Citizen Science – Bürger als Wissenschaftler?

6 Dez

Hallo alle Miteinander,

 

in diesem Podcast bin ich auf das Thema Citizen Science gestoßen. Der Wissenschaftstheoretiker Peter Finke erklärt im Interview was er unter dem Begriff versteht. Zugegeben, der Begriff ist missverständlich. Denn sind wir nicht alle Bürger. Sind nicht auch die Wissenschaftler Bürger, Mitglieder ihrer Gemeinschaft? Der Begriff soll eine Gegenposition zum etablierten Wissenschaftsbetrieb skizzieren. Eine eigene Welt habe sich um den Wissenschaftsbetrieb gebildet, so Finke. Einerseits haben sich die einzelnen Disziplinen der Wissenschaft immer weiter ausdifferenziert. Keiner überblickt mehr die gesamte Disziplin. Andererseits haben sich immer neue Disziplinen herausgebildet. Wir können mit immer mehr Messtechnik die Welt vermessen, mit immer schnelleren Computern die Messdaten verarbeiten. Es wird klar, dass wir immer Menschen brauchen, die sich im Hauptberuf mit Forschung und Wissenschaft beschäftigen.

Und dennoch: es gibt Laien, die dem Berufler Wissenschaftler helfen können. Finke macht dies an einigen Beispielen klar. Eine Person, die sich über Jahrzehnte mit Vogelkunde beschäftigt, die ein bestimmtes Nistgebiet „aus der Westentasche“ kennt, verfügt über sehr viel Wissen oder zumindest über Erfahrung. Und genau dies kann dem Gegenüber aus der Universität fehlen. Der Wissenschaftler kann gar nicht über Jahrzehnte ein bestimmtes Gebiet beobachten und protokollieren. Der Laie wiederum hat gar nicht die Möglichkeit seine Erfahrung wissenschaftlich auszuwerten. Auch kann er dies nicht in einen größeren Zusammenhang stellen. Das Pendant aus der Uni kann es. Ein weiteres Beispiel: eine Gruppe interessierter Menschen verfasst ein Buch über wichtige weibliche Persönlichkeiten ihrer Stadt. Dem Historiker fehlt dafür die Zeit und / oder der Forschungsauftrag. Dennoch kann die Arbeit dieser Gruppe für die Historiker relevant sein. Nicht alles was Laien an Forschung und Recherche treiben ist für den Wissenschaftler ausschließlich nutzlos. Finke stellt aber auch klar: die Zuarbeit von Menschen, außerhalb der Universitäten, hat ihre Grenzen. Laien können keinen Fusionsreaktor bauen. Und so manche Theorie, die sich Jemand ausgedacht hat, kann genauso falsch sein, wie sich auch eine wissenschaftliche Theorie als falsch heraus stellen kann. Nur wenn man die eigenen Grenzen erkennt kann man die Nützlichkeit abschätzen.

Finke geht es darum die Fachwissenschaft aus dem „Elfenbeinturm“, aus der selbst auferlegten Isolation zu holen. Damit meint er eben die Ansicht vieler Wissenschaftler, dass alles was Laien an Forschung und Recherche treiben ist für sie ausschließlich nutzlos sei. Und seinen wir mal ehrlich: ist eine wissenschaftliche Ausbildung, sind Titel und Publikation die einzigen „wahren“ Belege für wissenschaftliche Arbeit? Klar, all dies sind Hinweise für wissenschaftliches Arbeiten. Wissenschaftliche Ausbildung ist richtig und notwendig. Sie ist aber nicht alles. Schließlich sind wir alle Menschen.

Ein organisationssoziologischer Exkurs

Es gibt einige gute Gründe warum sich der Wissenschaftsbetrieb weiter von der Gesamtgesellschaft entkoppelt hat. Wissenschaft kostet viel Geld. Gerade die Naturwissenschaften benötigen erheblich Budgets für Messgeräte und Computerinfrastruktur. Und dieses Geld kommt von Staat und vermehrt auch von der Wirtschaft. Wenn man dieses Geld haben will, dann muss man sich an diese Subsysteme anpassen. Man beginnt Forschungsanträge zu schreiben. Man überlegt sich: was überzeugt mein Gegenüber, dass meine Forschung (für ihn) wichtig ist. Oftmals werden Antworten erwartet, die ja eigentlich die Forschung erst bringen soll. Ich stelle hier meine private These auf, dass Wissenschaft (um der Erkenntnis willen) in den Hintergrund tritt. In den Vordergrund tritt das Ziel den Wissenschaftsbetrieb am Laufen zu halten. Er wird mehr und mehr zu einer Bürokratie. Auch der Staat und Wirtschaftsunternehmen sind Bürokratien. Alle drei gesellschaftlichen Subsysteme gleichen sich an, sie werden isomorph. In Bürokratien ist es schwierig, das Potenzial des Einzelnen zu erkennen. Ausbildungszeugnisse, Titel und Publikationen machen es in Bürokratien leicht diese Potenziale zu messen. Dass diese Messungen zuweilen ungenau oder verfälscht sein können, dies wird in Kauf genommen. Der Laie ist für den derzeitigen Wissenschaftsbetrieb deshalb irrelevant, weil nicht messbar ist. Mit ihm lassen sich keine Jobs im Wissenschaftsbetrieb setzen, er hat keine Qualifikationen, mit denen man protzen kann. Der Laie mag etwas wissen, was der Wissenschaftler nicht weiß. Nur, dieses Wissen trägt nicht zum Erhalt des Wissenschaftsbetriebes bei.

Warum sollten die Forschungsorganisationen ein Interesse haben Citizen Science zu fördern? Diese Organisationen existieren, weil sie professionell sind, weil ihre Arbeitsweise als notwendig erachtet wird. Für sie wird sich die Frage stellen: inwieweit erhöht Citizen Science unser Budget, zementiert unsere Stellung?

Am Beispiel Citizen Science vs. Wissenschaftsbetrieb wird das Spannungsverhältnis Individuum ↔ Organisation deutlich. Das Individuum ist ein Bestandteil vieler Organisationen, es finanziert indirekt viele Organisationen. Seine Fähigkeiten werden für diese Organisationen wertlos, je nach Perspektive. Bin ich Arbeitnehmer, bin ich Kunde oder bin ich Teil eines Produkts? Bin ich Politiker, bin ich Wähler oder bin ich nur „Gast“ (auch wenn ich seit 25 Jahren Steuern hier zahle und die Gesellschaft am Leben erhalte)? Bin ich „Experte“ bin ich Fachkundiger oder bin ich Laie? Letzterem droht immer die Gefahr durch Desinformation manipuliert zu werden. Citizen Science stellt eine wichtige Ergänzung zum Wissenschaftsbetrieb dar. Ihre Wirkmächtigkeit ist begrenzt und die Widerstände in der Wissenschaftsbürokratie erscheinen mir sehr hoch.

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