Schneller als der Mensch erlaubt

27 Jul

Hallo alle Miteinander,

 

durch Zufall bin ich auf Youtube auf dieses Video gestoßen: WDR COMPUTERCLUB REPORT – Kommt das Internet 2.0? Die Sendung wurde im November 1998 ausgestrahlt. Dort wird bereits IPv6 diskutiert, auch die Engpässe der Bandbreiten für die Provider und die Wissenschaft kommen dort zur Sprache.

Heute existiert IPv6, es kommt aber erst allmählich in Fahrt. Auch die Diskussion um die Engpässe der Bandbreiten für die Provider und die Wissenschaft sind noch immer die selben. Wirklich viel hat sich in den letzten 16 Jahren wohl nicht geändert, mag man da meinen. Doch wie viel Änderung ist Veränderung?

Als ich Ende der 1990er meinen ersten PC besaß, wählte ich mich über ein 56k-Modem ins Netz ein. Meine Mutter erlaubte mir damals maximal eine Stunde „Aufenthalt im Netz“. Mehr war unbezahlbar. Auch wenn die Diskussion um Drosselkom, Neztneutralität und Co. (im Sinne des Nutzers) notwendig sind, der Nutzer hat heute mehr Möglichkeiten denn je, sich im Internet zu betätigen. Möglichkeiten, von dehnen vor 20 Jahren Niemand zu träumen gewagt hätte.

Der Computer und damit das Internet hat uns alle überrumpelt. Dies zeigt diese 20 Jahre alte Produktion der BBC: Eine Maschine verändert die Welt – Wie die Computer rechnen lernten. Dort wird sehr anschaulich aufgezeigt, wie binnen weniger Jahrzehnte, die kühnsten Prognosen über den Haufen geworfen werden mussten. Etwas provokant formuliert: die Geschichte des Computers ist eine Geschichte der Fehleinschätzung. 

Unsere heutigen Politiker sind also nicht allein, wenn sie falsche Entscheidungen treffen, wenn sie Prognosen glauben, die mehr als ungewiss sind. Ich meine „falsch“ hier gar nicht (ab)wertend. Könnte ich eine „bessere“ Entscheidung fällen? Keine Technologie hat in so kurzer Zeit sie tiefgreifende Entscheidungen erfordert wie die Technologie der Informationsverarbeitung.

Es ist gar nicht so unwahrscheinlich, dass sich die Gesellschaft, Wissenschaft und Technologie weiter beschleunigen werden. Immer tiefgreifendere Entscheidungen müssen in immer kürzerer Zeit getroffen werden. Als Politikwissenschaftler beunruhigt mich dies sehr. Denn (demokratische) Entscheidungen brauchen Zeit und Expertise. So können Fehlentscheidungen wenigstens minimiert werden. Nur: wer hat die Zeit und wer hat die Expertise? Wer will Zeit und Expertise in den demokratischen Prozess einspeisen? Woanders lässt sich Zeit und Expertise in sehr viel Geld und soziales Kapital umwandeln.

Klar, was ich eben beschrieb gab es schon immer. Dieses Phänomen ist aber problematischer als jemals zuvor.

Mir geht es nicht darum beispw.  Atomenergie oder Gentechnologie zu verdammen. Forschung auf diesem Gebieten halte ich für sehr wichtig. Ich frage mich eher: stürzen wir uns nicht zu früh ins kalte Wasser? Exportieren wir (noch) nicht kalkulierbare Risiken zu stark in die Zukunft?

Was bei Computern und Internet ärgerlich wird, kann (könnte) bei anderen Technologien lebensgefährlich werden. Sich einzuigeln, jegliche Wissenschaft abzulehnen, bringt eine Gesellschaft nicht weiter. Denn nichts tun bringt nichts. Aber alles zu machen, „weil es geht“, alles einem vermeintlich guten Fortschritt unterzuordnen, lässt Wissenschaft und Gesellschaft zu leichtsinnig werden. Alles zu tun bringt nicht allen etwas. Es geht um das kritisch-positive Hinterfragen von Fortschritt, es geht um das kritische Hinterfragen der eigenen Möglichkeiten. Es geht darum, sich (im Zweifel) zurück zu nehmen, sich zu „entschleunigen“

Was sich hier so leicht schreiben lässt, das ist der Königsweg, die viel zitierte goldene Mitte. Wie Gesellschaften vor uns, werden wir uns an ihr abarbeiten. Ich frage mich: welchen Preis müssen wir dafür bezahlen?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: