Eigennutz 
und Eigentum (werden) verschwinden. Wirklich?

27 Sep

Hallo alle Miteinander,

den Titel dieses Betrages habe ich mir hier „ausgeliehen“. Der Ökonom Jeremy Rifkin im Interview. Er prophezeit das Ende des Kapitalismus:

Die neue, im Schoße der Zweiten Industriellen Revolution geborene Kommunikations- und Energie-Matrix [.] macht die auf Ausbeutung fossiler Energien beruhenden, vertikal strukturierten und auf dem kapitalistischen Markt agierenden Unternehmen zu einem Auslaufmodell.

Er begründet:

Eine neue Generation von Produzenten und Konsumenten hat sich längst auf den Weg in eine neue Gesellschaft gemacht, in der die Grenzkosten für die Produktion und den Austausch von Gütern gegen Null gehen. Wenn diese gegen Null tendieren, können alle Güter im Überfluss produziert und ausgetauscht werden, und es ist kein Profit zu machen. Die großen Konzerne gehen bankrott.

Das erinnert mich an die Replikatoren aus Star Trek. Wenn wir alle, alles zu jeder Zeit einfach produzieren könn(t)en, würden Kosten tatsächlich sinken. Nur hängt der Wert eines Gutes nur (vor allem) von seinen Kosten ab?

Leute kaufen Markenprodukte: schnelle Autos, ohne Alltagsnutzen; Mode, um ihren Status zu zeigen… Überhaupt es geht um Status. Es geht nicht um die Frage: was ist nützlich? Es geht um die Frage: wie zeige ich den sozialen Status an, den ich behaupte zu haben?

Red Bull z. B. verkauft nicht nur Energy-Drinks. Sie verkaufen Status. All die Aktionen, die die Firma so aufzieht, all das Marketing und die schönen Bilder: es geht gar nicht um eine Ware! Es geht um ein Gefühl, um eine Emotion. Ja, ich höre mich so an wie Marketing-Fuzzi. Denn Marketing funktioniert. Ob bei Apple, Red Bull oder einen Stromversorger (der auf Öko macht), das Produkt tritt in den Hintergrund. der soziale Status eines Produktes wird verkauft.

In dieser schönen Replikator-Zukunft wird auch der Superstar Bob Schneiderreit seine überteuerten Produkte los werden. Auch in Zukunft werden sich die Leute abgrenzen wollen. Sie konstruieren sich ihre Zugehörigkeit zu einer Gruppe, sie schmücken diese über bestimmte Symbole aus. Es geht nicht um die Replikatorkopie. Es geht um das Original. Man wird Erkennungsmerkmale für diese Originale finden. Unternehmen werden die Suche des Menschen nach (vermeintlicher) Individualität immer zu nutzen wissen.

In Zukunft werden bestimmt mehr Menschen Dinge tauschen und teilen als jetzt. Doch der Wunsch nach dem Eigenem, nach dem „Eigenartigen“ wird nicht verschwinden.

Was heute mit „Energydrinks“ funktioniert wird morgen mit ganz anderen Dingen funktionieren. Es bleibt zu hoffen, das die Welt ein bisschen friedlicher, ein bisschen humaner wird.

Eine Utopie braucht  den utopischen Menschen. Es ist nicht Technik, die Utopien schafft, es ist der Mensch.

Interessanterweise hat das Referendum über die schottische Unabhängigkeit eines gezeigt: wenn es um das liebe Geld geht, kann das Streben nach Unabhängigkeit in den Hintergrund treten. [Ich habe die Diskussion so verstanden, das viele Schotten darüber unsicher sind, ob eine Eigenständigkeit den ökon. Mehrwert bringt, den die Regierung verspricht. Es bleibt die Sorge, das kurzfristiger es teurer werden könnte (EU-Mitgliedschaft – wann? brit. Pfund oder eigene Währung? Was ist mit den eingezahlten Rentenbeiträgen, die in London liegen?]

