Alles Supergeil oder was?

5 Apr

Hallo alle Miteinander,

auf Youtube bin ich auf folgenden Clip gestoßen: Der Tourist feat. Friedrich Liechtenstein – Supergeil. Allein die Person Friedrich Liechtenstein ist schon interessant, aber das Video erst! Ja, ja ich weiß, es ist recht poppig und der Text lässt einem vielleicht schmunzeln. Und nun? Was soll da interessant sein?  Das hatten wir doch schon mit Leider Geil von Deichkind. Alles Wiederholung, irgendwann wird es langweilig. Zudem gibt es eine  eine Edeka-Version von Supergeil mit Liechtenstein.

Wenn alles nur noch superlativ ist

Eines haben alle diese Clips gemeinsam: sie überspitzen den Drang der Werbe-Leute alles Mögliche in den Superlativ zu steigern. Einerseits hat diese Überspitzung einen kritisierenden Charakter. Hier ist Ironie im Spiel. Wenn Werbe-Leute dies aufgreifen (wie im Edeka-Clip) verliert es andererseits genau diesen kritisierenden Charakter. „Ha, Ha bei Edeka ist alles supereil..“. Wie ironisch kann so etwas sein? Ist sowas überhaupt noch ironisch?

ernste Kritik oder einfach nur „Fun“?

Meine Überschrift deutet schon zwei Extreme an, die ich mittig umgehen will. Niemand wird diesen Clips (am wenigsten bei Edeka) eine philosophisch fundierte  und systemerschütternde Kritik unterstellen (wollen). Das kann auch gar nicht deren Ziel sein. Sie sollen unterhalten. Auch wenn gut fundierte Kritik unterhaltsam vorgetragen werden kann, es geht hier nicht darum eine Position zu begründen, es wird nicht mal eine eingenommen! Dennoch wäre es falsch hier ausschließlich Unterhaltung zu unterstellen. Die Leute werden zwar unterhalten, ihnen wird ein Schmunzeln entlockt, aber es bleibt Raum zum weiterdenken. Jeder muss am Ende für sich selbst entscheiden, wie viel Kritik er oder sie aus den Clips zieht. Wie man damit umgeht ist und bleibt offen.

Das Politische an den Clips

Wenn doch gar keine philosophisch fundierte  und systemerschütternde Kritik unterstellt werden kann, wo sind diese Clips dann politisch? Manch einer mag hier einen Widerspruch sehen, indem ich mich verheddere. Wenn jeder für sich selbst entscheiden muss, wie viel Kritik er oder sie aus den Clips zieht, wenn also der Umgang damit offen ist, dann braucht es gar keine philosophisch fundierte  und systemerschütternde Kritik. Es kann gar nicht alles supergeil sein. Das ist wahrlich keine  systemerschütternde Kritik. Wir alle wollen doch ganz gerne erzählt bekommen, dass alles in Ordnung ist. Wie wir leben, arbeiten und konsumieren, dies alles soll konfliktfrei sein. Politik, Wirtschaft und Kulturschaffende wiegen uns (mehr oder weniger) in dem Gefühl, dass alles läuft.  Am Ende läuft es doch darauf hinaus, dass alles supergeil wird, ganz selbstverständlich.

Ich will das Ganze nicht überbewerten. Wenn sich ein homosexuelles Paar in tiefster bayrischer Provinz küssen hat dies höheres politisches Potential als diese Clips. Auf der anderen Seite: wenn die Clips völlig un-politisch sein sollen, weshalb hat man diese Texte gewählt und nicht Texte über die erste große Liebe?

Was bleibt ist Mittelmaß, ich finde das gut so.

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4 Antworten to “Alles Supergeil oder was?”

  1. tinyentropy April 5, 2014 um 17:26 #

    Mir selbst fällt oft auf, dass mein Sprachgebrauch für den Ausdruck von positiven Dingen ganz schön unterentwickelt ist.

