dilemma

7 Sep

Hallo alle Miteinander,

ich habe neulich folgende Doku gesehen: Wie Syrien stirbt. Ein Kamerateam begleitet über längere Zeiten einen dortigen Widerstandskämpfer. Dabei wird eine interessante Wandlung des Mannes deutlich. Am Beginn der Doku war der ausgebildete Lehrer noch weltoffen, säkular und versuchte mit friedlichen Mitteln gegen das Assad-Regime zu protestieren. Dann aber, im Zuge der sich ausweitenden und verstärkenden Gewalt in seinem Land, radikalisiert er sich zunehmend.

einfache Wahrheiten

Er wird mehr und mehr enttäuscht von dem „Westen“. Er hat das Gefühl Niemand interessiere sich für die Situation in Syrien. Der Entschluss reift in ihm, selbst aktiv zu werden. Aktiv, im Sinne von, mit Waffen, mit Gewalt gegen das Regime kämpfen. Islamistische Strömungen bieten ihm mehr und mehr eine Heimat. Zwischen den Trümmern einer Heimat setzt sich eine Spirale, immer schneller, in Gang. Enttäuschung und Radikalisierung verändern den Protagonisten mehr und mehr. Es scheint, als ob sich gerade mehrere „verlorene Generationen“ herausbilden, die noch lange mit den Trümmern ihrer Heimat konfrontiert sein werden, egal wie lange dieser Krieg formal noch dauern wird.

Die Enttäuschung des Mannes ist nachvollziehbar. Wer erwartet denn nicht Hilfe, wenn die Heimat in Schutt und Asche vorsingt, wenn Regierungstruppen vermeidliche Oppositionelle massakrieren? Wer wird nicht enttäuscht und verbittert, wenn die Schuttberge weiter anwachsen, wenn die Erlebnisse mit Gewalt und Folter weiter zunehmen? Wer wendet sich nicht „vom Westen“ ab, wenn er nur wohlwollende Phrasen hört, aber keine Taten folgen?

komplexe Zusammenhänge

Leider ist die Situation doch nicht so einfach wie es scheint. Wahr ist, dass der Westen (inklusive Israel) das Assad-Regime viele Jahre lang geduldet hat. Es bot Verlässlichkeit in einem Pulverfass. Die Russen haben dort ihre Militärstation, alle insbesondere der Iran, haben ihr Auskommen. Der arabische Frühling kam für alle Beteiligten dort ungelegen. Die Russen fürchten, bei einem Regimewechsel würde ihre Militär-Präsens in Gefahr geraten. Israel fürchtet, dass , bei einem Regimewechsel der Nahost-Konflikt weiter angeheizt wird. Das Assad-Regime fürchtet seinen Sturz. Viele Minderheiten im Land fürchten um ihre Sicherheit. Der Westen fürchtet, dass dieser Staat mit einer starken Armee, nach einem Regimewechsel die Kräfteverhältnisse im nahen Osten verändert.  Der Iran möchte seinen Einfluss dort wahren, um jeden Preis!

Hätte der Westen, als die Proteste in Syrien aufkamen nichts gesagt, hätte er sich unglaubwürdig gemacht. Es geht in der Politik auch darum ein gewisses (Selbst)Bildnis zu pflegen, dass dieses nicht immer mit dem tatsächlichen Handeln nicht immer übereinstimmt ist eine Binsenweisheit.

Nun soll der Westen bzw. die USA dort eingreifen? Sollen sie Waffen an (potentielle) Dschihadisten liefern? Die Gemengelage dort kann doch dort Niemand wirklich beschreiben. Sollen die USA dort mit Truppen einmarschieren? Was sollen Luftangriffe bringen? Das Regime wäre dann abgeschwächt, aber weiter kampffähig.  Die Assad-Treuen werden um ihr Leben känpfen, wie auch die Gegenseite?

Ja, wir haben dort einen Giftgaseinsatz gesehen. Das ist schrecklich und unmenschlich. So zynisch es klingen mag: es ist scheißegal. Ein paar Flugzeuge und Raketen werden los fliegen und ihre Ziele zerstören. Vielleicht werden Unschuldige dabei getötet, vielleicht auch nicht. Es werden weiter Menschen aufeinander schießen: mit Maschinengewähren, mit Panzerfäusten, Granaten, Sprengsätzen und vielem mehr. Verbündete Staaten werden weiter Waffen, Geld und Kämpfer bringen.

Ein neuer Dreißigjähriger Krieg?

Vielleicht erleben wir gerade eine Situation, die Chronisten  nach uns als den „zweiten Dreißigjährigen Krieg“  bezeichnen werden: eine Abfolge zusammenhängender Kriege, wo es um Religion, Einfluss und Kurzsichtigkeit geht. Wie einst, die deutschen Fürstentümer so ist der nahe Osten heute der Ort von Stellvertreterkriegen. Wie einst Spanier, Franzosen und Schweden, so fechten heute der Iran, Saudi-Arabien, die USA und Andere mehr ihre Schlachten.

Vielleicht gilt heute wie damals: der Tipping-point ist überschritten, ein „gutes“ Handeln ist in diesen Konflikt nicht mehr möglich. Nicht-Einmischung ist moralisch verwerflich genauso wie Einmischung. Diplomatie bringt genauso wenig wie eine militärische Intervention. Vielleicht müssen sich Saudi-Arabien, die USA und Andere so verausgaben, vielleicht müssen sie so sehr mit dem Rücken zur Wand stehen, das echte Verhandlungen „alternativlos“ werden.

Ein Dilemma

Eines gilt auf jeden Fall jetzt schon: wir als Menschheit sind gescheitert! Nach all den Kriegen, die uns so geprägt haben, erdulden wir weiterhin solche Konflikte. Ja, wir wollen unsere Söhne und Töchter nicht dorthin schicken, dass ist verständlich und nachvollziehbar. Ja, dass Menschen über Trümmer, Leichen und Opfer weiter verbittern, sich weiter radikalisieren, sich weiter in dunkle Gedankenwelten verstricken – ist das nicht auch verständlich und nachvollziehbar?

Wie wir dieses Dilemma lösen, ich weiß es nicht.

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