Wenn Worte zur Hülle werden.

18 Apr

Hallo alle Miteinander,

in meinem Nachbarort Birkenwerder wird demnächst ein neuer Bürgermeister gewählt. Der Wahlkampf tobt, man kann die Plakate der Kandidaten in voller Pracht bewundern. Auch Roger Pautz möchte Bürgermeister werden.

Da hat der gute Mann sich was ganz besonderes einfallen lassen! Er hat sich mit Helene Fischer fotografieren lassen, das Foto gibt es im Postkartenformat. Überschrift: Helene grüßt ganz Birke! Atemlos für Birkenwerder! Im Hintergrund des Fotos lächelt uns ein Bild der ge-fotoshopten Kanzlerin an. Der Herr Pautz ist wohl CDU-Mitglied. Auf der Rückseite des Flyers sind noch einige Inhalte des Kandidaten abgedruckt. Die werden aber in den Hintergrund gerückt.

Ist doch alles ganz gewöhnlich, mag man da denken. Genau da liegt das Problem. Wir reden hier (nur) über eine Bürgermeisterwahl und hier wird schon mit Prominenz (fremder Leute) geworben. Slogans werden sinnentfremdet und nichtssagend. Das ganze Foto mit Fischer und der Kanzlerin im Hintergrund wirkt abgedroschen. Der Slogan wird zur bloßen Hülle. Die meisten Menschen. die diesen Flyer gesehen haben, werden bestenfalls irritiert, schlimmstenfalls schockiert sein. Aufmerksamkeit – darum geht es, sich heraus heben, das ist das Ziel!

Ich sehe durchaus das Dilemma von Herrn Pautz: wer gewählt werden will braucht Aufmerksamkeit, die ist aber nur schwer mit Inhalten zu bekommen. Dennoch bleibt die Frage: hat der Flyer wirklich Aufmerksamkeit erregt? Oder hat sich der Kandidat nicht der Lächerlichkeit preis gegeben?

Der Flyer ist keine große Hilfe um Politikverdrossenheit zu bekämpfen. Er bestätigt das Klischee, das sich Politiker vor der Wahl in Szene setzen um nach der Wahl zu verschwinden. Die Verdrossenheit verstärkt sich selbst: abgedroschene Wahlkämpfe führen zu abgedroschen Bürgern. Politiker müssen noch abgedroschenere Wahlkämpfe führen um durchzukommen usw usf.

Ich habe den den Eindruck, dass die Wahlkämpfer der PARTEI nur einen kleinen Schritt weitergehen um diesen Kreislauf aufzuzeigen. Es braucht nicht viel um den Politiker zur Karikatur seiner selbst werden zu lassen. Der Flyer des Herrn Pautz zeigt ein Dilemma einer Demokratie auf: einige müssen sich vom Wahlvolk abheben ohne dabei zu große Distanz zu gewinnen, wollen sie gewählt werden. Sie müssen sich sich und ihre Inhalte personalisieren ohne dabei den Inhalt zu vernachlässigen. Der Flyer hat also doch sein Gutes: an ihm kann man die Schwierigkeiten einer Demokratie skizzieren. Ich kann mich fragen, was ist wichtiger: Prominenz oder Inhalt; schöne Bilder oder tiefe Worte: flache Schenkelklopfer oder geistreiche Pointen? Bzw.: wo liegt die goldene Mitte, ist sie überhaupt erreichbar? Genau die richtigen Fragen für diesen Blog.

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