    Wenn ich etwas toll finde, dann sage ich „cool“. Wenn mich jemand fragt, ob mir etwas gefällt oder ich ein schönes Geschenk bekomme, dass ich eigentlich super toll finde, dann bin ich oft zuerst sprachlos und sage dann auch „cool“. Wäre es nicht dann wenigstens angebracht „super cool“ zu sagen?

    Ich denke nicht. „Super cool“ ist vielleicht die Eistorte bei Edeka, aber nicht ein persönliches Geschenk. Die Wahrheit ist, mein Wortschatz hat sich eingeschränkt. Vielleicht, weil ich zu wenig klassische Literatur lese. Dabei gibt es doch so schöne Worte wie „schön“, „gut“, „beeindruckend“, „wundervoll“, „umwerfend“, „betörend“, „erfreulich“, „phänomenal“, „beglückend“, „fantastisch“, „genial“, „glücklich machend“, „sprachlos machen“ usw. und so fort. Alles ohne Steigerungsformen.

    • marien86 April 6, 2014 um 13:49 #

      Hallo tinyentropy,

      danke erstmal für deinen Beitrag. Ich denke, das, was du ansprichst bezieht sich nicht auf fehlende Worte. Du hast ja selbest welche genannt. Liegt es nicht eher daran, dass Worte wie „cool“ so sehr in uns eingebrannt sind, dass wir deren Nutzung nicht mehr bewusst reflektieren können?

      Die Soziologie beschäftigt sich sehr stark mit solchen Wissensbeständen, die unser gesellschaftliches Leben routinieren. Und „cool“ ist genau ein solcher Ausdruck für eine solche routinierte Verhaltensweise. Dass du deine Sprachlosigkeit mit dem Wort „cool“ überwindest, ist eine weitere Bestätigung für eine solche Routine. Sie ist komplexitätsreduzierend, sie erscheint uns als fraglos gegeben. Die Krux an de Sache ist, dass Reduktion halt keine Differenzierung erlaubt. Das Dilemma ist: will man ein paar Sekunden überlegen, um ein passendes Wort zu finden, während das Gegenüber auf eine (sofortige) Reaktion wartet? Oder drückt man sich über das Wort cool aus, ermöglicht damit eine sofortige Reaktion für das Gegenüber, und verzichtet auf eine angemessene sprachliche Würdigung dessen, was man gerade fühlt?

      Dieses Dilemma wird durch die Werbung, Politik und Wirtschaft noch verstärkt. Wenn Zeit Geld ist, muss man sich halt schnell verständlich machen. Quantität wird wichtiger als Qualität. Und auch dass, davon bin ich überzeugt, brennt sich in unsere unhinterfragten Wissensbestände ein.

      Ich bin ganz weit davon entfernt zu sagen, dass früher alles besser war. Aber man muss fairerweise zugestehen, dass eine sich profesionalisiernede Werbebranche und eine immer stärkere Vielfalt von immer dem Selben, für uns nicht gerade hilfreich ist.

      Vielleicht zeichnet es den Wert eines Geschenkes aus, wenn man sprachlos entgegen nimmt. Sprachlosigkeit ist auch eine Sprache. Man kann eben nicht-nicht-kommunizieren.

      Gruß, David

      • tinyentropy April 6, 2014 um 15:04 #

        Du hast den Kern all dessen, was ich mit meinem Kommentar ausdrücken wollte, auf den Punkt getroffen. Cool! 😉

        Ja, es fehlt die Reflexion. Darum ging es mir. Du hast eine gute Erklärung gefunden, warum wir nicht mehr reflektieren, selbst wenn wir an sich nicht oberflächlich sind. Die Quantität der Kommunikation hat massiv zugenommen.

      • marien86 April 6, 2014 um 15:45 #

        Tja Tiny,

        da kann man nur noch sagen: super Argumente, super Leute, super Talk: Supergeil. 🙂

        Für irgendwas müssen sich die letzten 6 Jahre ja gelohnt haben, denn das ist genau ein Kerngebiet der Politologie, Soziologie: die sich reduzierende Qualität (politischer) Kommunikation.

        Gruß, David

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