Von Zukünften und Folgen

9 Feb

Hallo alle Miteinander,

in der 25. Folge des Resonator-Podcasts geht es um Technikfolgenabschätzung und Technikphilosophie. Armin Grunwald, der Gast dieser Sendung, ist Professor für Technikphilosophie am Karlsruher Institut für Technologie. Als Leiter des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag hat er natürlich besonders mein Interesse geweckt.

Dabei erschien mein ein Aspekt seiner Arbeit besonders interessant: Politiker interessieren sich vor allem für, die eine, prognostizierbare Zukunft. Dem hält Grunwald entgegen, dass es weder die eine Zukunft gibt noch das sie prognostizierbar ist. Widerspricht er hier nicht seinem Arbeitsauftrag? Ich denke Nein!

Die Ungewissheit handhaben können.

Grunwald stellt dar, dass man mit einer wissenschaftlichen Arbeitsweise sehr wohl Aussagen über Zukunft treffen kann (und muss). Die Frage ist hier: welchen Wert schreiben wir diesen Aussagen zu? Halten wir diese Aussagen für gewiss und richten wir ganz streng unsere weiteren Handlungen danach aus? Oder halten wir diese Aussagen für wahrscheinlich und richten unsere Handlungen flexibel aus und überprüfen (im weiteren zeitlichen Verlauf) wie genau die Aussagen die (vergangene) Zukunft beschrieben haben? Ober ignorieren wir wissenschaftliche Aussagen über die Zukunft und handeln immer opportunistisch? Grunwald und ich plädieren für die mittlere Variante. Wissenschaft definiert keine Dogmen, sie definiert aber auch keine Nutzlosigkeiten: Wissenschaft soll Handlungsempfehlungen für die Gesellschaft bereitstellen. Dementsprechend soll Technikfolgenabschätzung Ungewissheit handhabbar machen. Wenn wir etwas in den Händen halten können, kann es uns entgleiten, wir haben aber etwas, mit dem wir „arbeiten“ können. Wenig ist eben mehr als nichts!

Sich vielen verschiedenen Ungewissheiten stellen können.

Im Rahmen seiner Beratungstätigkeit präsentiert Grunwald häufig 3 Szenarien zu einer möglichen Entwicklung eine Technologie: ein worst-case-Szenario, ein middle-case-Szenario und ein best-case-Szenario. Jedes dieser Szenarien enthält unterschiedliche Annahmen und Modelle, wie sich eine Technologie auf die Gesellschaft auswirken kann. Grunwald erzählt, dass er bei seinen Präsentationen häufig gefragt wird, welches Szenario wohl das wahrscheinlichste sei. Diese Frage kann er eigentlich doch gar nicht beantworten! Klar, er könnte sein Bauchgefühl, seine Intuition zu Rate ziehen! Er könnte vergangene Entwicklungen in Zukunft fortschreiben! Beide Herangehensweisen liefern Antworten, nur, sind diese auch hilfreich? Ich kann mit Bauchgefühl und/oder Statistiken Lotto spielen, die Gewinnwahrscheinlichkeit bleibt gleich.

Es scheint für Menschen sehr schwierig zu sein, sich  verschiedenen Ungewissheiten stellen zu können. Immer wollen wir kategorisieren und priorisieren. Sich um eine Angelegenheit zu kümmern ist schon fordernd genug.

Politik in der Falle.

Jetzt kann man wieder auf die Politiker einhauen: sie sollen sich mehr um Inhalte kümmern, sie sollen „neutraler“ und mit geweiteten Blick auf zukünftige Entwicklungen schauen!

Sich um Inhalte zu kümmern ist immer eine gute Sache, ganz klar. Aber dafür hat man die Fachleute. Politiker müssen Inhalte kategorisieren und priorisieren. Aber was ist, wenn man Zukünfte nicht kategorisieren und priorisieren kann? Natürlich soll man da nicht den Kopf in den Sand stecken und alles ignorieren. Die Wähler erwarten klare Ansagen. Irrtümer werden nicht gutiert! Von ihnen wird auch erwartet, dass sie durch ihre parteipolitische Brille scheuen. Wie stark diese Brille sein soll, das ist eine andere Geschichte. Diese Brille ist und bleibt relevant.

Man darf auch nicht vergessen: Abgeordnete sind für vier Jahre gewählt, nicht für vierzig! Was aus demokratietheoritscher Sicht gut ist, durch regelmäßige Wahlen politische Kräfte neu gewichten, ist aus Sicht der Technikfolgenabschätzung eher kontraproduktiv. Der kurzfristige Erfolg wird vom Wähler gutiert. Wer kann schon Zeiträume von vierzig Jahren erfassen?

Der Umgang mit verschieden Möglichkeiten der Zukunft ist und bleibt schwierig. Die immer höhere Beschleunigung von Wissenschaft, Technik und Gesellschaft macht es immer schwieriger Folgen abzuschätzen. Zukunft und Ungewissheit bleiben ein eng verbundenes Paar. Paradoxerweise, gerade in einer Zeit, wo man alles detailliert voraussagen möchte.

 

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