Das Phänomen PEGIDA: die Angst des Kleinbürgers

28 Feb

Hallo alle Miteinander,

es ist nun etwas ruhiger um PEGIDA geworden. Zeit also für eine Analyse. Ich komme aus einer sozialen Schicht, die man mal als kleinbürgerlich bezeichnet hat. Zwischen dieser Schicht und der PEGIDA-Bewegung gibt es einige Verknüpfungen. Dabei reicht das Spektrum zwischen offener Sympathie und einer wohlwollenden Duldung (lasst die doch machen!). Diese Verknüpfungen haben ihre Ursachen in bestimmten Ängsten und (Fehl)Wahrnehmungen. Ich werde diese auf drei Aspekte eindampfen.

1. Verdrängung

In Diskussionen läuft es häufiger auf folgenden Punkt hinaus:

Ich weiß, dass da Nazis mitmarschieren. Das ist zwar doof, aber die eigentliche Idee hinter PEGIDA ist in Ordnung. Man muss das trennen.

Es wird so getan, als ob die Nazis und der Rest der Sympathisanten vollständig getrennte Lager wären. Hier der friedliche kleine Bürger, dort die gewaltbereiten Krawallmacher. Diese Abgrenzung und Verdrängung macht es so schön einfach. Man kann doch gar nichts schlechtes wollen. Damit komme ich schon zu Punkt zwei

2. Überhöhung (der eigenen Position)

Wir sind die kleinen Leute. Wir halten die Gesellschaft am Laufen. Wir erziehen unsere Kinder, engagieren uns im Sportverein. Wir sind die Basis!

Diese Aussage ist ohne Frage richtig. Sie kann aber schnell zu einer Fehleinschätzung führen. Viele neigen nun dazu, die Eliten sowie die sozial Schwachen abzuwerten. Man könne ja eigentlich gar nicht „falsch“ handeln. Man wurde entsprechend erzogen, man hat den entsprechenden Freundeskreis (der einen korrigieren soll!?).

Was war eigentlich mit den ganzen Nazis im dritten Reich? Waren das nur Hitlers Eliten? Waren dies nur gescheiterte Existenzen? All die Hunderttausende Parteimitglieder, all Diejenigen, die von den Arisierungen profitierten. Hat der kleine Bürger da wacker gegen das System gekämpft? Haben sich Freundeskreise gegen den Nationalsozialismus verschworen?

Wenn es Hitler-Deutschland einmal gab, hat dies ein Potential gezeigt: Unter bestimmten Umständen wird ein Hitler-Deutschland möglich sein. Die Eliten und eben auch der Kleinbürger könnten (bzw. würden) dies dulden.

Dieser Punkt ist mir so wichtig, weil er stets absolut geleugnet wird:

Wir sind keine Nazis. Und wir werden nie welche sein. Mit denen haben wir nichts zu tun!

Als Jemand der eher links orientiert ist gebe klar zu: auch ein stalinistisches Deutschland ist möglich. Auch ich kann in eine Situation geraten, wo ich dieses System unterstütze. Ich kann nicht garantieren, dass ich immer „gutes“ und „falsches“ Verhalten klar trennen kann. Genau diese Selbstkritik fehlt mir. Ich habe eben doch etwas mit den Links-Radikalen zu tun. Genau deswegen ist mir so mulmig.  Dieses mulmige Gefühl schützt mich vor dieser Selbstgewissheit, die jeden Tag bei den Kleinbürgern erlebe (die haben übrigens kein Problem mit dem Begriff).

Diese Selbstgewissheit schützt aber auch vor Fakten. Es geht nicht darum ob Islamiserung stattfindet oder nicht. Es geht um die Gewissheit, dass Leute irgendwo in Deutschland voll-verschleiert herumlaufen. Der Kleine Bürger hat Angst. Da braucht er keine Fakten. Er will seine Angst umhertragen. Diffusität ist Klarheit. Man möchte wieder ins Westdeutschland (natürlich mit dem Osten 🙂 ) von 1983. Irgendwie. Denn früher wusste man, was man hatte.

