Der letzte Gang.

1 Feb

Er steigt aus dem Zug. Vor seinen Augen befindet sich das Uni-Gebäude, gegenüber dem Bahnhof. Unscheinbar, aber nicht übersehbar, schmucklos aber nicht klobig, einladend aber nicht aufdringlich. Er hat sich an das Gebäude gewöhnt. Es hat ihn jahrelang beherbergt. Es war Ort der Langeweile, der Lästigkeiten, der schieren Laberei. Es war aber auch ein Ort des Lebens, der Lebenslust, der lehrreichen Stunden. Menschen gehen in das Gebäude, Menschen treten aus. Sie rauchen und erzählen. Sie lachen und diskutieren. Fachbegriffe schwirren durch die Luft. Allerlei Belanglosigkeiten mischen sich mit allerlei Gehaltvollen.

Nachdem er die Eingangstür durchschritten hat, wird ihm der Trubel erst bewusst. Menschen in Massen bewegen sich. Ob Punk oder Anzugträger, ob graue Maus oder bunter Vogel, sie alle ziehen vorbei. An der Kaffeebar stehen sie an, ob Dozenten, Professoren, Mitarbeiter oder Studenten. Das Verlangen nach Kaffee eint sie alle. Er erblickt bekannte Gesichter, er sortiert sie, er kategorisiert sie. Erinnerungen steigen in ihm auf. Mit wem hat er welche Seminare besucht?

Er kommt nur langsam voran. Die dichte Masse bremst ihn. Die Hörsäle streifen an ihm vorbei. Er weiß, welche Veranstaltungen mit welchen Dozenten dort stattfinden. Er kennt deren Ziele. Ihm ist es klar. Was er warum getan hat, was er weshalb gelernt hat, das kann er genau begründen. „Alles hat seinen Sinn“ denkt er sich.

Der Flur zum Prüfungsamt sieht aus wie eh und je. Dicht gedrängt sitzen  die Menschen und warten. Weitere Menschen treten ein, der Raum füllt sich. Einige beschweren sich über diese Bürokratie, über Prinzipienreiterei, über mangelnde Flexibilität. Einige sind den Tränen nahe. Es stehen wohl wichtige Entscheidungen an. Beruhigende Worte treffen auf aufgeregte Seufzer. Er setzt sich hin und wartet. Er weiß, dass es noch dauern wird. Gelassen kramt er sein Buch aus der Tasche und beginnt zu lesen. Doch konzentrieren, das schafft er nicht. Er kann dem Buch nicht folgen. Er fragt sich, was ihn ablenkt? Eine Antwort will sich nicht finden lassen. Nervosität steigt auf. Ist es nur die Ungeduld oder die mangelnde Konzentrationsfähigkeit? Die Zeit fließt gemächlich vorbei. Er starrt vor sich hin. Sein Zeitgefühl schwindet dahin. Seine Nervosität steigt weiter an. Auf einmal wird er herausgerissen. Sein Name wird gerufen. Die Sachbearbeiterin bittet ihn in das Büro.

Die Frau und er halten Smalltalk. Ob er den schon etwas in Aussicht habe, will sie wissen. Nein, noch nichts konkretes antwortet er mit fester Stimme. Das ist ja nichts ungewöhnliches erwidert sie. Ein Zeitabschnitt für Sie geht zu Ende, resümiert die Frau. Ja, das gehört dazu, so seine Replik. Beide erledigen  die Formalitäten. Zum Schluss überreicht sie ihm das Zeugnis. Er bedankt sich höflich, verabschiedet sich und verlässt zügig  das Büro.

Mit flottem Tempo durchläuft er das Gebäude. Es ist Niemand mehr da. Die Vorlesungen sind im vollen Gang. Lediglich die Stimmen der Dozenten schallen zu ihm rüber. Es gibt nichts mehr, wo er seinen Blick hin lenken könnte. Die Worte der  Dozenten sind zu leise, als dass er sie verstehen könnte. Seine Nervosität steigt weiter an. War die Vergangenheit und Gegenwart noch klar, so ist seine Zukunft ungewiss. Dieser Gedanke schießt ihm in den Kopf. Sein Herz schlägt schneller, ihm wird mulmig. Er weiß, dass etwas kommen wird, was genau, das vermag er nicht einzuschätzen. Diese Unsicherheit ängstigt ihn. Bisher war doch immer gewohnt, seine Zukunft einschätzen zu können. Diese Gewohnheit gab ihm Sicherheit. Doch das Gewohnte, das Bekannte schwand. Dieses Eingeständnis erzeugt in ihm Angst. Er kann ihr nicht länger ausweichen, er muss sie ertragen.

Er schaut ein letztes Mal auf das Uni-Gebäude. Der Zug ist bereits eingefahren. Alles liegt so friedlich da. Der Wind weht leise. Die Bahnhofsuhr tickt leise vor sich hin. Es ist so, wie es sein soll. Doch wird es sein, wie sein soll? Das mulmige Gefühl hat sich etwas gelegt, verschwunden ist es noch lange nicht. Er steigt in den Zug.

dmhdf, Lizenziert unter CC BY-NC-SA 3.0 01.02.2014

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