Wir privilegiert? Eine Polemik

7 Dez

Hallo alle Miteinander,

man kann argumentieren, das wir hier in Deutschland, im Westen privilegiert sind. Kann man drüber schreiben.

Diese Privilegiertheit fängt ja schon bei der Geburt an! Warum werde ich als Sohn einer ostdeutschen Friseurin geboren? Warum kann ich nicht der Sohn von Hasso Plattner sein? Der nette Milliardär, Unternehmer und Mäzen hätte mich bestimmt in den exklusiven Kreis netter, wohlhabender Menschen gebracht – immer diese Exklusion! Und Schuld ist nur der Zufall! Ich könnte heute ganz woanders sitzen, wenn der Zufall es so gewollt hätte. Nu sitz ich hier und weiß nicht was der ganze Scheiß hier soll? Ich soll vermutlich schon froh darüber sein, dass ich nicht drüben in Oranienburg wohne, wo ständig Leute wegen Bombenentschärfungen evakuiert werden müssen.

Aber nein, ich soll nicht froh sondern zu Tode betrübt sein. Darüber, dass ich als Deutscher eine Krankenversorgung bekomme und Andere in Afrika nicht. Darüber dass wir unsere Probleme in die dritte Welt verschiffen, während wir darüber nachdenken eine neue Spielkonsole zu kaufen. Soll ich mich dieser Trostlosigkeit hingeben oder soll ich – antifa like – Poster für eine herrschaftsfreie Gesellschaft kleben und mich gegen scheiß Deutschland auflehnen? Ändert vielleicht nichts, ich kann mir aber einreden ein besserer Mensch zu sein, der dem Weltgeist den Weg ebnet – Exklusion sei Dank!

Soll ich nun mea culpa schreien, soll ich meinem Abgeordneten nen Brief über die allgemeine Ungerechtigkeit schreiben, oder ne Runde Porn gucken? Ich geb es zu, ich bin nur der Urmensch, in T-Shirt und Jeans. Wenn doch eh alles scheiße ist, dann gönne ich mir mit einem fetten Stück Steak. Das ist also mein großes Privileg? Ein Stück Fleisch und der Urlaub auf Malle? Ich will gar nicht auf andere Leute mit dem Finger zeigen, denn wir sind alle gleich blöd. Das ist doch sehr inklusiv. Die Chinesen machen den selben Scheiß, wie wir Westler vor 100 Jahren, willkommen im Klub der reichen, gebildeten Umenschen!

Ach ja, wir sollten diesen Planeten nicht zu Klumb hauen, wir wohnen ja drauf. Sagen manche. Weil wir Hirn haben, sollten wir verantwortungsvoll umgehen. Das mit dem Hirn und der Verantwortung klappt super toll. Seit 2500 Jahren. Dem Zufall ist das Wurst. Vielleicht entsteht gerade neues Leben irgendwo im All, mal sehen was der Zufall da zusammen gewürfelt hat.

Das mit dem Übermenschen und Untermenschen hat schon nicht geklappt, was soll dann erst aus dem Menschen werden? Wir sind doch so hilflos, wie der Einzeller in der Petrischale. Wir mögen mehr oder weniger haben, wir mögen in Norwegen oder Afganistan wohnen, wir schwimmen alle hilflos in der Petrischale des Zufalls. Wenn seine Würfel fallen, das ist man Millionär oder tot oder beides.

Während die Avantgarde über die blöde Welt philosophiert, legt die Friseurin die Füße hoch. Wer weiß, ob Plattner sie Morgen heiratet? Wer weiß, ob sie Morgen tot umfällt. Da kann die deutsche Krankenversicherung auch nichts mehr helfen. Dann ist sie exklusiv bei Mr. Zufall, und kann ne Runde mitwürfeln. Der Tod ist so inklusiv! Und Mr. Zufall lässt Mr. Gewissheit hier in Ruhe arbeiten, der braucht ja auch ne ABM.

Zum Abschluss noch eine Idee für Herren Plattner: die Bombenproblematik, für die Oranienburg jedes Jahr zwei Millionen Euro ausgibt, die könnten Sie doch für ein Jahr übernehmen. Der künstlerische Aspekt dieses speziellen Abonements ist offensichtlich: ihr Geld geht in Rauch auf, hat aber trotzdem was bewirkt. Kunst, gesellschaftliches Engagement und ne Schlagzeile – das ist ein Deal! Und Mr. Zufall ist hier auch am Start. Denn wann, welche Bombe, wo gefunden wird, dass kann Niemand voraussagen. Ich bin dann immer noch nur der arme Firseurssohn, im privilegiertem Deutschland, in der Post-Steinzeit, wo Menschen in der Rest-Welt verhungern.

