Ein Briefkasten im Paradies: das Offshore-Business

19 Okt

Hallo alle Miteinander,

das Medienradio hat eine Ausgabe über die Offshore-Leaks gemacht. Dabei geht es um die Veröffentlichungen vom April 2013, welche die unternehmensinternen Datenbestände der beiden Weltmarktführer für Gründung und Verwaltung von Trusts an Offshore-Finanzplätzen offenlegten. Der Datenjournalist Sebastian Mondial,  der am Projekt Offshore-Leaks mitgearbeitet hat, war zu Gast.

Im Fokus stand das Projekt:

  • wer/wie hat das Projekt gestartet?
  • wie wurden die Daten des Leaks ausgewertet?
  • Wie hat sich das Projekt weiterentwickelt?
  • Welche technischen Schwierigkeiten gab es?
  • Welche sozialen/kommunikativen Schwierigkeiten gab es?
  • Was hat man über- bzw. unterschätzt?
  • Was haben die Beteiligten gelernt? Welche Schlüsse lassen sich für ähnliche Projekte ziehen?

Natürlich spielte auch das Offshore-Business eine wichtige Rolle. Wie funktioniert es? Welche Strategien wenden die Beteiligten an, um Steuern zu minimieren? Hier wird die Komplexität des ganzen deutlich: Geldströme fließen solange hin- und her bis keiner mehr weiß woher es eigentlich kommt.

Ein persönlicher Bezug

Na gut, der Bezug ist eher indirekt persönlich. Ein Bekannter hat mal auf einer Steueroasen-Insel gearbeitet. Er war dort in einer Gastronomie als Service-Kraft (Kellnern, bisschen Buchhaltung und Management) angestellt. Für deutsche Verhältnisse war sein Gehalt sehr, sehr gut. Man muss einschränken: die Lebenshaltungskosten waren auch um einiges höher. Dennoch konnte er einiges zur Seite legen. Viele seiner Kollegen leben dort indirekt von dem Geld wohlhabender „Steueroptimierer“: sie arbeiten in der Gastronomie, als Hauswirtschafter. U. v. m., auf den meisten dieser Inseln gibt es weder Rohstoffe nach räumlichen Platz für Industrie. Und Touristenmassen vertragen diese Inseln auch nicht. Woher soll das Geld kommen, von dem die Einwohner leben sollen?

Ein Dilemma

Laut den Aussagen des Journalisten im Podcast und meines Bekannten, landet das meiste Geld auf diesen (zumeist) Inseln, um in den Herkunftsländern nicht versteuert zu werden. In den Herkunftsländern ist diese Praxis, mal mehr, mal weniger, legal. Nur sehr wenige Geldströme haben ihren Ursprung aus illegalen Waffen-, Drogen oder Schmuggelgeschäften. Vielen „Handlanderfirmen“ sind Geldströmen, die einen solchen Ursprung haben, ein Dorn im Auge. Sie erregen das besondere Interesse der Strafverfolgungsbehörden. Die schauen sich die Handlanger dann genauer an. Kunden, die „nur“ Steuern hinterzogen haben, geraten dann ebenfalls ins Fadenkreuz der Ermittlungen.

Woher soll das Geld kommen, von dem die Einwohner, dieser Inseln, leben sollen? Können es Staaten zulassen, dass wohlhabende Bürger diese Plätze zur Steuerhinterziehung nutzen? (Andere Verbrechen lasse ich mal außen vor)

Diese Fragen verlangen Antworten, die sich entgegengesetzt gegenüberstehen. Ein Staat hat das Recht (und die Pflicht) seinen Bürgern, in welcher Form auch immer, ein Auskommen zu sichern. Der Witz hier ist: der eine generiert Wohlstand, weil im anderen Staat der Wohlstand sinkt. Der eine Staat verdient an den, in sein Territorium geleiteten, Geldströmen. Der andere Staat verliert Steuereinnahmen, weil Geldströme von ihm wegfließen.

Die Kernthese, dass ein Staat  das Recht (und die Pflicht) hat seinen Bürgern, in welcher Form auch immer, ein Auskommen zu sichern, schafft zwei entgegengesetzte Unterthesen:

  • Uns bleibt keine Wahl, wir müssen durch günstige Konditionen Geldströme zu uns leiten.
  • Uns bleibt keine Wahl, wir müssen die (hier erwirtschafteten) Geldströme versteuern.

Wenn man weiterhin die These formuliert, dass (Teil)Staaten souverän sind, wird das Dilemma weiter verstärkt: man hat innenpolitisch das Recht so zu agieren wie man agiert. Die USA lösen das Problem, in dem sie massiv Druck aufbauen. Dadurch bewegen sie die Steueroasen, in ihrem Sinne zu handeln. Wenn nun dort Wohlfahrtsverluste entstehen, wenn die Steueroasen schlicht weniger Geld einnehmen, muss man das in Kauf nehmen?

Damit man mich nicht falsch versteht: ich will das Geschäftsmodell „Offshore“ nicht verteidigen. Ich will auch nicht die Aktivitäten der USA, Deutschlands & Co. diskreditieren. Es geht mir lediglich darum aufzuzeigen, dass man nicht nur mit „gut“ oder „schlecht“ argumentieren kann.

Eine Lösung in Sicht?

Man könnte folgende, gewagte Lösung anbieten: alle Steuerparadiese stellen ihr Steuersystem so um, dass sich „Steueroptimierung“ schlicht nicht mehr lohnt. Im Gegenzug werden sie an den zusätzlichen Steuermehreinnahmen der Herkunftsländer beteiligt. Über die genauen Modalitäten muss man sich dann einigen. Problem: viele Länder könnten jetzt drohen, den Platz der alten Steueroasen einzunehmen. Sie wollen durch die Hintertür, der Beteiligung an den zusätzlichen Steuermehreinnahmen, Geld von den Industriestaaten erhalten. Es droht ein Fass ohne Boden.

Durch harte Sanktionen der Industriestaaten könnte man die jetzigen Steuerparadiese zu einer Umstellung zwingen. Es drohen Wohlfahrtsverluste in den ehemaligen Steuerparadiese, wie hoch sie auch en Detail sein mögen.

Ein „weiter so“ verschafft den Steuerparadiesen Wohlfahrtsgewinne, die Industriestaaten erhalten Wohlfahrtsverluste.

  • Vorschlag 1 generiert (wahrscheinlich) hohe Wohlfahrtsverluste in den Industriestaaten
  • Vorschlag 2 generiert (wahrscheinlich) hohe Wohlfahrtsverluste in den ehemaligen Steuerparadiesen
  • Vorschlag 3 generiert (wahrscheinlich) niedrigere Wohlfahrtsverluste in den ehemaligen Steuerparadiesen als Vorschlag 1. Vorschlag 3 generiert (wahrscheinlich) mehr Wohlfahrtsgewinne  für Steuerparadiese als Vorschlag 2
  • Vorschlag 1 fällt wegen zu hoher Kosten für die Industriestaaten weg. Vorschlag 2 kann nur umgesetzt werden, wenn alle Industriestaaten „an einem Strang ziehen (UK und seine assoziierten Steuerparadiese). Vorschlag drei hat, wer hätte das gedacht,  die größte Aussicht auf Erfolg.

Er ist sicher nicht die „beste“ Lösung. Mir fällt nix besseres ein. Vielleicht habt ihr ja eine bessere Idee.

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