Von Krisen und Gemeinsamkeiten.

14 Feb

Hallo alle Miteinander,

die Nachrichten berichten schon lange über allerlei Krisen: die Griechische Krise, die ukrainische Krise und der IS-Terror. Alle diese Phänomene sind sehr unterschiedlich. Es es gibt verschiedene Akteure, verschiedene Interessen, verschiedene historische Ursprungssituationen und diese Phänomene spielen sich alle an unterschiedlichen  geographischen Orten ab.

Ich sehe aber eine große Gemeinsamkeit zwischen diesen Phänomenen, den Krisen: das Politische flammt dort auf. [für eine nähere Definition des Politischen siehe hier]

Griechenland und seine Würde

Alexis Tsipras hat versprochen, die Würde des griechischen Volkes wiederherzustellen. Ein großes Wort. Es bedeutet nichts anderes als: wir verkennen das Handeln unserer Geldgeber. Sie haben uns verkannt. Die Mechanismen der Euro-Rettungspolitik werden als wirkungslos klassifiziert. Die Geldgeber werden sich im Gegenzug fragen, ob Griechenland verlässlich ist. Ich will hier nicht werten, ob diese Politik gut oder schlecht war, ob sie zielführend oder ziellos war. Das überlasse ich Anderen. Fakt ist jedoch, dass die Geldgeber und die griechische Regierung auf eine Kompromissunfähigkeit zulaufen. Ganz unabhängig von der ökonomischen Situation: wer sich gegenseitig verkennt, der kann keine Kompromisse schließen. Kompromissfähigkeit braucht Anerkennung. Politik braucht Kompromissfähigkeit. Die griechische Regierung hat hier die eindeutig schwächere Position. Man wird versuchen noch geringere Zinsen bei noch längeren Laufzeiten zu zahlen. Die Wahlversprechen wird man nicht einlösen können.

Für die Griechen kann es egal sein, wer gerade regiert. Man wird ihnen nicht das geben können, was sie sich erhoffen. Das ist ihr Dilemma. Das ist ihre Ausweglosigkeit. Die Mechanismen der Politik können in Griechenland nicht mehr greifen. Wenn irrelevant wird, wer gewählt wird, ist die Wahl noch relevant? Die außenpolitische Krise hat bereits eine Krise im Innenland geschaffen. (s. den Stimmgewinn von Tsipras innerhalb kurzer Zeit)

Russland und seine Stärke.

Ob Russland wirklich „stark“ ist, auch dass kann ich nicht bewerten. Es (Putin) suggeriert jedenfalls Stärke. Es entwirft eine Gegenposition zum Westen. Es entwirft ein neues Narrativ. Man hält zusammen, man schränkt sich ein. Wenn es um das große Ganze geht, dann zieht man mit. Wie stark dieses Narrativ wirkt weiß ich nicht. Nicht ohne Grund wird in Russland Propaganda betrieben. Und nicht ohne Grund gibt es Gegenpropaganda. Da die Wahrheit im Krieg als erstes stirbt ist dies nur Rauschen.

Da wo Krieg herrscht ist die Politisierung schon vorangeschritten. Wer aufeinander schießt, dann ist die Politik gescheitert. Krieg ist eben nicht die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Im Krieg wird nicht nach Kompromissen gesucht. Auf welche Regeln kann man sich im Krieg noch verlassen?

Niemand weiß was aus diesem Krieg wird. Niemand weiß wie bodenlos das Ganze ist. Putin ist offensichtlich bereit einige Ressourcen in sein Gegennarrativ zu investieren. Wie viel wollen wir hier im Westen investieren? Was werden wir wirklich tun? Was wollen wir nur inszenieren? Liegt unser Dilemma nicht in der Differenz zwischen wirklichem Handeln und reiner Inszenierung? Einige Ukrainer werden sich heute schon fragen: sind wir nicht Opfer dieses Dilemmas? Was ist unsere Souveränität (damit auch die Identität) wert?

Der IS und sein Terror.

Wie ich hier bereits ausführte, Terror will nicht verhandeln, er will sich nicht in Strukturen einbinden lassen. Wer sein Leben für eine Ideologie weg wirft, dem ist das alles scheiß egal. Terror ist ein Instrument um das Politische “in Reinform zu induzieren”. Der Krieg, die Gewalt, der Terror selbst ist Ausdruck des IS. Wo das Saudische Königshaus den Westen anerkennt es dort Geschäfte macht, lehnt es IS den Westen ab. Er wird bekämpft. Die Saudis werden als Komplizen des Westen bekämpft. Dabei scheint mir der ideologische Unterschied zwischen dem Wahabismus und der IS-Ideologie nicht allzu groß. Wie bereits angedeutet, die Saudis sind pragmatisch. Für den Machterhalt arrangiert man sich mit dem Westen. Dieses Arrangement geht dem IS zu weit. Der IS definiert wer Moslem sein darf. Die IS definiert wer ihr Kalif sein darf.

Ob das alles konform ist mit der Rechtstradition des Islam? Ich behaupte nein. Sie lehnen sogar die Spielregeln der eigenen Religion ab. Für sie gelten keine externen Regeln. Während im Fall Griechenland und Russland und Ukraine noch „Hoffnung“ besteht, ist dies im Fall IS ausgeschlossen. Erstere können durch Mechanismen der Anerkennung noch eingelegt werden. Man einigt sich auf bestimmte Prozedere und handelt Kompromisse aus. Und wenn es nicht Kompromisse sind, so werden zu mindestens Vereinbarungen getroffen. (die hoffentlich eingehalten werden) Im Fall IS halte ich dies für ausgeschlossen. Dort gibt es kein Potenzial für Politik. Jede Politik wird dort scheitern. Also bleibt der Krieg als letztes Mittel.