Man kann halt nicht alles haben!

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12 Antworten to “Wir privilegiert? Eine Polemik”

  1. alphachamber Dezember 7, 2013 um 18:06 #

    Wer, denken Sie, schuldet Ihnen irgend etwas?

    • marien86 Dezember 7, 2013 um 18:23 #

      Hallo alphachamber,

      wenn wir (alle) so handeln sollen, dass unser Handeln zum allgemeinen Gesetz werde, dann schuldet man mir, wie ich Anderen auch, ein Verhalten nach „besten Wissen und Gewissen“.

      Wenn wir (alle) nur unseren Persönlichen Wünsche befriedigen wollen (sollen), dann schuldet man mir die Möglichkeit, dies tun zu können.

      Wenn das Recht des Stärkeren gilt, schuldet mir Niemand etwas. (Wenn ich stark genug bin, dann hole ich mir, was will. Wenn nicht – Pech)

      Wenn das Recht des Schwächeren gilt, schulde ich dem Schwächeren Schutz und die Möglichkeit selbst stark zu werden.

      Der erste und letzte Satz gehört zusammen: es sollte Ziel einer Gesellschaft sein, das ihre Mitglieder „ähnlich“ stark sind. So werden Konflikte minimiert. Was „ähnlich“ genau bedeutet, das muss eine Gesellschaft defineren.

      Gruß,

      David Marien

      • alphachamber Dezember 7, 2013 um 18:32 #

        Hallo Herr Marien,
        „…es sollte Ziel einer Gesellschaft sein, das ihre Mitglieder “ähnlich” stark sind…“ Das gab es doch schon (und immer noch in höchst jämmerlicher Form auf Kuba und N.K.) zuhauf. Tja – dem Mensch kann es eben niemand recht machen, schon garnicht ein anderer Mensch 😀

      • marien86 Dezember 7, 2013 um 18:55 #

        Hallo alphachamber,

        damit wir uns nicht falsch verstehen: ich bin für keine Form des (Staats)Sozialismus! Ich denke, Sie haben meine Polemik verstanden bzw. ich war verständlich (genug). Dennoch: wenn wir Niemanden irgend etwas recht machen können, dann müssten wir das Recht des Stärkeren einführen. Die holen sich, was sie wollen. Der Rest vegitiert dahin.

        Zugespitzt formuliert gilt dieses Recht bereits heute: Reiche werden reicher, die Armen bleiben arm, sie müssen sehen, was die Reichen ihnen überlassen.

        Ihre Aussage unterstellt ja, das jeder ganz unglücklich leben muss, weil er oder sie nicht so leben kann, wir er oder sie will. So pauschal ist dieser Satz falsch. Es gibt aber genug Menschen, auf die dieser Satz zutrifft. Sowohl für die, die selbstverschuldet nicht so leben können wie wollen, als für die Unverschuldeten Unglücklichen.

        Der Mensch kann eben nicht pauschal „als des Anderen Wolf“ betrachtet werden. Es gibt viele Mitmenschen, die wollen es Anderen Recht machen. Das Gegenüber erkennt dies auch an. -> Man ist zufrieden.

        Wie gesagt, die anderen Fälle gibt es zu Hauf.

        Eine Gesellschaft sollte das Ziel nach mehr „Ähnlichkeit“ weiterverfolgen. Die Skandinavier sind da schon weiter, ohne in Nordkorea, der UdSSR oder Kuba gelandet zu sein. Utopisch ist das Ziel also nicht.

        Gruß,

        David Marien

  2. alphachamber Dezember 7, 2013 um 21:18 #

    Mit Verlaub:
    „…wenn wir Niemanden irgend etwas recht machen können, dann müssten wir das Recht des Stärkeren einführen.“
    Ich denke, „man“ sollte gar nichts einführen. Es ist niemanden Aufgabe anderen etwas „recht“ zu machen. Es sollte eben verhindert werden, dass eine Gruppe auf die andere einwirkt. Staatlich geförderte „Einwirkungen“ ergaben ja erst diese Gefälle.

    „…Reiche werden reicher, die Armen bleiben arm…“
    Über die Auswirkungen sind wir uns einig, nicht über die Kausalitäten.

    „Ihre Aussage unterstellt ja, das jeder ganz unglücklich leben muss, weil er oder sie nicht so leben kann…“
    Nein, das wäre Pragmatismus, dem ich mitnichten anhänge.

