Digitalisierung: von der Abzählbarkeit der Dinge

1 Mrz

Hallo alle Miteinander,

die dritte Folge des NoobCore-Podcasts war mir eine Inspiration für diesen Beitrag. Thema der Sendung war: was ist digital? Weil diese Frage so grundsätzlich beantwortet wurde, kann man auch Verknüpfungen mit der Politikwissenschaft/Politische Theorie herstellen. Aber beginnen wir von Anfang an.

Von der Abzählbarkeit und dem Fluss der Dinge

Der Gast Tim Pritlove  erklärt den Unterschied zwischen analog und digital anhand des Beispiels „Zeit“ sehr treffend. Für den Menschen fließt die Zeit so dahin. Wir wissen, das es Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gibt. Wo die Grenze zwischen diesen Abschnitten liegt, lässt sich ohne weiteres nicht ausmachen. Dies ist ein analoges Verständnis der Zeit: alles geht ineinander über, nichts ist klar unterscheidbar. Für viele Jahrhunderte konnte der Mensch gut mit diesem analogem Verständnis leben. Doch dies hat sich gewandelt. Bereits die Sumerer führten die Stunde ein, die sie wiederum in 60 Minuten unterteilten. Mithilfe dieser Einteilung kann man eine präzisere Grenze zwischen  Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft definieren. Damit kann man diese Abschnitte voneinander abgrenzen. Man kann gewissermaßen abzählen wie viele Minuten vergehen müssen bis Stunde x erreicht sind. Genau dies ist das digitale Verständnis der Zeit: es gibt klar abgrenzbare und abzählbare Elemente, die Zeitabschnitte definieren.

Dieses digitale Verständnis hat sich nicht nur bei der Zeit durchgesetzt. Allerlei Maßeinheiten, Modelle und Theorien haben unsere Welt abzählbar gemacht. Wir haben ein Kilo Zucker, dass aus vielen „unzählbaren“ Zuckerkristallen besteht. Wir haben das Atom-Modell, was Materie in abzählbare Atom-Einheiten zerlegt. Mit Theorien der modernen Physik können wir Größe und Alter des Universums ungefähr bestimmen.  Es scheint, als machten wir uns die Welt abzählbar, damit wir sie begreifen können.

Politik als Digitalisierung der Entscheidungsfindung

Wenn Dinge digitalisiert werden, werden sie abzählbar gemacht: für Menschen, für Maschinen und für Prozesse. Eine ideale Politik zeichnet sich dadurch aus, dass Pro- und Contra-Argumente gegenüber gestellt werden. Sie sollen kategorisiert und gewichtet werden, damit eine Entscheidungsfindung möglich wird. Hier wird klar, dass das Wort Abzählbarkeit eine wichtige Rolle bekommt. Wir können nicht alle Argumente verarbeiten. Wir müssen sie sortieren, kategorisieren und gewichten. Dies alles hat mit abzählen zu tun, dies ist wichtig für den Prozess der Entscheidungsfindung.

Das war nicht immer so. Fürsten, Bischöfe und Päpste beriefen sich, lange Zeit, auf eine Entscheidungsfindung, die analog war. Gott und seine Ordnung ist eben nicht abzählbar. Sie entzieht sich unserer Überprüfbarkeit. Wir sollen Gottvertrauen entwickeln, wir sollen Vertrauen in eine Ordnung gewinnen, die ewig, allgegenwärtig und umfassend ist. Die Macht der Mächtigen gründet sich auf diese Ordnung. Da ist nichts zu gewichten und zu kategorisieren, Gottvertrauen ist das Einzige, das zählt.

Geheimdienste als Analogisierung der Entscheidungsfindung

Wenn Pro- und Contra-Argumente gegenüber gestellt werden sollen, wenn sie sortiert, kategorisiert und gewichtet werden sollen, dann muss folgendes klar sein: wer bringt sie, wann weshalb vor. Genau dies ist mit Transparenz gemeint.

Nun sammeln Geheimdienste allerlei Daten. Ihre Sammlung ist geheim, ihre (Aus)Sortierung ist geheim, ihre Kategorisierung ist geheim und ihre Gewichtung ist geheim. Was (eventuell, wir wissen es nie genau) öffentlich ist, sind die Konsquenzen, die sich aus dieser Kette ergeben. Weil alles so geheim ist, müssen wir den Geheimdiensten vertrauen. Wir müssen in ihre Arbeitsweisen, in ihre Loyalität zur Regierung, zum Volk vertrauen. Haben die Ereignisse der letzten Zeit, Vertrauen geschaffen?

Hoffentlich wird die Ordnung der Geheimdienste nicht ewig dauern. Allgegenwärtig und umfassend ist sie allemal. Die Ironie ist: mit Mitteln der digitalen Datenerfassung wird eine analoge Ordnung gestützt. Beides widerspricht sich nicht, es ergänzt sich wunderbar.

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