Fazit

Alle drei betrachteten Phänomene beinhalten das Politische. Der Grad der Politisierung unterscheidet sich bei den drei Phänomenen: eher gering bei Griechenland; mittel im Fall Russland/Ukraine; eher hoch im Fall IS. Identitätskonflikte sind bei allen betrachteten Phänomenen gegeben. Sie sind die Ursache der Politisierung. In zwei der drei betrachteten Fälle kann die Politisierung in Mechanismen der Politik überführt werden. Damit sind die Konflikte prinzipiell verhandelbar. Der Fall IS führt zum Schluss, dass Verhandlungen dort unmöglich sind. Um von einer Politisierung in Mechanismen der Politik zu kommen, braucht es externe Spielregeln. Diese werden von der IS nicht anerkannt.

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4 Antworten to “Von Krisen und Gemeinsamkeiten.”

  1. tinyentropy Februar 16, 2015 um 20:57 #

    Gefällt mir gut, Dein Vergleich. Insbesondere, dass Du treffend die Identitätsprobleme als den Kern herausstellst. Auch ich glaube, dass man gegen den IS nur noch militärisch vorgehen kann. Wenn jemand einem bereits den Krieg erklärt hat, bringt es ja nichts, davor die Augen zu verschließen. Zum Thema Ukraine frage ich mich manchmal, was ich eigentlich für ein Interesse an den Ukrainern habe. Natürlich ist es ein wichtiges Land an der Grenze zu Russland. Natürlich spielt es deshalb eine Rolle. Aber ich finde es nicht richtig, dass wir vor dem Schicksal der Menschen in Syrien die Augen verschließen, aber um die Ukraine stattdessen ein solcher Hype gemacht wird. Ich fühle mich den Ukrainern nicht wesentlich mehr verbunden als den Syriern. Oder anders ausgedrückt, den Syriern nicht weniger als den Ukrainern. Viele gebildete Syrier haben bessere Manieren als so mancher Ukrainer.

    • marien86 Februar 16, 2015 um 22:01 #

      Hallo tinyentropy,

      ich denke das Problem ist: wir haben begrenzte Aufmerksamkeitsressourcen. Es gibt so viele Dinge, die unsere Aufmerksamkeit erfordern, uns fehlen die Ressourcen. Dazu kommt: wenn viele Konflikte gleichrangig sind, sie aber nicht in dem selben Maße mit Ressourcen (der Problemlösung) „versorgt“ werden können, dann haben wir ein ethisches Dilemma.

      Wir leben in einer Gesellschaft des „Durchwurstelns“ Neben planvollen, strategischen Optionen tritt das „Fahren auf Sicht“. Auf der einen Seite wächst das Potential einer Politisierung weltweit (Mangel, Misswirtschaft, Ignoranz). Auf der anderen Seite nimmt unsere Fähigkeit Politik zu machen ab. Das gilt für den Einzelnen aber auch für die Gesellschaft als Ganzes (mangelnde Ressourcen).

      Überfluss ist Mangel. Handeln ist Nichts-tun. Wissen ist Nichtwissen. Was sich wie Neusprech anhört, hat einen sehr alten Kern. Die Widersprüche, die es immer gab, treten immer stärker zu tage. Der Wunsch, dass uns die Modernisierung zu gereiften, mündigen, wissenden und aktiven Menschen macht wird ein Wunsch bleiben. Wie gesagt, der Überfluss (an Handlungsoptionen) stürzt uns in einen Mangel: was sollen wir tun, was sollen wir wissen, wie sollen wir sein? Bewusstsein (auch über die eigene Identität) ist sowohl Bug als auch Feature.

      Und: viele Gebildete Brandenburger haben bessere Manieren als so mancher Nordrhein-Westphale. Ich weiß also welcher Volksstamm mir näher liegt. 🙂

      Gruß, David

      Anmerkung: auch wenn ich deinem Schlusssatz humorvoll begegnet bin, überlege dir ob er für deine Argumentation vorher nützlich war. Was haben gute Manieren mit einem Interesse an Konflikten zu tun?

      • tinyentropy Februar 17, 2015 um 07:38 #

        Mit dem letzten Satz habe ich es bewusst übertrieben. Aber es ist natürlich eine Summe Aussage.

        Habe gestern eine Doku über Nanotechnologie geschaut. Kurz und knapp. Diese wird unsere ganze Welt umkrempeln, sowie auch die Informatik. Wenn man sich mit den Zukunftsprognosen auseinandersetzt kann man traurig werden. Denn man merkt die Begrenztheit des eigenen Lebens. In diesem Sinne verstehe ich auch Deine Aussagen. Die immer schneller werdenden Entwicklungen drohen uns abzuhängen und zu überfordern. Wenn man sich dann noch zum jetzigen Zeitpunkt in einer schlechten Ausgangssituation wähnt, verlieren die Menschen ihre Zuversicht und Identität.

      • tinyentropy Februar 17, 2015 um 07:39 #

        Mit dem letzten Satz habe ich es bewusst übertrieben. Aber es ist natürlich eine dumme Aussage.

        Habe gestern eine Doku über Nanotechnologie geschaut. Kurz und knapp. Diese wird unsere ganze Welt umkrempeln, sowie auch die Informatik. Wenn man sich mit den Zukunftsprognosen auseinandersetzt kann man traurig werden. Denn man merkt die Begrenztheit des eigenen Lebens. In diesem Sinne verstehe ich auch Deine Aussagen. Die immer schneller werdenden Entwicklungen drohen uns abzuhängen und zu überfordern. Wenn man sich dann noch zum jetzigen Zeitpunkt in einer schlechten Ausgangssituation wähnt, verlieren die Menschen ihre Zuversicht und Identität.

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