3. Der sozial Schwächere als Gegenpunkt

Natürlich wird auch über das Fehlverhalten der Eliten diskutiert. Viel lieber diskutiert der kleine Bürger über das Fehlverhalten der sozial Schwächeren: der Arbeitslose, der sich Geld vom Amt „erschlichen“ hat, die arme Wurst, die klauen muss, Kleinkriminalität ist so ein weiterer Punkt.

Damit man mich nicht falsch versteht: Diebstahl und Betrug ist ein amoralisches Verhalten, ohne wenn und aber. Mir geht es hier um die überdurchschnittliche Thematisierung, wenn sozial Schwache kriminell werden. Ich habe manchmal das Gefühl man preist das „falsche“ Verhalten der Eliten bereits mit ein. Man billigt den Eliten eine gewisse Schläue zu. Sie können ihr  „falsches“ Verhalten ja kaschieren.

Offensichtlichen Diebstahl bzw. Betrug kann man ja nicht verschleiern. Da kann man dann ungeniert draufhauen. Ob Flüchtlinge aus Syrien ob die vermeintliche Islamisierung: es erscheint so einfach sich als armer Zahlmeister zu inszenieren. Es ist doch alles so klar und unumstößlich. Wir sind die Opfer hier und jetzt. Irgendwo sind die Täter.

Und nun?

Ich habe bewusst ein sehr negatives Bild vom kleinen Bürger gezeichnet. Es soll sich abgrenzen vom positiven Selbstbildnis. Die Wahrheit wird (wieder mal) irgendwo in der Mitte liegen. Es ist zu kurz gegriffen nur von den „Enttäuschten“, den „Verlierern“ und den Nazis im PEGIDA-Zusammenhang zu reden. Es gibt auch mittig-konserative Aufsteiger.

Klar: wer will schon von sich zugeben, man könnte ein Nazi oder ein Stalinist sein. (Achtung: ich will hier beide Begriffe nicht einem Topf werfen, es geht mir nur um die Selbstzuschreibung). Wer will Diskussionen damit füllen, dass Eliten Schlupflöcher ausnutzen, um sich zu bereichern. Wir würden es doch gerne tun. Wir würden gerne „smart optimieren“. Wer will Diskussionen über Strömungen des Islam beginnen? Will ich damit konfrontiert werden, das ich keine Ahnung hab?

PEGIDA integrieren oder Ignorieren? Soll die CSU wieder allemöglichen Parolen raushauen? Oder soll sie das Feld Anderen überlassen? Ganz ehrlich: ich weiß es nicht! Wenn Diffusität Klarheit ist, wenn Fakten ignoriert werden, wenn es gegen die Anderen geht, wird Politik unmöglich. Aber nur Politik kann das Politische einhegen. Politiker müssen sich im Zweifel ausbuhen lassen. Einer Diffusität der Ängste können nur Fakten entgegengestellt werden. Genau hier liegt das Dilemma, genau ist der Widerspruch. Hier ist der Identitätskonflikt, hier ist das Politische. Leute müssen sich Fakten öffnen, müssen die andere Seite anerkennen. Sie müssen von ihrer Selbstgewissheit runter. Ignorieren bringt nichts. Ob ein Integrieren Erfolg haben wird ist ungewiss. Mag die PEGIDA verschwinden: die Wurzeln bleiben bestehen. Sie sind Teil einer jeden Gesellschaft.

Und noch eine kleine Mahnung an mich selbst: auch ich sollte mich nicht selbst überschätzen. Auch ich habe Ängste. Neugierde, Offenheit und Skepsis mögen diese Ängste beherrschbar machen. Trotzdem sind auch diese Ängste reaktivierbar. Ich habe an der Uni ein paar Leute getroffen, die Opfer ihres Selbstbildnis geworden sind. Es war ein Anderes als die der Kleinen Bürger. Aber auch dieses hat zu einer Selbstüberschätzung geführt. Letztendlich bin ich nur ein Mensch, ich koche auch nur mit Wasser.

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