    „…die selbstverschuldet nicht so leben können wie wollen, als für die Unverschuldeten Unglücklichen.“
    Eine „soziale Schuld“ gibt es nicht. In einer freien Demokratie sollte sich jeder seinem Potential gemäß entfalten können – ohne staatliche Vorteile, aber auch ohne behördliche Hindernisse. Umverteilen bedeutet nicht Emanzipation (empowerment) sondern Entmündigung. Mein reicher Nachbar kann mich nicht entmündigen – nur die staatliche Macht kann das.

    „Eine Gesellschaft sollte das Ziel nach mehr “Ähnlichkeit” weiterverfolgen.“
    Tocqueville sagte es am Besten: “…es existiert im menschlichen Herzen ein verdorbener Hang zur Gleichmacherei, der den Schwachen dazu antreibt, zu versuchen, den Mächtigeren auf seine eigene Stufe herunter zu ziehen, und Menschen zu einer Haltung erniedrigt, welche die Gleichheit in der Sklaverei der Ungleichheit in Freiheit vorzieht.”

    (P.S.: Skandinavien: 1 Einwohner/45Km², Rohstoffe im Überfluss, kaum Einwanderung und internationale Obligation = schlechter Vergleich.)

    Beste Grüße

    • marien86 Dezember 7, 2013 um 21:35 #

      Hallo alphachamber,

      darf ich fragen, welche Aufgaben Sie dem Staat zubilligen? Ich bin körperlich behindert, meine Mutter verdient als Friseurin ein unterdurchschnittliches Gehalt. Ich habe ein Potential die Uni zu besuchen, aber nicht die nötigen finanziellen Mittel. Ist meine Annahme richtig, dass sie für einen Studienkredit plädieren? Ist meine Annahme richtig, dass wenn jeder sich selbst hilft, jedem geholfen ist?

      Zusatzfrage: wie wollen sie die unterschiedlichen Formen der Diskriminierung bekämpfen?

      Gruß, David Marien

  3. alphachamber Dezember 7, 2013 um 22:19 #

    irgendwie scheint es, also ob meine Kommentare nicht mehr aufgezeigt werden!?

  4. alphachamber Dezember 8, 2013 um 00:19 #

    Hallo Marien,
    Ich verweise nicht gerne auf Essays in unserem Blog. Es hat wohl so einen zumindest leichten Anschein von Arroganz. Aber anstelle eines zu langen Kommentars und der Klarheit wegen, darf ich Sie auf diesen Link aufmerksam machen: http://liberalerfaschismus.wordpress.com/2013/08/22/altruismus-kult-der-neurotiker-teil-i/ Ich hoffe, Sie lesen sich durch alle drei Teile.

    Ihre Behinderung ändert meine Auffassung nicht – im Gegenteil. Eine Gesellschaft in der jeder Bürger seine Selbstverantwortung behält, kann sich (und WIRD sich) um Menschen mit starker physischer Benachteiligung in überzeugterer Weise kümmern, als eine altruistische in der sich der Staat „wild“ um jeden kümmert.
    Alles Gute und Danke für eine respektvolle Diskussion.

    [Anmerkung: Pardon, Ihre Kommentare sind unbemerkt im Spamordner gelandet, ich hatte es zu spät gmerkt]

    • alphachamber Dezember 8, 2013 um 15:07 #

      Entschuldigen Sie, es sollte natürlich „Herr“ Marien heißen. Wollte schnell nochmals alles schreiben, weil ich dachte das Original sei verloren. Dabei kam dieser Flüchtigkeitsfehler zustande. Jetzt klappt es ja wieder. Danke nochmals für Ihre e-mail.
      Grüße

    • marien86 Dezember 8, 2013 um 15:29 #

      Hallo alphachamber,

      ich habe Ihren Essay in Gänze und mit Interesse gelesen. Bei einigen Formulierungen musste ich doch schlucken und ich nehme an dass dies so gewollt war.

      Denn ich befürchte, ich gehöre zu den Menschen, gegen die Ihre Autorengemeinschaft anschreibt. Die Verve, mit der der Essay verfasst wurde, erscheint mir, sofern ich mich in Ihre Sichtweise hinein versetzen kann, nachvollziehbar. Es sind keine angenehmen Zeiten für Sie. Aber schulde ich Ihnen, dass Sie angenehme Zeiten haben?

      Damit wir uns nicht falsch verstehen: ich will mich nicht um eine inhaltliche Diskussion – an sich – drücken. Mir fehlt die Zeit und die Motivation, Argumente zu suchen, zu arrangieren und durchdenken. Das bräuchte ja eine inhaltliche Diskussion. Auch kommt dazu, dass wenn man etwas mit Überzeugung vertritt, es sehr schnell persönlich werden kann. Das tut keiner Diskussion gut. Wir sind alle nur Menschen, die dann und wann, ihren Emotionen erliegen.

