Vom Erwachsensein

3 Jan

Hallo alle miteinander,

wann ist man eigentlich „erwachsen“?

der Staat sagt, man ist es wenn man volljährig (18 Jahre) ist (u. U. kann das Jugendstrafrecht bis zu einem Alter von 21 Jahren angewendet werden). Das ist die konkreteste Antwort auf meine Frage, die ich bisher erhalten habe.

Haben wir uns als Kinder und Jugendliche nicht alle danach gesehnt erwachsen zu sein? Nun ist man es. Bei den Freunden und bei Einem selbst ist Ernüchterung eingekehrt. Der Zauber ist weg. Es ist wie Bartwuchs, es ist, als würden die ersten grauen Haare kommen. Es ist einfach da, man arrangiert sich damit. All die Rechte und Möglichkeiten, die man einst ersehnte, sie sind selbstverständlich geworden.

Die Pflichten und Einschränkungen konnten wir als Kinder gar nicht sehen. Woher kommt das Geld? Woher weiß man, dass man das Richtige tut? Wer ist vertrauenswürdig? Man kann ganz schon auf die Fresse fallen. Ob selbst verschuldet oder nicht.  Es tauchen Ängste und Zweifel auf. Das Leben wird zu einem ständigen Abwägen. Neben Spontanität tritt Planung. Naivität wird vom kritischen Denken an den Rand gedrängt.

All dies, es ist einfach da. Auf einmal ist man „erwachsen“. Plötzlich erscheint es einem fraglos gegeben. Es ist die Grundstruktur unserer Lebenswelt. Es gibt keine Grenze zwischen dem Jugendlichen und dem Erwachsenem. Beide Lebensabschnitte fließen so stark ineinander über dass kein Übergang mehr erkennbar ist.

Wir werden auf diesen Abschnitt vorbereitet. Doch kann man sich darauf wirklich vorbereiten? Weiß ein Erwachsener nur mehr als andere Menschen? Denkt ein Erwachsener nur anders als andere Menschen? Auch hier finde ich eine klare Genziehung ist nicht möglich. Mit steigendem Alter verinnerlichen wir mehr und mehr Dinge. Vieles, was wir tun, tun wir aus Routine. Das Erwachsensein ist gewissermaßen ein Set von Routinen, die wir im Alltag, in der Arbeitswelt aber auch im Privatleben abarbeiten.

Das Erwachsensein ist das Ankommen in der Alltagswelt. Unsere Entdeckungsreisen beschränken sich auf den Urlaub oder das Hobby ( u. U. auf die Arbeitswelt). Das Erwachsensein ist eine Auseinandersetzung mit der Alltagswelt. Hobbies und der Urlaub sind ja die Flucht aus dieser Welt. Wir suchen uns Räume, wo wir nicht mehr die Routinen des Alltags abspielen müssen. Doch wollen wir eigentlich den Alltag völlig verlassen? Wollen wir wieder zum Kind werden? Diese Auseinandersetzung besteht aus der Suche nach dem Mittelweg: wie viel Naivität, wie viel Spontanität ist noch möglich? Wie viel Alltag brauchen wir um unseren Pflichten Rechnung zu tragen? Wie stark müssen wir uns an die Gesellschaft anpassen? Wann sind wir zu stark von uns selbst entfremdet?

Das Erwachsensein erscheint uns ab einem gewissen Zeitpunkt als fraglos gegeben. Es ist sowohl das Ankommen in einer Alltagswelt als auch eine Auseinandersetzung mit eben dieser Welt. Die Rechte und Möglichkeiten, die Pflichten und Einschränkungen werden (mehr oder weniger) in unseren Alltag integriert. Das Erwachsensein ist eine ziemlich unspannende Sache. Und doch enthält sie Spannung. Sonst wäre unser Leben ziemlich fade. Es gibt keine Antwort auf die Frage, wann man erwachsen ist. Ich musste erst erwachsen werden, um diese Antwort zu finden.

Lektüre zum Thema Alltagswelt:

Schütz, Alfred / Luckmann, Thomas (1979): Strukturen der Lebenswelt, 17 Auflage. Frankfurt a. M.   Ein eher soziologisches Werk aber mit klaren Erklärungen zum Begriff.

Lefebvre, Henri (1987): Kritik des Alltagslebens. Grundrisse einer Soziologie der Alltäglichkeit. Frankfurt a. M.

Ein eher philosophisches Werk, thematisiert die Flucht aus der Alltagswelt und die Entfremdung, die wir von uns selbst erfahren, wenn wir mit der Gesellschaft interagieren.

 

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