Alte Zeiten

29 Mrz

Hallo alle miteinander,

(Achtung: folgender Beitrag kann Spuren von Ironie und Überspitzungen enthalten. Er gibt nicht die Meinung bestimmter Autoren wieder.)

In den alten Zeiten, da führte der Herr von Welt, seine Herzensdame mit ganzer Galanterie zum Essen aus. Er hielt ihr die Tür auf, er schob ihren Stuhl zurück, er zahlte die Rechnung. Sie honorierte dieses Verhalten, ja sie forderte es sogar ein. Routiniert wusste man, was man von dem Anderen zu erwarten hatte. Es gab keinerlei Hintergedanken. Man verstand die Geste des Herren von Welt als etwas völlig unpolitisches. Er tat es gern, wollte er seiner  Herzensdame seine Zuneigung zeigen.

Nun gibt es Wandel in diesen modernen Zeiten, wer hätte das gedacht! So manche Frau honoriert das galante Verhalten des Herren von Welt nicht mehr. Ja, sie zeigt sogar, dass sie es ablehnt! Sie will nicht mehr die Tür aufgehalten bekommen, sie will nicht mehr den Stuhl vorgeschoben bekommen und ihren Teil der Rechnung möchte sie selbst zahlen. Der Herr von Welt schaut verdutzt. Was ist passiert, fragt er sich? Ich tue dies doch aus vollem Herzen, so wie ich es immer getan habe! Warum werde ich so vor den Kopf gestoßen!

Der Herr von Welt meint, dass diese Frauen, mit seiner Geste nicht umgehen können. Dass er mit der Geste seines Gegenübers nicht umgehen kann, kommt ihm gar nicht in den Sinn. Was lange gut und richtig war kann heute nicht falsch sein. Es ist doch schade, dass dies nicht erkannt wird.

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Was lehrt uns diese kleine Geschichte? Auch Alltagssituationen können etwas politisches enthalten. Was das Politische ist, habe ich schon mal definiert:

Politisches geschieht dort, wo Identitäten in Anerkennungskonflikte verwickelt, d.h. in Frage gestellt sind. [1]

Ich finde, diese Geschichte zeigt sehr starke Anerkennungskonflikte auf. Auf der einen Seite steht der Mann. Er ist sehr höflich und möchte eine Frau einladen, weil er dies gerne macht. Für ihn ist dieses Verhalten soweit routiniert, dass er es gar nicht mehr in Frage stellen kann. Auf der anderen Seite steht die Frau. Sie ist sehr selbstbewusst. Sie möchte zu jeder Zeit ihre Unabhängigkeit wahren. Ein Date wird somit ein Ereignis unter Gleichen. Jeder macht sich die Tür allein auf, jeder schiebt seinen Stuhl allein zurück, jeder zahlt seinen Teil der Rechnung. Wenn er nun, dass von ihr gewünschte Verhalten konterkariert, kommt es zu dem Anerkennungskonflikt.

Er fühlt sich in seinem Verhalten verkannt. Er will sein Verhalten als etwas gutes, als etwas (gegenüber der Frau) Respektvolles verstanden wissen. Das, was er als respektvoll empfindet interpretiert sie als respektlos. Sie kann und will die Tür allein öffnen, sie kann und will den Stuhl allein vorschieben,  sie kann und will ihren Teil der Rechnung selbst zahlen.

Die Infragestellung der beiden Identitäten wird sehr deutlich. Weil das Verhalten des Mannes routiniert ist, kann ihm gar nicht (von sich aus) klar werden, dass sein Verhalten verkannt werden kann. Wird ihm diese Verkennung (der Anerkennung) kund getan, reagiert er irritiert. Er wehrt ab, er habe doch dass Richtige getan, sie verstehe den Hintergrund seines Verhaltens nicht. Damit bekommt sie den schwarzen Peter zugeschoben. Sie versteht nicht… Die gut gemeinte Geste gehe völlig am Ziel vorbei und das ist (für ihn) schade.

Ja, ich beziehe hier Stellung für diese fiktive Frau. Warum? Ich, als Mensch mit Behinderung, bin ständig mit gut gemeintem Verhalten konfrontiert. Man möchte mir helfen, auch wenn ich keine Hilfe brauche. Ich möchte meine Selbstständigkeit betonen, auch wenn die Anderen wissen, dass ich es bin. Ich finde es erst einmal in Ordnung und sogar notwendig, wenn es Hilfsbereitschaft und Höflichkeit gibt.

