Mehr als nur eine Zugfahrt…

23 Nov

Hallo alle Miteinander,

wenn ich mit dem Zug nach Hause fahre, dann schnappe ich während der Fahrt einige Geschichten auf. Einige Mitreisende haben entweder eine so laute oder eine so prägnante Stimme, dass man sich ihren Worten kaum entziehen kann. Neulich stiegen vier Mädels in den Zug, ich konnte (musste) jedes Wort ihrer Unterhaltung mitbekommen. Wahrscheinlich studieren sie etwas mit Pädagogik, jedenfalls drehten sich ihre Gespräche im weitesten Sinne darum.

Von einem Erlebnis zur Erkenntnis.

Zuerst diskutierten die Kommilitoninnen die Frage, inwieweit Autisten in das allgemeine Schulsystem integrierbar seien. Sie kamen zu dem Schluss, dass dies sehr schwer oder gar nicht möglich sei. Der Betreuungsaufwand für diese Menschen sei zu groß als dass man einfach zu viel umbiegen müsse. Soweit gehe ich noch mit.

Dann kritisierten die Frauen das Flex-System. An einigen brandenburgischen Grundschulen werden die Klassen 1 und 2 zusammengelegt

[…] alle Kinder eines Einzugsbereichs ohne Zurückstellungen, Wiederausschulungen oder Überweisungen an Förderschulen aufzunehmen und sie individuell in jahrgangsübergreifenden Lerngruppen zu fördern. Das Ziel ist die Optimierung des Schulanfangs, um sichere Fundamente für das Weiterlernen aller Kinder ab der Jahrgangsstufe 3 zu legen. Die Ausweitung der flexiblen Eingangsklassen (FLEX-Klassen) gehört zu den wichtigen bildungspolitischen Vorhaben der Landesregierung, die auch im Koalitionsvertrag beschrieben ist.

Diejenigen, die also etwas „weiter“ sind lernen mit den „Neuen“. Es wird Wissen geteilt. Wissen, was den  „Neuen“ vermittelt wird, wiederholen diejenigen, die schon „wissen“. Es ist ein schönes Prinzip. Mein Bruder besuchte selbst eine FLEX-Klasse.

Die Kommilitoninnen störten sich an diesem Konzept. Ihrer Ansicht nach würden die eigentlichen 2-Klässler unterfordert, die eigentlichen 1-Klässler überfordert. Diese Argumentation zieht sich bei ihnen auch an anderer Stelle durch. Die Gemeinschaftsschule sei kontraproduktiv, so der weitere Gesprächsverlauf. Die Guten, so wörtlich „würden runtergezogen werden. die Lehrer würden sich zu stark an den schlechten Schülern orientieren“. Jetzt wird klar, was mit Über- und Unterforderung eigentlich gemeint ist: es geht um das bestmögliche Vorankommen der „Besten“.

Der weitere Verlauf der Diskussion glitt immer mehr zu einem „Schwanzvergleich“ der eigenen Leistungen ab. Welche Noten die ehemaligen Mitschüler_innen gehabt hätten, welchen Ruf (Anforderungen) die besuchten Schulen gehabt hätten, es verkam zu einer einzigen Nabel- und Beweihräucherungsschau.  Am Schluss mochte ich nicht mehr zuhören. Ich war froh, das ich Zuhause angekommen war.

Von der Erkenntnis zur Soziologie.

Ich habe aus diesem Gespräch der jungen Frauen eine Erkenntnis gezogen, die soziologisch relevant ist. Pierre Bourdieu stellt heraus, dass es bestimmte Deutungsmuster gibt, die wir bereits mit der „Muttermilch aufsaugen.“ Die Art und Weise welche Ausdrucksweise wir verwenden, wo wir uns in der Gesellschaft verorten,  wie wir uns kleiden … Diese Deutungsmuster unterscheiden uns und sind verinnerlicht, dass sie uns nicht bewusst sind. Dieser Habitus ist wichtig!

Die Frauen lassen (für sie wahrscheinlich unbewusst) im Gespräch einen bestimmten Habitus aufleuchten. Man möchte mit denen lernen, die einem ähnlich sind, die den selben Habitus teilen. Das Argument mit dem „Runterziehen“ ist hier eine bewusst-gemachte, rationalisierte Begründung.   Auch die Nabel- und Beweihräucherungsschau passt da gut ins Bild. Man kann sich gegenseitig versichern, dass man fleißig, intelligent und hart im Nehmen ist. Man hat sich die Position hart erarbeitet, man fühlt sich im Recht seine gymnasiale Welt zu verteidigen. Sie macht einen zu etwas besonderen.

Von der Soziologie zur Politik.

Es wird nun sehr klar welche Forderungen die Frauen an die Politik stellen: alles soll bleiben wie es ist! Sie verbinden mit dem dreigliedrigen Schulsystem folgende Annahme: jedes Glied würde die jeweiligen Schüler bestmöglich unterstützen. (Bildungs)Gesellschaft braucht dieses Maß der Differenzierung damit das „Beste“ erreicht wird. Das „Beste“ ist hier durchaus als Quantität zu verstehen: die Abi-Note! Sie diente den Frauen als Beleg für ihre Güte. Sie als Gymnasiastinnen hätten durch die Note xy gezeigt, dass sie Teil einer qualifizierten Gesellschaft sind. Mit dieser einfachen Weltsicht werden ihre Argumente nachvollziehbarer, aber nicht richtiger.

Von der Politik zur Philosophie.

Es stellt sich mir eine Grundfrage: kann ich erwarten, nur für mich das Beste herauszuholen? Dieses Argument des „sich runterziehenlassens“ stellt ja genau darauf ab: ich will die bestmöglich Schulnote erreichen, wenn ich dem Schwächeren helfen muss, wenn die Lehrer ihm helfen, gefährdet es meine Position. Ein paar Notenpunkte hinter dem Komma genügen, um die Solidarität aufkündigen zu können. Denn wie viel haben werdende Gymnasiasten auf ihrem Weg schon zu verlieren?

Es stellt sich mir eine zweite Grundfrage: kann ich mit einer Quantität „Abi-Note“ irgend eine Qualität (meiner Person in der Gesellschaft) beweisen?

Nicht nur die vier Studentinnen im Zug sind bereit für eine Quantität eine Qualität zu opfern. Denn wenn die Note wichtiger wird als das Helfen, Teilen und Verzichten, dann geht etwas grundlegendes verloren!

Dieses mitgehörte Gespräch hat nicht einen Habitus zu tage gefördert, es hat sich eine gefährliche Philosophie breit gemacht. Das Menschen sich besser stellen wollen ist noch in Ordnung. Wenn dies auf Kosten bestimmter Werte geht, wenn nur noch Quantitäten als Beleg für das „Beste“ dienen, dann läuft etwas falsch.

Ich bin Teil dieser Gesellschaft. Wenn die Gesellschaft besser werden soll muss ich etwas dafür tun. Ich muss mithelfen, ich muss teilen, vielleicht muss ich auch verzichten. Ich bekomme auch etwas zurück. Vielleicht ist nicht das, was ich mir erwarte. Wir alle wären gerne Millionäre, sind es aber nicht! Gesellschaft kann uns nicht alles erfüllen, was wir wollen. Wenn wir dieses Problem sogar noch verstärken, indem wir Leute in bestimmte Schulen abschieben, in bestimmte Bahnen lenken, dann bekommen wir eben auch nicht mehr.

Es sind nicht nur Politiker und ihre Parteien, die so denken, es sind große Teile der Gesellschaft. Der Politiker ist kein Erzieher, er ist lediglich ein Lenker, wenn überhaupt. Er darf uns gar nicht sagen was wir wollen. Wir müssen es ihm sagen! Und wenn die Leute ihr dreigliedriges Schulsystem haben wollen (oder es zumind. erdulden), dann werden es die Politiker erhalten!

Das Mittelmaß der einfachen Argumente wohnt in uns, gehen wir damit um!

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