      Ich kann nicht wissen ob meine Position die „wahre“ ist. Das kann mir auch egal sein. Denn so wie ist, ist es (für mich) gut. Nennen Sie es Bequemlichkeit. Ich nenne es Komplexitätsreduktion. Das ist natürlich problematisch, wie (mal mehr, mal weniger) alles, was der Mensch so macht.

      Ich kann die „Kaputtheit“ der Gesellschaft, die Sie attestieren, nicht erkennen. Es gibt Risse, mehr kann ich nicht sehen. Vielleicht ist dies nur Komplexitätsreduktion, vielleicht bin ich nur blind. Wem bin ich schuldig, zu sehen bzw. das zu sehen, was Andere meinen zu sehen.

      Apropos Respekt, den bin ich Ihnen schuldig, auch wenn Sie das anders sehen mögen.

      Gruß, David Marien

      • alphachamber Dezember 8, 2013 um 15:54 #

        Herr Marien,
        vielen Dank für Ihre Offenheit. Ich verstehe Ihre Haltung gegenüber dem Artikel. Er ist natürlich ein Resultat Jahrzehnte langer Studien und Observierungen in vielen Gesellchaften. (Z.B. arbeitete ich seit 1989 in Kambodscha und war aktiver! Zeitzeuge des Übergangs von den Roten Khmer in eine moderne Nation. Das war vielleicht die letzte Möglichkeit an der Entwicklung einer Nation von der „Steinzeit“ bis heute in Zeitraffe teilzunehmen. Eine eindrucksvolle und ernüchternde Lektion. Sie wissen sicher, dass es die größte UN-Friedensaktion aller Zeiten war, mit 25.000 Teilnehmern (Militär und Zivil) über 2 Jahre. Nationen von Nepal bis Schweden „halfen“ dabei den Khmer auf die Sprünge, mit erschreckenden und vorhersehbarem Resultat.)
        Bei meiner Rückkehr nach 35 Jahren Ausland, war ich nicht mehr „ZuHause“. Die Deutschen erschienen mir als ein schizophrenes Gemisch aus belehrenden, industriellen Genies und angepassten sozialen Idioten. Dieser Link (wenn es SIe noch interessiert) ist das Resultat unserer Erkundung:
        http://liberalerfaschismus.wordpress.com/2013/10/31/die-deutschen-opfer-des-pragmatismus-i/ in 2 Teilen.

        Diese Kommentarfenster reichen sicher nicht für tiefe fruchtbare Diskurse, trotzdem gaben Sie mir eine meiner eindrucksvollsten Dialoge. Auch mir fehlt die Zeit. Ich finde, die Menschen schreiben zuviel und lesen zu wenig.
        Nochmals herzliche Grüße.

      • marien86 Dezember 8, 2013 um 17:56 #

        Hallo alphachamber,

        dank meines jungen Alters, kann ich nicht beurteilen, wie die Bonner Republik so tickte. Es ist ja, neben Wissenserwerb und (Aus)Bildung, immer auch persönliche Erfahrung, die Jemanden prägt. Viele Ihrer Punkte im Essay finde ich nachvollziehbar. Ihre Schlussfolgerungen irritieren mich. Ist meine kognitive Dissonanz so vorangeschritten?

        Es ist ja nicht so, dass ich blind dem folge, was in der linksalternativen Szene so passiert. Ich habe durchaus eine kritische Haltung darüber. Dieses belehrende Genie, die sozialen Idioten, wie schreiben, das findet sich (mal mehr, mal weniger) dort wieder. Jede Ideologie, jede Theorie hat ihre Grenzen. Deshalb versuche ich mir eine kritische Haltung zu bewahren, hoffentlich zeigt sich das im Blog.

        Dennoch: ich vertrete eine Position, die angreifbar ist, die ein Stück Willkür in sich birgt, die begrenzt ist. Ich bin ja kein Philosoph. Ich schulde Niemandem einen „Masterplan“. Und ja, vielleicht ist auch die „Hipness“ ein Grund, warum ich eine bestimmte Position beziehe.

        Ihre Texte (im Blog) lassen mich doch etwas hilflos zurück. So recht weiß ich nicht was davon halten soll.

        Es kommt nicht darauf mehr zu lesen sondern das zu lesen, was einem gefällt. Es müssen ja keine Philosophiegelehrten herauspurzeln.

        Gruß, David Marien

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