Es gibt Rollstuhlfahrer, die wollen partout, den Bordstein allein raufkommen. Weil dies Ausdruck ihrer Selbständigkeit ist. Sie werden ständig mit den Grenzen ihrer Selbständigkeit konfrontiert. Ständig wollen ihnen die Leute helfen, obwohl sie keine Hilfe brauchen. Bei immer den selben Fragen reagiert man genervt, irgendwann. Dann und wann wird man pampig. Dann wird man komisch angeschaut, weil man unfreundlich reagiert, weil man die gut gemeinte Geste nicht widerspiegelt. Natürlich macht auch der Ton und Geste die Musik. Ein Mindestmaß an Höflichkeit sollte immer gegeben sein, auf beiden Seiten.

Ganz ehrlich: ich fühle mich nicht dafür verantwortlich, dass eine gut gemeinte Geste (im Sinne der Anderen) ins Ziel trifft. Wenn ich meine Selbständigkeit betonen möchte, dann tue ich es einfach. Der Rollstuhlfahrer, der partout den Bordstein allein raufkommen will, hat jedes Recht dazu. Er darf die Höflichkeit der Anderen (höflich) ausschlagen, ohne das ihm von Seiten der Anderen der schwarze Peter zugeschoben wird. Denn wie auch bei der Frau aus der Geschichte, droht dem Rollstuhlfahrer genau dies.

Die Frau darf verlangen, die Rechnung beim Date selbst zu bezahlen, der Rollstuhlfahrer darf verlangen den Bordstein allein raufzukommen. Wir, Frauen, Behinderte und andere Minderheiten, sind nicht dafür verantwortlich, gut gemeinte Gesten der Mehrheitsgesellschaft zu reflektieren, wenn wir sie nicht als gut gemeint empfinden. Man mag dies „schade“ finden. Wir sind aber nicht für die „Schadheit“ von man(n) zuständig.

 

[1] Bedorf, Thomas: Verkennende Anerkennung. Über Identität und Politik. Suhrkamp, Berlin 2010 S. 226

 

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2 Antworten to “Alte Zeiten”

  1. tinyentropy März 30, 2014 um 17:16 #

    Da Du hier auch auf meine kleine Geschichte anspielst will ich kurz sagen, was ich im Kern kritisiert hatte. Und zwar das Verhalten der Bedienung, die – in Verkennung des von Dir beschriebenen beiderseitigen Selbstverständnisses von Mann und Frau beim ersten Date – immer wieder suggeriert, ob denn nicht „zusammen bezahlt“ werden wolle. Nun kann die Bedienung vielleicht gar nicht wissen, ob es das erste oder Xte Date ist. Doch mit etwas Erfahrung kann man das sicher erahnen. Wie auch immer. In vielen anderen Ländern ist es angenehm, dass einfach bloß die Rechnung mit einer Schale an den Tisch gebracht und später das hineingelegte Geld wieder abgeholt wird. Das schafft Diskretion und die entspannte Situation, dass Frau und Mann in Ruhe das Zahlen regeln können. Doch so wie hier in Deutschland wird die Frage der Bedienung doch zu Nagelprobe. Denn eines ist gewiss. Kommt die Beziehung zustande, zahlt ja doch wieder in den meisten Fällen der Mann. Der selbstbewusste Akt der Frau am Anfang ist doch bloß Illusion.

    • marien86 März 30, 2014 um 17:46 #

      Hallo tinyentropy,

      ich glaub, mein Misverständnis beruht auf folgende Textstelle bei dir:

      „Aber dabei kommt es immer wieder zu blöden Situationen, weil die Frauen damit nicht umgehen können und partout darauf bestehen selbst zu zahlen. Damit geht die gut gemeinte Geste völlig am Ziel vorbei und das ist schade.“

      So wie du jetzt schilderst, wird es mir klarer, dass die Bedienung das Problem ist.

      Wenn der selbstbewusste Akt der Frau am Anfang bloß Illusion ist, ja, dann wird es problematisch. Es stellt sich mir die Frage, welche Form des Selbstbewustseins Frauen (an sich selbst oder durch die Gesell.) haben? Halten sie diese durch? Inwieweit scheitern sie daran? Denn aus deinem Beispiel wird klar: scheitert die Frau in dieser Frage, wird man (als Mann) mit reingezogen.

      Vielleicht lauert der Anerkennungskonflikt genau in dieser Frage: Wie soll die Frau sein, mit welche Konsequenz?

      Gruß, David

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