Unter bestimmten Voraussetzungen sind wir bereit, unsere Eigenständigkeit aufzugeben. Eine Gesellschaft bestand nie, nur aus Egoisten.

Die goldene Mitte wird darin bestehen, dass Verhältnis von Individuum und Gesellschaft auszutarieren, immer wieder. Und dieses Verhältnis ist sozial konstruiert. keine Maschine, keine Produktionsweise wird dieses Verhältnis bestimmen. Das müssen wir selbst tun. Was aus dem Kapitalismus wird hängt von uns ab. Grenzkosten gegen null sind da egal.

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6 Antworten to “Eigennutz 
und Eigentum (werden) verschwinden. Wirklich?”

  1. alphachamber September 27, 2014 um 19:41 #

    „…Nur hängt der Wert eines Gutes nur (vor allem) von seinen Kosten ab?…“
    Gerade diese Frage hat der alte Marx schon negativ beantwortet.
    Vor allen Dingen wären „Ökonomen“ wie Rifkin zu fragen, w a s nach dem „Auslaufmodell“ denn kommen soll. Mit was er dann wohl seine Brötchen bezahlt – mit Liebe? Der Zug der Bedarfsdeckung ist seit ca. 1000 Jahren abgefahren.
    Grüße

    • marien86 September 27, 2014 um 23:14 #

      Hallo alphachamber,

      mich würde interessieren, wie Sie auf die Zahl 1000 kommen? 1014 dürften einige Menschen im heilig. röm. Reich. unterernährt gewesen sein. Das ändert natürlich nichts an Ihrer Feststellung, dass die Grundbedürfnisse heute gedeckt sind. Man könnte soweit gehen und sagen, dass die Menschen der Steinzeit (in einer guten Jagdsaison) materiell „gesättigt“ waren. Da wäre dann die Frage: was ist Grundbedarf?

      Gruß

      • alphachamber September 28, 2014 um 00:03 #

        Hallo und Danke für Ihre Antwort.
        „Bedarfsdeckungsprinzip“ nennt man die vorkapitalistische Wirtschaft, welche vom „Erwerbsprinzip“ (ca.) ab dem frühen Mittelalter bis zum Kameralismus abgelöst wurde (siehe z.B. Sombart, „Der moderne Kapitalismus“, 1916).
        Bedarfsdeckung bedeutet hier nicht, das der Bedarf für jeden tatsächlich gedeckt war, sondern, dass die Menschen noch keine Mittel über ihren Bedarf hinaus anhäuften.
        Im Konzept des Antikapitalismus liegt die Forderung nach dieser Rückkehr zur Bedarfsdeckung.
        Grüße

      • marien86 September 28, 2014 um 11:38 #

        Hallo alphachamber,

        danke für Ihre Erläuterungen, man lernt nie aus. Ich lese gerade ein Buch, wo sehr anschaulich beschrieben wird wie ineffizient Großgrundbesitzer im zaristischen Russland gewirtschaftet heben. Die hatten viel Boden und viel Land. Wirklich etwas verdient haben sie nicht, im Vergleich zu ihren Pendants im Westen.

        Ihre Definition wird die Wirtschaftsform der damaligen Zeit gut beschreiben. Nur, es wurde eben nicht (vergleichsweise) viel angehäuft. Vielleicht war so mancher mittelalterlicher Fürst ärmer als ein Sparkassendirektor heute. Der kann sich viel mehr Arbeitskraft kaufen, als es der Fürst je gekonnt hätte.

        Gruß

  2. alphachamber September 28, 2014 um 12:21 #

    Ja, diese Übergangsphase ist der Schlüssel zum Verständnis der Entwicklung zu den kapitalistischen Strukturen. Wenn Sie Näheres Interesse haben, gibt es nichts Besseres als: „Geschichte der Volkswirtschaftlichen Thorien“, Alfred Kruse, 1953, für ein paar Euro antiquarisch. Schönen Sonntag.

    • marien86 September 28, 2014 um 12:30 #

      Danke für die Antwort und den Literaturhinweis

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